Interview

So, so! „Wer länger lebt, ist kürzer tot?“

Lesedauer: 13 Minuten

treu trifft - Dr. Malte Rubach

treu trifft - Dr. Malte Rubach

treu trifft - Thomas Reunert spricht mit Menschen, die was zu sagen haben. Heute: Autor und Ernährungswissenschaftler Dr. Malte Rubach

Beschreibung anzeigen

Iserlohn.  Dr. Malte Rubachs Ansichten zum Leben an sich, zum Putzen und zum Kaffeegenuss hören sich im ersten Moment etwas verwegen an.

Der Mann ist einfach nicht richtig einzuschätzen. Dr. Malte Rubach ist Ernährungswissenschaftler. Aber auf welcher Seite steht er? Er scheint wahrlich kein Verfechter des gnadenlose Askese zu sein, aber das „Einfach-mal-drauflos“ ist auch nicht sein Ding. Und wenn es um Kaffee geht, sind seine Ansichten zumindest mal „verblüffend“. Dass der Genuss der gebrannten Bohne nicht zwingend ins Grab führen muss, ist wohl schon bekannt. Dass Kaffee aber – zumindest gefühlt – auch ein Platz im Apotheken-Schränkchen beanspruchen könnte, mag doch einen einen oder anderen überraschen. Es war klar, dass wir bei unserem ersten Gespräch gar nicht alle Themen würden ansprechen können. Darum gibt es heute den versprochenen „Nachschlag“.

Herr Dr. Rubach, abwechslungsreich essen, viel bewegen und Genuss – so haben Sie schon mehrfach die Zutatenliste für ein langes Leben beschrieben. Gilt das auch oder gerade in Corona-Zeiten?

Ja, umso mehr. Erstens ist uns dadurch, dass wir ja ziemlich eingesperrt sind, einiges an Genuss entgangen. Also muss man versuchen, sich zuhause mit Genussmomenten zu versorgen. Das heißt aber nicht nur Chips, Schoko und Bier, sondern selber kochen, Rezepte rauskramen. Dadurch kommt Genuss in den Alltag zurück. Und dann natürlich Bewegung. Ich sage immer: Eine Stunde am Tag Alltagsbewegung ist am besten. Damit meint man eigentlich alles, was nicht Sport ist.

Wie kann man das schaffen?

Indem ich alles, was ich sonst am Tag so erledige, also Hausputz, Gartenarbeit, Bettenmachen – wenn man das in eine Stunde reinpackt, dann hat man wirklich körperliche Aktivität. Wenn man das analysiert, ist das ein mit mittlerer Intensität absolviertes Fitnessprogramm. Man hatte also Sport, hat alles erledigt und ist hinterher wieder auf einem guten Bewegungslevel.

Das mit dem Genuss ist mir sympathisch. Wie Sie vielleicht am Bildschirm sehen, esse ich gern und Sport ist auch nicht meine Kern-Leidenschaft – habe ich trotzdem eine Chance 100 Jahre alt zu werden? Vielleicht auch, weil mein Vater über 90 wurde?

Die Lebenserwartung hängt von vielen Faktoren ab. In unseren Industriestaaten ist sie natürlich sehr von dem Gesundheitswesen abhängig. Wenn Sie regelmäßig zum Check-up gehen. Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Darmkrebs lassen sich frühzeitig erkennen. Und dann kommen noch Ihre Gene dazu. Wenn man das hohe Alter Ihres Vaters berücksichtig, sind die ja wahrscheinlich ganz gut. Allerdings – je mehr Sie selbst in Ihrem Leben tun, desto unwichtiger werden die Gene. Je weniger Sie aber selber tun, desto wichtiger werden die Gene. Aber auch Ernährung und das soziale Umfeld kommen natürlich als Kriterien hinzu. Und der Genuss am Leben.

Sie sagen, den individuellen Genuss zu pflegen, heißt, die Sinne zu erhalten. Wie muss ich das verstehen? Ihr ultimativer Tipp ist ein Dinner im Dunklen und zur Steigerung auch noch mit verstopften Ohren. Coole Idee. Was passiert dann da?

Es gibt ja sogar Restaurants in Deutschland, in denen Sie dafür Geld bezahlen, im Dunkeln zu essen. Sie haben dann eben eine erhöhte Empfindlichkeit durch ihre Geschmack- und Geruchsrezeptoren auf Zunge und Nase. Weil das Auge nicht mitisst. Das Gleiche gilt auch, wenn Sie die Geräusche beim Essen ausblenden, dann kann man natürlich Genuss einbüßen, weil das Knacken und Crunchen, das Schlürfen und das Kauen wegfallen, was wir eigentlich tatsächlich brauchen, um auch Genuss zu empfinden, aber man erkennt eben auch die Wichtigkeit dieser Reize. Man nimmt die Aromen nicht mehr wahr, sondern erkennt nur noch die Geschmacksrichtungen, also scharf, salzig, süß, sauer und bitter. So kann ich für mich herausfinden, wie aktiv meine Sinne noch sind. Und wenn ich merke, dass das nicht mehr richtig funktioniert, kann ich mit einem Training beginnen für Geruch und Geschmack.

