Konzert

Trauer, Triumph und Trost in einem Werk

Großer Chor, großes Orchester und alle schauen auf Hanns-Peter Springer, der die Fäden in der Hand hält.

Großer Chor, großes Orchester und alle schauen auf Hanns-Peter Springer, der die Fäden in der Hand hält.

Foto: Wolfgang Meutsch

Iserlohn.  Die Evangelische Kantorei liefert mit dem „Deutschen Requiem“ von Brahms eine echte Meisterleistung ab

Der Herbst hat seine ganz eigene Stimmung. Gerade jetzt im November, bevor die Weihnachtszeit beginnt, macht sich oft eine gewisse Melancholie breit, und es ist wohl kein Zufall, dass sich die Menschen genau in dieser Jahreszeit an die Verstorbenen erinnern, dass sie sich mit Abschied, Trennung und Tod beschäftigen.

Trost spendet da vielen Menschen die Bibel, so auch Johannes Brahms, der in seinem „Deutschen Requiem“ keinen vorgefertigten Text-Zyklus vertont hat, sondern als gläubiger Christ und fundierter Bibelkenner eine sehr persönliche Textauswahl aus der Fülle an Bibelstellen trifft, mir der er seine eigene Trauer verarbeitet. Das Ergebnis ist ein vielschichtiges und allumfassendes Werk voller tiefer Einsichten und emotionaler Regungen, das das Publikum zwischen Klage, Erschütterung, Trost und triumphalen Jubel hin und her schüttelt.

Können, Erfahrung und Gestaltungskraft

Am Sonntag hat die Evangelische Kantorei dieses Werk in der Obersten Stadtkirche aufgeführt und damit zusammen mit der Camerata Instrumentale Siegen und den Gesangssolisten Cornelia Samuelis (Sopran) und Martin Berner (Bariton) eine beeindruckende Meisterleistung geliefert – eben weil sie diese Klang gewordene Trauerarbeit in ihrer ganzen Fülle voll ausgefahren hat. Im Zentrum stand dabei Kirchenmusikdirektor Hanns-Peter Springer, der alle Beteiligten präzise, animierend und sicher durch dieses Werk mit all seinen großartigen musikalischen Effekten geführt hat.

Wer schon einmal das Vergnügen hatte, ihn bei Proben zu erleben und unter seiner Leitung zu singen, der weiß, dass er nicht nur sehr genaue Vorstellungen hat, wo die Reise klanglich hingehen soll, sondern dass er auch genau weiß, wie er sein Ziel erreicht, wir er einen Chor immer etwas Stück besser macht und ein Stück Musik noch stärker. Eine Aufführung, wie die Iserlohner sie am Sonntag erleben durften, fällt ja nicht vom Himmel. Und es bleibt oft im Verborgenen, wie viel Detail-Arbeit, Können, Erfahrung und Gestaltungskraft dahinter steckt.

Ein großes Stück Musik, das Jubelstürme auslöst

Am Sonntag trat all das aber deutlich zu Tage. Die förmlich heraus geschriene Erschütterung zu Beginn des Werkes, das lange Jubilieren über einen gleichbleibenden Orgelpunkt des Orchesters im dritten Teil („Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand und keine Qualen rühret sie an“), der himmlisch schöne, tröstende Gesang der Sopranistin im vierten Teil („Denn ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“), der dramatisch-theatralische Höhepunkt im sechsten Teil, wo der Tod mit heftigen Schlägen besiegt wird („Tod, wo ist den Stachel?“), und dann der ansatzlose, fast leichte Übergang in ein bewegtes Fugato voller Lob und Preis, das sich wiederum zu einem ohrenbetäubenden Jubel im vollen Fortissimo auftürmt und schließlich in einen friedlichen, versöhnlichen, fast lieblichen Schlusschor mündet – so etwas gelingt in dieser Qualität sicherlich nicht jedem großen Kirchenchor, und die Iserlohner können sich glücklich schätzen, einen solchen Chor und vor allem einen solchen Kantor an der Obersten Stadtkirche zu haben. Ein großes Stück Musik, das am Ende Jubelstürme im Publikum auslöste, bei denen sich die ganze Kirche von den Sitzen erhob und minutenlang applaudierte.

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