Bundestagswahl

So will Ingo Stuckmann als Grünen-Kandidat das Klima retten

| Lesedauer: 7 Minuten
Neun Kandidaten - sechs Fragen: Ingo Stuckmann (Grüne)

Neun Kandidaten - sechs Fragen- Ingo Stuckmann (Grüne)

Bei der Bundestagswahl 2021 werben im Wahlkreis 150/Märkischer Kreis II acht Männer und eine Frau um die Gunst der Wähler. Redakteur Torsten Lehmann stellt ihnen im Video-Interview sechs Fragen - drei sind für alle gleich, drei auf den jeweiligen Kandidaten und seine Partei zugeschnitten. Die Kandidaten haben nach kurzer Bedenkzeit 20 Sekunden Zeit zum Antworten.

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Iserlohn.  Dr. Ingo Stuckmann kandidiert bei der Bundestagswahl im Wahlkreis Märkischer Kreis II für Die Grünen. Für die Bürger hat er eine gute Botschaft.

Ingo Stuckmann ist jemand, der eine Antwort gefunden hat: auf die Frage nach der Lösung für die Klimakrise und wie wir unseren Kindern – er ist selbst vierfacher Vater – eine bessere Zukunft schenken können. Wenn der 53-Jährige erläutert, wie die Energiewende ganz einfach gelingen würde und dabei sogar noch Geld gespart werden könne (das nennt er seine „gute Nachricht“), ist er kaum zu bremsen. Für seine Botschaft wirbt er so eindringlich, weil er Sorge hat, dass sie nicht gehört wird – so wie das bislang der Fall sei. Die Bundesregierung unter Angela Merkel habe die Energiewende „verhindert“, sagt und schreibt er auf diversen Kanälen wie etwa seinem Blog.

„Deshalb haben wir 2020 unsere Klimaziele in Deutschland nicht erreicht – obwohl das eine Milliarde Euro günstiger gewesen wäre“, klagt er an. „Seit 2017 haben wir Ökostrom zum halben Preis, und keiner hat es mitgekriegt. Das kann nicht sein, das darf nicht sein!“ Deshalb nimmt Ingo Stuckmann die Sache selbst in die Hand und will als Direktkandidat von Bündnis 90/Die Grünen für den Wahlkreis 150/Märkischer Kreis II in den Bundestag einziehen. „Ich bin der Klima-Kandidat“, sagt er selbstbewusst.

Ökostrom sei jetzt schon günstiger, sagt er vehement

Als Treffpunkt für den Gesprächs- und Fototermin mit der Heimatzeitung hat er sich eine Weide auf dem Mühlenberg ausgesucht, wo Schäfer Maik Randolph gerade seine Ziegen und Schafe grasen lässt. Natur, Tiere, Sonnenschein: Hier ist Ingo Stuckmann in seinem Element. „Ich sitze beruflich so viel im Büro und vor dem Computer, da ist es sehr heilsam, draußen unterwegs zu sein“, sagt der 53-Jährige, der gern Rad fährt und früher Ski gefahren ist.

Seine Familie stamme aus der Gegend um Lemgo (bei Bielefeld) in Ostwestfalen, geboren ist er 1967 in Langenhagen bei Hannover, wo er auch aufwuchs. „Am Wochenende ging es aber immer zu meiner Oma in Westfalen“, erinnert er sich. Sein Vater stirbt, als er sieben Jahre alt ist, seine Mutter zieht ihn und seine Schwester alleine auf. „Ich weiß noch, dass wir als Kinder in die Geschäfte gehen mussten, um die Wurstenden günstiger zu kriegen. Wir haben geholfen, wo wir konnten“, erzählt er. In der Schule entdeckt er seine Leidenschaft für Sprachen und Naturwissenschaften und entscheidet sich nach dem Abitur für ein Studium der Chemie und Biochemie an der Universität Hannover.

Prägende Erfahrung: Auf die eigene Vernunft vertrauen

Seine Promotion in der medizinischen Grundlagenforschung zieht ihn nach Heidelberg und an die Harvard Medical School in Boston, anschließend ist er in den USA als Wissenschaftler tätig. Zu diesem Zeitpunkt ist er noch nicht politisch aktiv, aber bereits ein meinungsstarker Verfechter für die Energiewende. „Als ich mein Abitur machte, wurde in der Schule gelehrt, dass erneuerbare Energien eigentlich die Lösung sind, aber leider zu teuer. Nur ein Jahr später habe ich eine Initiative kennengelernt, die ein Bürgerwindrad gebaut hat“, berichtet er von einer prägenden Erfahrung als junger Erwachsener. „Offensichtlich war es doch wirtschaftlich möglich. Das hat mich darin bestärkt, auf meine eigene Vernunft zu vertrauen.“