Aber noch einmal zu meinen geplanten 100. Das ist in Deutschland statistisch gar nicht so leicht, oder? Liegt es wirklich nur am Zweiten Weltkrieg?

Das spielt mit rein. In den Ländern, in denen es Krieg oder Hungerkrisen gab oder auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, sehen wir diesen Einbruch in der Lebenserwartung. Das liegt natürlich auch daran, dass erst das Gesundheitssystem wieder auf die Beine kommen muss. Es liegt aber auch daran, dass die Kindersterblichkeit mit in die Lebenserwartung reingerechnet wird. Wir haben hier allerdings eine spezielle Situation. Nicht nur durch die Weltkriege, sondern auch durch den danach erworbenen Wohlstand, der uns sowohl eine besonders hohe Lebenserwartung beschert hat, als auch die damit gewonnenen Lebensstil-Faktoren, wie zu viel Essen, Tabak und Alkoholkonsum, zu wenig Bewegung, wo da einfach wieder ein paar Jährchen verloren gehen.

Kommen wir wieder zur Ernährung. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Und die Pizza vom Lieferdienst ist schnell bestellt. Wie kann ich umdenken, wenn ich den Verdacht habe, dass ich besser mal umdenken sollte?

Das ist natürlich die größte Herausforderung, den Start erst einmal zu schaffen. Da gibt es mehrere Möglichkeiten. Zum einen kann ich natürlich versuchen, das Ganze auf eigene Faust zu machen. Dann empfehle ich jedem mal eine Woche aufzuschreiben, was man so isst, wann und wie viel. Um überhaupt mal einen Überblick zu bekommen. Das ist zwar etwas mühsam, aber es bewirkt eine unglaubliche Selbstreflexion. Wer das allein nicht hinbekommt, hat die Möglichkeit, entweder in eine Gruppe zu gehen oder auch zu einem von der Krankenkasse empfohlenen Gesundheitsberater. Wenn ich das Bild erst einmal habe, wie viel ich zu mir nehme, erkenne ich sehr schnell, warum das so ist. Liegt es daran, dass ich auf dem Weg zur Arbeit immer beim Bäcker vorbeikomme? Oder liegt es daran, dass ich morgens immer – ob mit oder ohne Familie – ein hektisches Frühstück habe, weil ich zu spät aufstehe?

Wie sieht der ideale Rubach-Teller am Ostersonntag aus?

Das kann ich noch nicht konkret sagen, weil wir noch planen. Momentan haben wir eine etwas vegetarische Phase. Aber wir haben so viele Rezeptbücher zu unterschiedlichsten Themen zuhause, da wird sich wahrscheinlich etwas herauspellen. Das übernimmt dankenswerterweise meine Frau, denn ich bin damit in der Regel überfordert.

Zu Ihrer Glücksformel gehört ja auch Sport. Was mache ich, wenn mein innerer Schweinehund so groß ist, dass er schon draußen steht?

Der Trick besteht auch hier wieder darin, sich selbst auszutricksen. Sie müssen letztendlich bestimmte Aktivitäten an bestimmte Bedingungen koppeln. Sie gehen wie jeder Mensch mehrmals die Woche duschen. Wenn Sie jetzt sagen, dass sich eine Dusche nur dann wirklich lohnt, wenn sie vorher Sport getrieben haben und dabei vielleicht auch an die Ressourcen und den Wasserverbrauch denken, dann wäre das ein Weg zu sagen, ich gehe auf jeden Fall ein halbe Stunde Spazieren oder Laufen oder mache Aerobic oder was auch immer -und dann kann ich duschen gehen. Oder ich plane meine Aktivitäten mit einer Gruppe. Und der letzte Punkt ist wirklich diese Alltagsaktivität. Auf die Rolltreppe zu verzichten, alles das, was in Haus und Garten anfällt, große Wäsche. Und alles möglichst in eine Stunde packen. Den Effekt kann man richtiggehend messen.

Wir wollen ja heute unbedingt auch noch über den Kaffee reden. Denn auch auf diesem Gebiet haben Sie geforscht, haben auch ein Buch geschrieben und behaupten: Die starke Bohne macht nicht nur wach, sie wirkt auch positiv auf Herz und Kreislauf, die Leber, die Nieren und die Verdauung. Sie hilft bei Migräne und kann sogar bei Ängsten und Depressionen eine Stütze sein. Sieht das Ihr Hausarzt auch so?

