Hagener Schwurgericht

„Er hat alle geschlagen, wenn er wieder betrunken war“

Justitia am Landgericht Hagen.

Justitia am Landgericht Hagen.

Foto: Cornelia Merkel

Hagen/Iserlohn.  Im Totschlagsprozess vor dem Hagener Schwurgericht wurden die Lebensumstände des Angeklagten beleuchtet.

Es waren nicht die tragischen Tatumstände des 9. März, die gestern im Totschlagsprozess vor dem Hagener Schwurgericht im Mittelpunkt standen. Vielmehr versuchte die Kammer, sich durch Zeugenbefragungen ein Bild von den Lebensumständen und Lebensgewohnheiten des heute 60-jährigen Angeklagten Nikolay Z. zu verschaffen, der in seiner Wohnung an der Danziger Straße einen 42-jährigen Bekannten erstochen haben soll. Zugleich versuchte das Schwurgericht aber auch, mehr über das Opfer zu erfahren.

Was Nikolay Z. anbelangt, gab es durchaus unterschiedliche Bewertungen. So bezeichnete eine ambulante Pflegekraft, die den Angeklagten über mehrere Jahre betreut hatte, diesen als „insgesamt vernünftigen Klienten“. Zwar habe es immer wieder klare Anhaltspunkte für starken Alkoholkonsum gegeben, weswegen Nikolay Z. ja auch einen rechtlichen Betreuer hat. Bei ihren Besuchen habe sich der Angeklagte diesbezüglich aber immer zurückgehalten. Auch habe er seine kleine Wohnung halbwegs in Ordnung gehalten. Aggressive Verhaltensweisen seien im Laufe der Betreuung spürbar zurückgegangen. Gleichwohl kam aber auch zur Sprache, dass es ernstere Vorfälle gegeben haben soll. So sei unter anderem eine Vertretungskraft vom Angeklagten unter Vorhalt eines Messers zum Verlassen der Wohnung aufgefordert worden.

Ex-Frau hatte Angstum ihre Kinder

Befragt wurden auch die Ex-Frau, die Stieftochter und der Stiefsohn des Angeklagten. Die berichteten übereinstimmend, dass Nikolay Z. schon immer gerne dem Alkohol zugesprochen habe, was sich in der letzten Zeit vor der Übersiedlung von Kasachstan nach Deutschland verstärkt habe. Nach der Übersiedlung sei der Alkoholkonsum dann endgültig außer Kontrolle geraten. „Er hat alle geschlagen, mich auch, wenn er wieder viel getrunken hatte“, berichtete die Stieftochter. Noch in Kasachstan sei sie auch sexuell belästigt worden. Die Ex-Frau berichtete, sie sei von ihrem Ex-Mann mit dem Messer bedroht worden. Sie habe Angst um ihre Kinder gehabt. In Kasachstan lebte die Familie eher in einem ländlichen Umfeld, einige Zeit arbeitete der Angeklagte dort als Treckerfahrer.

„Mein herzliches Beileid für Ihren Verlust!“Mit diesen Worten begann der Vorsitzende Richter Marcus Teich die Befragung der Mutter des Opfers. Dieses hatte bis zur Tat in der Wohnung der Mutter gelebt. Sie berichtete, dass ihr Sohn den Angeklagten bei der Arbeit kennengelernt habe. „Mein Sohn hat viel Alkohol getrunken, in den letzten zwei Jahren dann nochmal mehr“, sagte sie auf Nachfrage. In der Wohnung habe er sich aber immer korrekt verhalten. Am Tattag gab es noch ein gemeinsames Mittagessen, gegen 16 Uhr habe er dann die Wohnung verlassen. Das war das letzte Mal, dass sie ihn lebend gesehen hatte. Nachts, als die Polizei mit dem Schlüssel des Sohnes die Wohnung öffnete, erfuhr sie dann, was an der Danziger Straße geschehen war.

Interessant: Die Pflegekraft des Angeklagten hatte für einige Monate auch das Opfer betreut. Und sie wollte durchaus Unterschiede zwischen den beiden Männern ausgemacht haben. Während der Angeklagte zumindest bemüht gewesen sei, das eine oder andere zu ändern, sei das Opfer immer stark betrunken gewesen. Deswegen sei das Pflegeverhältnis schließlich auch beendet worden. Zur Erinnerung: Im Tatzeitraum wurden beim Angeklagten 2,92 Promille Blutalkohol gemessen, beim Opfer fast vier Promille.

Das Verfahren vor dem Hagener Schwurgericht wird nun am 25. September um 9 Uhr fortgesetzt.

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