Nachruf

Tod von Sigurd Pütter: Iserlohn verliert besonderen Menschen

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Mit Dr. Sigurd Pütter verliert Iserlohn einen besonderen Menschen. Abschiedsworte

Mit Dr. Sigurd Pütter verliert Iserlohn einen besonderen Menschen. Abschiedsworte

Foto: WRONSKI, Josef

Iserlohn.  Er war Macher, Lenker, Patriarch aber auch Teamplayer und Familienmensch: Dr. Sigurd Pütter ist im Alter von 79 Jahren gestorben

Wahrscheinlich oder ganz bestimmt haben sie sich zu Lebzeiten nicht persönlich kennengelernt: Der französische Autor und Philosoph Albert Camus und der Iserlohner Unternehmer Dr. Sigurd Pütter. Ebenso wahrscheinlich hätten sie sich im Dunst ihrer gemeinsamen Zigaretten-Leidenschaft auch kaum richtig tief in die Augen sehen können. Aber es gibt Sätze und Gemeinsamkeiten im Leben der beiden Männer, die ihre Seelen verbinden. Camus sagte einmal: „Das Leben verlieren ist keine große Sache; aber zusehen, wie der Sinn des Lebens aufgelöst wird, das ist unerträglich.“ Das ist mit Sicherheit ein Satz, den Dr. Sigurd Pütter sofort unterschrieben hätte. Und man hätte auch seinem Gesicht und vor allem seinen Augen angesehen, wie tief in Herz und Seele ihn so eine Erkenntnis bewegt hätte.

Ein echter Iserlohner mit Wurzeln auf Bauernhöfen

Es ist an dieser Stelle aber auch so unendlich schwer, Dr. Sigurd Pütter, der sich am Freitag im Alter von 79 Jahren einer schweren Krankheit ergeben musste, mit geschriebenen Worten Adieu zu sagen. Schwer schon deshalb, weil das Beschreiben seines umtriebigen Lebens immer unvollständig sein muss. Er würde nicht wollen, ihn als „großen Sohn“ dieser Stadt zu verabschieden. Aber als „wertvollen Mit-Menschen dieser Stadt“? Das würde ihm vermutlich gefallen. Großes Brimborium um sich selbst war zu keiner Zeit sein Ding. Als er einmal von seiner Jugend erzählte, sagt er unter Einbeziehung der Geschichte seines Vaters, dem Selfmade-Unternehmer, mit stolzem Unterton, dass sie „echte Iserlohner Sauerländer“ seien. Mit Wurzeln auf Bauernhöfen in Hennen und Drüpplingsen. Das erklärt dann vielleicht auch seine frühe Liebe zu Pferden, die ihm bereits sein Großvater in die Wiege legte. „Unser Oppa kaufte ‘spinnende Böcke’ und verkaufte sie nach einem Erziehungsaufenthalt bei ihm!” Hörte sich im Gespräch drollig an damals, war aber wohl einer der Belege für die Bodenständigkeit und den Geschäftssinn der damaligen Pütter-Männer. Dass daraus einmal ein international beachtetes Reit- und Springturnier samt gesellschaftlichen Ereignis am Kuhlo werden würde, haben die Pütters vermutlich anfangs noch nicht einmal auf dem Schirm gehabt. Aber sie haben es einfach gemacht. Bis der Ver- und Kontostand um die 1988 sagte, dass es sinnvoller sei, das letzte gerissene Hindernis nicht wieder aufzubauen und das wertvolle Firmen- und Privat-Geld lieber in andere perspektivischere Aktivitäten zu investieren.

Vor zwanzig Jahren haben wir zusammen einmal über Heimatliebe und Iserlohn gesprochen. Und Dr. Pütter sagte damals: „Ich empfinde hier Heimat. Richtig erklären kann ich das noch nicht einmal. Das hat was mit den Menschen zu tun. Hier kauft man ein, hier lebt man.” Und damit begründete er auch seine vielen ehrenamtlichen Aktivitäten z.B. in der SIHK-Spitze, in der Wirtschaftsinitiative Nord, setzte dafür in sich und sichtbar nach außen auch große Kräfte frei. Eben auch über Iserlohn hinaus. „Ist doch auch ganz einfach. Seine Heimat zu lieben, heißt doch auch, sie konkurrenzfähig und erlebenswert zu er halten. Und da muss man auch schon einmal über den Tellerrand schauen.”