Ich habe keinen Hausarzt, geh dann immer sofort zum Spezialisten, wenn es sein muss. Aber ich weiß, worauf Sie abzielen. Das Thema „Kaffee“ ist in der Tat erstens mit vielen Mythen belegt, was eben negative Gesundheitseffekte betrifft, und dann gibt es wieder andere, die schwören auf Kaffee. Das hat sich auch lange Zeit in der Studienlage widergespiegelt. Ärzte sind da in der Regel relativ unbefangen, weil sie wirklich am Patienten arbeiten und sagen: Okay, wenn Du es nicht verträgst, dann lass es sein. In der alternativen Heilkunde wird Kaffee oft mit negativen Effekten wie Übersäuerung des Körpers oder Schlacken in Verbindung gebracht. Das kann man vollumfänglich von der Hand weisen. Mir ging es hauptsächlich darum zu zeigen, nachdem jetzt 2018 eine sehr große Übersichtsstudie herausgekommen ist, die belegt: Kaffee tut keinem was.

Sie sagen weiterhin: Kaffee beinhaltet weit über 800 Inhaltsstoffe, viele davon sind bisher fast gänzlich unerforscht. Kaffee gilt mit seinen zahlreichen enthaltenen Ingredienzen als komplexestes Lebensmittel und Genussmittel überhaupt. Können Sie mal die wichtigsten aufzählen?

Da sind mengenmäßig auf jeden Fall die Melanoidine zu nennen. Das ist der Pigmentstoff, der für die schwarze Kaffeefarbe verantwortlich ist. Sie machen ein Viertel der gelösten Inhaltsstoffe aus und von denen weiß man, dass sie antioxydativ sehr wirksam sind. Die gibt es nur im Kaffee. Das zweite ist natürlich das Koffein und damit eigentlich der am besten pharmakologisch erforschte Naturstoff, den es gibt. Da gibt es auch gewisse Mythen. Man kann sagen, es gibt Menschen die sind koffeinempfindlicher als andere, die sollten das auch genau austesten. Bekannt ist vom Koffein aber auch, dass es verantwortlich sein könnte für die präventive Wirkung bei Demenz, Parkinson und Alzheimer. Das Risiko für Kaffeetrinker, an Herzinfarkt zu sterben, ist übrigens 50 Prozent schwächer als bei Nicht-Kaffeetrinkern.

Um einen morgendlichen Schwung zu bekommen, empfehlen Sie angeblich einen Black Eye. Dem aus Filterkaffee bestehenden Black Eye werden für eine erquickende Wirkung noch ein bis zwei Espressi hinzugefügt. Spätestens da fliegt einem Normalo doch die Sicherung raus bzw. die Batterie aus dem Herzschrittmacher, oder?

Das ist in meinem Kaffee-Konfigurator in der Tat der stärkste Kaffee, den ich jemals entdeckt habe. Er wurde von nordamerikanischen Lastwagenfahrern entdeckt.

Ich fasse mal mit einem Zitat von Ihnen zusammen: Egal, was in den letzten 40 Jahren erzählt wurde über negative Kaffeewirkungen, das hat sich inzwischen umgekehrt. Kaffee ist zwar kein Heilmittel, das heißt, wenn ich krank bin und dann anfange, Kaffee zu trinken, werde ich nicht gesünder. Die Wirkung ist von vorbeugendem Charakter. Sie sind mit einer Brasilianerin verheiratet – was treibt Sie zu solchen Aussagen? Der Wissenschaftler oder die Liebe?

Da bin ich ganz Wissenschaftler und habe darüber auch meine Doktorarbeit geschrieben, noch bevor ich meine Frau kennengelernt hatte. Hatte bis zu dem Zeitpunkt auch noch gar keinen Kaffee getrunken, bis ich mir ihr zum ersten Mal in Rio de Janeiro war. Bis dahin hatte ich immer heißes Wasser getrunken, weil mir die Teebeutel auf die Nerven gegangen sind.

Und Kaffee ist meinen Plänen, 100 zu werden, tatsächlich nicht hinderlich?

Auf keinen Fall. Man sagt ja immer: Wer länger lebt, ist kürzer tot. Oder andersherum. Es kommt immer nur darauf an, wie sehr Sie es darauf anlegen, früher aus dem Leben zu scheiden. Stürze sind übrigens ein unterschätzter Grund für Todesfälle. Noch vor Schlaganfällen.

Dann wünsche ich Ihnen und Ihrer Familie jetzt von Herzen frohe Ostern. Wahrscheinlich bei einer guten Tasse Kaffee.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben