Unterhaltsames

Statistiken zum Vergessen

Zum Verrücktwerden: Manche Statistik braucht kein Mensch.

Foto: Denise Ohms

Zum Verrücktwerden: Manche Statistik braucht kein Mensch. Foto: Denise Ohms

Iserlohn.   Wie viele Kanaldeckel gibt es in Iserlohn? Und wie viele Mettbrötchen werden im Rathaus verspeist? Ein Überblick über Informationen, die kein Mensch braucht.

Hätten Sie’s gewusst? Die Wahrscheinlichkeit, durch einen Stuhl zu sterben, ist fünf Mal größer, als von einem Hai unfreiwillig aus dem Leben befördert zu werden. Esel scheinen dafür weltweit eine echte Plage zu sein – schließlich sorgen sie alljährlich für mehr Todesfälle als etwa Flugzeuge. Und: Mit dem emeritierten Josef Ratzinger und Franziskus gibt es im Vatikan aktuell zwei Päpste pro Quadratkilometer. Weltweit einzigartig, na klar.

Was das alles mit Iserlohn zu tun hat? Wenig bis gar nichts. Hai-Angriffe im Seilersee sind nicht belegt, Esel scheinen ebenfalls kein wirkliches Problem darzustellen. Auch das Papst-Vorkommen in der Waldstadt geht erwiesenermaßen gegen Null.

Mensch macht Statistik, und Statistik macht Mensch

Die genannten Fakten zeigen aber, wie obsessiv Menschen Daten sammeln. Und das nicht erst, seit Google, Facebook und Co ihre Nutzer vollautomatisch ausspionieren. Um Verbrauchern Werbung passgenau zuschustern zu können, damit man uns noch den letzten Ramsch andrehen kann, vom Eierschalensollbruchstellenverursacher (ja, gibt es wirklich) bis zum Bananenschäler.

Mensch macht Statistik, und Statistik macht Mensch. Statistik, das ist so etwas wie die heimliche Religion des Bildungsbürgertums. Aussagekräftig ist sie nicht immer, dafür oft unterhaltsam.

Wer in Iserlohn Zahlen, Daten und Fakten – auch etwas abseitiger Natur – erfahren will, fragt am besten bei Stadt, Stadtwerken und Stadtbetrieben nach. So ließen Gäste im vergangenen Jahr 242 Paar Badeschlappen im Seilerseebad zurück. Ausgewiesene Wasserratten scheinen die offenbar bevorzugt barfüßigen Iserlohner insgesamt aber nicht zu sein – mit 120 Litern an täglichem Verbrauch pro Kopf liegen sie drei Liter unter dem bundesdeutschen Schnitt.

Damit bei den 95 231 Waldstädtern daheim Strom, Gas und Wasser fließen, spulten die Monteure der Stadtwerke im vergangenen Jahr ganze 30 2000 Kilometer runter. 9500 Trinkwasseranalysen wurden durchgeführt, 4094 Hydranten stehen verteilt auf 125,49 Quadratkilometern Stadtgebiet.

Lichtzeichenwechselanlagen versus Feierabend daheim

Kaum zu glauben aus Sicht der vom Feierabendverkehr geschädigten Iserlohner mit

ihren 52 886 Pkw für 536 Kilometer Straßennetz: In der Waldstadt gibt es lediglich 75 Ampelanlagen, wobei man an Kreuzungen nicht von vier Ampeln, sondern von einer einzelnen Anlage spricht. Im Amtsdeutsch werden für Ampeln übrigens die zeitlos schönen Begriffe Lichtsignal- oder Lichtzeichenwechselanlage als Synonyme verwendet.

Apropos Ämter: Die wichtigste Behörde Iserlohns ist ohne Zweifel die Stadtverwaltung. Dort wurden im vergangenen Jahr 4988 Hälften Mettbrötchen verspeist (gibt’s in der Caféteria leider nur freitags), garniert mit 625 Zwiebeln. Hinzu kamen 2750 gekochte Eier. Angaben zum Kekskonsum werden seitens der Stadt verweigert.

Eine Einordnung der Fairness halber – wer nun vermutet, die Verwaltung würde Ressourcen auf die Sammlung allzu unnützer Daten verschwenden, dem sei gesagt: Genannte Informationen, die nun wirklich kein Mensch braucht, wurden von dieser Redaktion explizit angefragt.

Tendenz geht zum Radverlust

Ebenfalls auf die Kappe des Autors dieser Zeilen gehen folgende für Ihren weiteren Lebensweg sicher eminent wichtigen Informationen: 1010 Straßen/Wege- und Platzbezeichnungen gibt es in Iserlohn, 20 668 Hausnummern, 2803 Stromkästen, 8864 Straßenlaternen und ganze 14 771 Gullideckel.

Im Fundbüro des Rathauses werden alljährlich um die 500 Fundstücke abgegeben, in diesem Jahr unter anderem ein Gebiss und mehrere Rollatoren. Tendenziell scheinen die Iserlohner, blickt man auf die vergangene Jahre, offenbar des Radfahrens zunehmend überdrüssig zu werden. Während 2015 nur 25 Räder beim Fundbüro landeten, waren es 2016 schon 53 und 2017 dann ganze 65. Der Trend geht also zum Radverlust.

Warum das so ist? Wer weiß, doch ist etwa die Fahrt über 60 Kilometer Radwege vom niedrigsten Punkt Iserlohns, dem Ruhrufer in Rheinen (106,2 Meter über NN) auf den Rüssenberg in Kesbern (493,9 Meter über NN) mit allem, was dazwischenliegt, alles andere als ein Fall für Vergnügungssteuer.

Zuletzt: Was das alles mit einem Bikini zu tun hat

Und apropos Steuern: die zahlen in Iserlohn – zumindest wünschenswerterweise – 5657 Industrie-, Dienstleistungs- und Handelsunternehmen, 781 Handwerksbetriebe und 35 099 sozialversicherungspflichtig beschäftigte Bürger. Rund 124,3 Millionen Euro an Einnahmen hatte die Stadt Iserlohn hier für das laufende Jahr erwartet.

Was das für das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen des gemeinen Iserlohners bedeutet, ist unklar. Gemein ist in diesem Zusammenhang aber vor allem auch die Tatsache, dass wenn einer von zwei Männern zwei Millionen und der andere nichts in der Brieftasche hat, statistisch betrachtet beide Millionäre sind.

Und so sind alle erwähnten und nicht erwähnten Zahlen, Daten und Fakten dieser Art mit Vorsicht zu genießen. Statistik – das ist wie ein Bikini. Sie zeigt viel Interessantes, doch verhüllt oft das
Wesent-
liche.

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