Nach dem Abitur lernt er seine spätere Ehefrau in Spanien kennen, Anfang der 2000er ziehen die beiden nach Mühlheim an der Ruhr. In dieser Zeit kehrt Ingo Stuckmann der Forschung den Rücken und gründet mit fünf Freunden in NRW ein Planungsbüro für Wind- und Solarenergie. „Das war mir eine Herzensangelegenheit. Als wir unser erstes Kind bekommen haben, haben wir angefangen, im Supermarkt nach Bioprodukten Ausschau zu halten. Als nächstes haben wir uns gefragt, wo kommt eigentlich unser Strom her? Aus Kraftwerken, die CO2 produzieren und die Zukunft unserer Kinder kaputt machen? Das ging gar nicht.“

Bundesregierung soll die Energiewende sabotiert haben

2015 gründet Ingo Stuckmann einen Think Tank für die 21. Pariser Klimakonferenz, er stellt Daten bereit und will erreichen, dass seine Botschaft gehört wird: Die Energiewende ist nicht nur finanzierbar, sondern sogar günstiger als die Alternative – von dem Ergebnis ist er enttäuscht. „Auch in der Presse ist das überhaupt nicht thematisiert worden, außer in der Fachpresse“, verweist er auf eine Mitverantwortung der Medien.

Das Geschäft mit der Planung von Ökokraftwerken in Europa und den USA floriert, bis die Branche 2017 dramatisch einbricht. „Damals mussten wir 18 von 21 Mitarbeitern entlassen – unter anderem ich mich selbst auch“, berichtet der 53-Jährige. Der Crash sei kein Zufall gewesen, sondern eine Folge der Kürzung der staatlichen Förderung: „Wir waren Weltmarktführer im Bereich Solarenergie. Das wird auf einmal politisch gewollt zum Einsturz gebracht unter dem Vorwand der Kosten – gerade in dem Moment, als die erneuerbaren Energien günstiger wurden als die fossilen Brennstoffe. Das habe ich nicht verstanden. Damals habe ich ein bisschen das politische Urvertrauen verloren.“

Daraufhin will Ingo Stuckmann selbst politische Weichen stellen und wird Mitglied der Grünen. 2018 engagiert er sich in der Klimaschutz-NGO von Al Gore, 2019 auf Bundesebene bei der Initiative „Parents for Future“. Heute wirkt er in Arbeitsgemeinschaften der Grünen auf Bundes- und Landesebene in den Bereichen Ökologie, Finanzen und Wirtschaft mit.

Vegetarier können das Klima nicht alleine retten, sagt er

In seinem Wahlkreis, wo der 53-Jährige seit Monaten jedes Wochenende im „Haustür-Wahlkampf“ zubringt, möchte er die Industrie stärken und die Umstellung auf Ökostrom erleichtern. Außerdem hat er die Förderung von Kindern aus sozial schwachen Familien und den Fachkräftemangel im Auge, dem er durch eine modulare Ausbildung begegnen will. Zudem solle der ÖPNV mit App-gesteuerten Sammeltaxis schneller, günstiger und sicherer werden. Auch die Fahrradfreundlichkeit und die ärztliche Versorgung im ländlichen Raum nennt er als persönliche Anliegen.

Ingo Stuckmann ist evangelisch, glaubt „an das Gute im Menschen“. Er hört gern Jazz und geht mit seiner Frau am liebsten dorthin aus, wo es Livemusik gibt – wenn Corona und der Wahlkampf vorbei sind, wieder öfter, hofft er. Klavier und Gitarre hat er selbst mal gespielt, aber „talentmäßig sehr begrenzt“, sagt er schmunzelnd. Wegen seiner „Wochenendbeziehung“ esse er viel Fastfood, gibt er zu, auch Pizza und Döner – Vegetarier ist er nicht. „Aber ich versuche, wenig Fleisch zu essen.“ Die Landwirtschaft spiele auch eine Rolle in der Klimakrise, aber fossile Kraftwerke und die Industrie stünden an erster Stelle.

Als Abschiedsgeschenk holt Ingo Stuckmann aus dem Kofferraum seines Teslas eine Laubsäge-Medaille. „Klimaschutz rechnet sich“, steht auf einer Seite, in der Mitte eine lächelnde Sonne. Und: „Es gibt keine Ausreden mehr.“

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