Corona-Krise

The Show can’t go on

Der Musiker, Sänger und Chorleiter Jens Dreesmann ist als Soloselbstständiger in seiner Existenz gefährdet. Er meint aber generell: „Corona ist etwas, mit dem jeder ein Stück erwachsener werden kann.“

Der Musiker, Sänger und Chorleiter Jens Dreesmann ist als Soloselbstständiger in seiner Existenz gefährdet. Er meint aber generell: „Corona ist etwas, mit dem jeder ein Stück erwachsener werden kann.“

Foto: Ralf Tiemann

Iserlohn.  Jens Dreesmann ist einer von vielen Solo-Selbstständigen, für die die Corona-Krise existenzbedrohende Züge annimmt.

Als die Corona-Epedemie Anfang des Jahres in China ausbrach und noch sehr weit weg war, hatte auch Jens Dreesmann das Ganze noch gar nicht so wahrgenommen. Als das Virus näher kam und die Lage ernster wurde, wurde ihm langsam klar, dass das mit gehörigen Einbußen einhergehen wird. Inzwischen steht für den Sänger und Entertainer fest, dass er als Solo-Selbstständiger sicherlich zu den Härtefällen zählt, für den die Corona-Krise existenzbedrohende Züge annimmt.

„Es ist im Grunde alles weggebrochen“, sagt Dreesmann, der als freischaffender Musiker einen eigenen und ohnehin nicht sehr sicheren Weg in der Selbstständigkeit gewählt hat. Ich habe mir das selbst so ausgesucht“, sagt er. Selbstständig zu sein, sei ein großes Stück Freiheit. Und nach vielen Jahren im Show-Geschäft habe alles auch sehr gut funktioniert, zumal er als Musiker sehr breit aufgestellt ist.

Sein Fokus liegt auf der Bühne: Konzerte solo, mit seiner Band „Voice of Swing“ oder auch als „Dream-Team“ mit seiner Gesangs-Partnerin Joana Toader, vor allem aber als Haupt-Einnahmequelle Engagements als Entertainer bei Feiern aller Art von der Hochzeit bis zur großen Firmen-Gala. Bis nach Sylt zu den großen Partys von Fisch-Mogul Jürgen Gosch reicht sein Frank-Sinatra-Timbre inzwischen. Daneben unterhält er ein kleines Studio, in dem er zuletzt Sprachaufnahmen für ein E-Learn-Portal aufgenommen hat. Er hat ein paar Gesangsschüler und leitet zwei Chöre.

Chöre bleiben vorerst einziges Standbein

Die beiden Chöre – „Ohrclip“ in Kalthof und der Herz-Jesu-Chor in Hennen – seien das einzige Standbein, das noch nicht eingeknickt sei. Es wird zwar nicht mehr geprobt, aber aus dem Homeoffice heraus versorgt Dreesmann seine Sängerinnen und Sänger mit Übe-CDs für neue Lieder, auf denen er die verschiedenen Stimmen selbst eingesungen hat. Für den Hennener Kirchenchor gibt es eine kleine Aufwandsentschädigung von der Gemeinde, von dem weltlichen Kalthofer Chor, der sich über Mitgliedsbeiträge finanziert, bezieht er ein kleines Honorar – beides reiche aber maximal für die Kaltmiete, sagt er mit eher bitterer Miene.

Ansonsten seien alle Einnahmen weggebrochen. Der Unterricht, für den er pro Stunde bezahlt wird, steht still, ins Studio geht niemand mehr und vor allem ist das Show-Geschäft komplett zusammen gebrochen. „Zuerst habe ich meine eigenen Konzerte abgesagt“, sagt Dreesmann. Gestern Abend hätte er eigentlich in Soest auf der Bühne gestanden, am 4. April im Henkelmann und für den 26. April war ein Chorkonzert mit „Ohr-Clip“ geplant. „Ich muss da ja auch an die Gesundheit der älteren Konzertbesucher denken“, begründet er die frühe, freiwillige Absage lange bevor von oben jede Ausgehmöglichkeit unterbunden wurde. Jetzt zeichne sich aber immer mehr ab, dass im Mai, im Juni und womöglich auch danach das lukrative Geschäft bei Feiern und Veranstaltungen komplett ausfällt.

Bei Benefizveranstaltungen verzichten Bühnenkünstler oft auf Gagen

Nun sind Musiker wie Jens Dreesmann durchaus Kummer gewohnt. Schließlich werden sie auch ohne Corona-Krise von Veranstaltern gerne mal zur Ehrenamtlichkeit genötigt. Und sollte es wieder einmal zu Wohltätigkeitsaktionen kommen, sind es natürlich zuallererst die Bühnenkünstler, die bei Benefizveranstaltungen ganz selbstverständlich auf ihre Gage verzichten sollen. „Außerdem bin ich sicherlich kein Typ, der jammert“, sagt der 55-Jährige, was man ihm auch sofort abnimmt. Denn im Gespräch über die aktuelle Lage verwendet Jens Dreesmann die meiste Zeit darauf, sein „Luxus-Problem“ richtig einzuordnen: „Was sollen den Menschen in Syrien sagen, die seit Jahren unter dem Krieg leiden?“

Wir seien dagegen doch in der glücklichen Situation, eine solche Krise bisher noch nie erlebt zu haben, was jetzt vielleicht auch ganz gut tun könne – sich ein wenig zu erden und sich selbst mit dem, was man tut, nicht ganz so wichtig zu nehmen. Jetzt seien alle gefordert, diese Situation vernünftig und ohne Panik zu meistern und auch mit der Unsicherheit zu leben, was die nächsten Monate bringen.

„Corona ist etwas, mit dem jeder ein Stück erwachsener werden kann“, sagt er mit Blick auf die immer noch vielen Menschen, die die Bedrohung nicht ernst nehmen und sich auf eher kindische Weise den Maßnahmen verweigern. Und zu aller erst seien seine Gedanken ohnehin bei seinen Eltern, die natürlich zur Risikogruppe gehören, und bei seinen Söhnen, die er derzeit weniger sehe.

Hoffnung auf staatliche Unterstützung

Und doch: Auch die Hoffnung, dass der Staat hilft, dass er die derzeitige Notsituation schadlos übersteht, treibt ihn auch um. Solo-Selbstständige, von denen es in Deutschland vom Taxifahrer bis zum Entertainer einige Millionen gebe, seien nicht organisiert und hätten auch keine Lobby. Beim Finanzamt könne er wohl seine Steuervorauszahlung für das nächste Quartal stunden, und auch den Eigenanteil bei der Künstlersozialkasse könne er über eine Korrektur der zu erwartenden Einnahmen für 2020 herunterfahren. Das sei es dann aber auch an Möglichkeiten der Kostenreduzierung gewesen. Von einer Art staatlicher Hilfe habe er noch nichts gehört. „Ein zinsloser Kredit wäre vielleicht schon mal ein gutes Signal“, sagt er.

Er selbst habe einen kleinen Puffer, mit dem er zwei, maximal drei Monate ohne Einnahmen über die Runden kommen könne. Sollte es danach mit der Krise weitergehen, was ja durchaus realistisch sei, müsse Plan C greifen. „Es werden ja auch noch Erntehelfer gesucht“, sagt er lachend. Beim Blick in die fernere Zukunft, schlägt bei dem Musiker aber sofort wieder die Zuversicht durch. Natürlich werde es nach Corona auch im Show-Geschäft wieder irgendwie weitergehen. „Auch ich werde irgendwann wieder auf einer Bühne stehen.“

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