Und viele seiner heimischen Aktivitäten, wie zum Bespiel auch die großzügige Förderung des Erhalts der Bauernkirche, hatten eben auch etwas mit einer Form von Dankbarkeit zu tun. In einem Gespräch mit der Heimatzeitung zum 70. Geburtstag sagte er: „Ich bin ein Unternehmer in dieser Region. Und diese Region hat sehr viel für mich getan. Also versuche ich im Rahmen meiner Möglichkeiten, dieser Region ein Stück davon zurückzugeben. Mir ist immer geholfen worden, warum soll ich heute nicht helfen.“

Stolz prägt das Verhältnis der Menschen zu Pütters Unternehmen

Allerdings empfinden und empfanden die Menschen dieser Region immer schon auch eine gehörige Portion patriotischen Stolz, Standort und Mitbürger des sich immer weiter entwickelnden Pharma-Unternehmen Medice zu sein. Was 1949 vom Vater als Kleinst-Sälbchen-Rührschmiede mit ungeheurem Erfolgs-Willen an den Start und vorangebracht wurde, genießt heute in der gesamten Branche einen hervorragenden Ruf, die Zeichen stehen in einem hoch komplizierten und vor allem international umkämpften Haifisch-Markt auf Expansion und Erfolg.

Vom „immer-nur-Mist-Macher“ zum erfolgreichen Unternehmer

Iserlohn und Dr. Sigurd Pütter – die erlebnisvolle Geschichte einer erwiderten Liebe. Und Teil einer Erfolgsgeschichte, die für ihn eigentlich damals begann, als er auf dem Flur des Garenfelder Internats kurz vor dem Abi sich plötzlich die Sinnfrage stellte und damit seiner Karriere als „Immer-nur–Mist-Macher“ ein endgültiges Beinchen stellte. Eigentlich habe es ja Betriebswirtschaft sein sollen, aber „bei dem Vater“ ging es dann eben doch Richtung Medizin. Dass er als Allgemein-Mediziner dann die Menschen gern ohne Kittel behandelte, war fast schon klar. „Da kommt man ihnen einfach näher.“

Liebe – ein Stichwort, das sich durch das Leben von Dr. Sigurd Pütter zieht. Liebe zum Leben, zum Unternehmen, aber in erster Linie auch zur Familie. Eine Liebe, die gerade hier einen tragischen Rückschlag hinnehmen musste, die aber mit Ehefrau Barbara doch eine glückliche Wiederentdeckung erleben durfte. Und da kommt natürlich auch der Stolz ins Spiel. Auf die Kinder und Enkel, die ihre Erfolgs-Wege gehen. Vor allem ist da natürlich Tochter Katja, die sich anschickt zusammen mit ihrem Ehemann der Medice-Erfolgsgeschichte weitere Kapitel zuzufügen.

Dieser vorerst letzte Text über den Ehrensenator der Universität Tübingen könnte wohl Zeitungsseiten füllen. Aber wohl jeder Absatz würde auch weiterhin zwischen den Polen springen. Springen müssen. Ich kenne keinen Menschen, der dermaßen liebenswert leichtfüßig zwischen einer Begrüßung der ehemaligen iranischen Monarchin Farah Diba: „Gnädige Frau, ich bin geehrt, Sie in Iserlohn begrüßen zu dürfen“ und dem Satz bei einem unserem letzten Treffen: „Na, mein Junge, wie hasses?“ hin- und herschwingen konnte.

Er war ein Optimist und ein Freund des ungebremsten Lebens

Dr. Sigurd Pütter war ein Optimist. Lebensrisiken – weil nicht zu ändern – konnte er offenbar bestens verdrängen. Als er mir von seinem Schlaganfall erzählte, sagte er: „Ich habe einen vor den Kopp gekriegt. Junge, da wird dir aber erstmal komisch.“ Sigurd Pütter ist Steinbock. Im nächsten Frühjahr wäre er – wäre da nicht der Krebs gewesen – 80 Jahre alt geworden. Er hatte noch viele Ziele. Gemäß seines Lebensmottos: „Bremse niemals ein Rennpferd.“

Da war und ist auch noch ein Motto, das sich der wertvolle Mit-Mensch ebenfalls auf die Fahnen, die im Wind der Zuversicht wehen, geschrieben hatte: „Am Ziel steht keine Mauer.“ Und es gibt noch einen Satz von Albert Camus, den dieser geschrieben hat, obwohl er Sigurd Pütter gar nicht kannte: „Es genügt tatsächlich, der Welt ein Gesicht vorzuzeigen, das sie verstehen kann.“

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