Gesundheit

„Unser ganzer Kosmos ist mit Qi gefüllt“

Lesedauer: 14 Minuten
Man muss schon den ziemlich scharfen Blick haben, um die moderne Akupunktur-Nadel, die Dr. Kamp im Video-Interview mit IKZ-Chefredakteur Thomas Reunert präsentiert, tatsächlich noch als solche wahrnehmen zu können.

Man muss schon den ziemlich scharfen Blick haben, um die moderne Akupunktur-Nadel, die Dr. Kamp im Video-Interview mit IKZ-Chefredakteur Thomas Reunert präsentiert, tatsächlich noch als solche wahrnehmen zu können.

Foto: Christian Penn / IKZ

Iserlohn.  Wenn Dr. Rainer Kamp mit der Akupunktur-Nadel kommt, geht es in aller Regel um den Energiefluss. Vor allem,wenn er eben nicht fließt.

„Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Eigentlich ist das immer die beste Voraussetzung für die Bitte um einen Interview-Termin. So auch im Fall des Iserlohner Mediziners Dr. Rainer Kamp, der sich unter anderem den Tätigkeitsschwerpunkten Osteopathie, Naturheilkunde und eben auch Akupunktur zugewandt hat. Und so landete vor einigen Tagen diese Meldung auf dem Redaktionsschreibtisch: „Der in der Medizin international renommierte Thieme-Verlag sicherte sich die Dienstes des Iserlohner Arztes Dr. Rainer Kamp. Der Experte für Naturheilverfahren mit mehr als 30-jähriger Erfahrung in Akupunktur wurde für das Herausgebergremium der neuen Fachzeitschrift ,AkupunkturPraxis’ ausgewählt. Die Fachzeitschrift dient der Fort- und Weiterbildung von Ärzten in der Praxis der Akupunktur.“ Natürlich ist der Begriff „Akupunktur“ im Alltag immer wieder unterwegs, verkörpert Hoffnung und Alternative, aber wirkliche Hintergründe und Grenzen des Machbaren kennen die wenigstens.

treu trifft - Dr. Rainer Kamp
treu trifft - Dr. Rainer Kamp

Herr Dr. Kamp, wir kommen zu Beginn nicht ohne einen Blick in die Geschichte aus: Die Entwicklung der Akupunktur begann also, so ist zu lesen, vor mehr als 4000 Jahren in China. Ein berühmter Mythos über die ersten Erfahrungen der Menschheit mit Akupunktur erzählt von einem verletzten Krieger mit einer offenen Wunde. Dieser wurde von einem Pfeil getroffen, woraufhin die Wunde heilte. Sie waren nicht dabei, aber kann das stimmen?

Eine gute Frage. Je besser die Geschichte drumherum ist, desto länger hält sie sich in der Mythologie. Medizinisch vorstellbar ist aber in der Tat, dass nach einer Kriegsverletzung, die sich häufig auch infiziert, also zum Beispiel nach einer Vereiterung durch einen Pfeil oder ein anderes scharfes Instrument, die Wunde aufgemacht wurde, um den Eiter abfließen zu lassen und dann konnte die Wunde natürlich heilen. Da aber vor 4000 Jahren in der Akupunktur auch noch nichts schriftlich hinterlegt wurde, ist es eine schöne Geschichte. Und sie hat vielleicht auch einen wahren Kern. Aber es sollte nicht der Eindruck entstehen, der Akupunkteur werfe mit Dartpfeilen.

Und noch ein schlauer Satz, den ich gelesen habe: Krankheiten werden als Disharmonien in den Organen, die durch einen gestörten Energiefluss zustande kommen, angesehen. Meint das ein Unwohlsein, die Verspannung oder auch die Krebserkrankung?

Zunächst einmal muss man feststellen, dass der Begriff des „Organs“ in unserer westlichen Welt eine ganz andere Bedeutung hat als in der traditionellen chinesischen Medizin. Wenn wir hier vom Organ „Herz“ oder vom Organ „Leber“ sprechen, dann meinen wir in der Regel die Organe mit ihren Funktionen. Das Herz pumpt und die Leber verstoffwechselt. Während im Bereich der traditionellen chinesischen Medizin die Organe auch immer direkt einen psychischen Faktor haben, den sie mitvertreten. Im chinesischen Sinn gehört zu den Organen auch immer der Funktionskreis, den wir hier ganz salopp mit Meridian übersetzen. Und das umfasst viel mehr Beobachtungen aus der Natur, die mit Erfahrungen aus den Jahrtausenden gewachsen sind. Das ist wichtig, denn wenn ein Akupunkteur sagt, „Ihre Leber ist nicht in Ordnung“, dann meint der das nicht im westlichen schulmedizinischen Sinn, sondern er bezieht das auf ganze Organsystem. Und da sind Disharmonien, also Funktionsstörungen oder bei Krebserkrankungen die ernsthaften strukturellen Veränderungen und die werden in der chinesischen Medizin damit erklärt, dass die Energie nicht mehr fließt.

Klären wir es erst einmal grundsätzlich, für wen oder was ist Akupunktur überhaupt ein Heilmittel der möglichen Wahl? Der gebrochen Fuß heilt nicht durch das Reinstecken der Nadel?

Richtig, denn auch in der TCM („Traditionelle chinesische Medizin“) darf man nicht vergessen, dass Akupunktur nur ein Baustein in der Therapie ist. Ein weiterer Baustein wäre die Pflanzenheilkunde. Oder Atemübungen. Aber eben auch die Chirurgie. Auch die alten Chinesen haben nicht alles nur mit Nädelchen behandelt. Und wenn wir heute in der Ärzte-Ausbildung sogar den Bereich Akupunktur haben, den Ärzte durchlaufen müssen, die es sich auf das Praxisschild schreiben wollen, dann hängt das damit zusammen, dass in der Akupunktur Mechanismen bestätigt worden sind, bei denen vor allem in der Schmerztherapie durch die Reizung mit der Nadel etwas passiert. Aber daraus ergeben sich eben auch die Grenzen. Ich kann mit der Akupunktur keine Erkrankungen behandeln, die eine strukturelle Zerstörung mit sich bringen. Dazu gehören Krebserkrankungen oder Knochenverletzungen. Beim gebrochenen Fuß kann ich nicht den Bruch selber behandeln, aber die Schmerzen.

Gibt es Menschen oder Voraussetzungen, die den Akupunktur-Einsatz unmöglich machen?

„Unmöglich“ ist ein sehr starkes Wort, aber man muss sich wirklich überlegen, ob bei ernsthaften Erkrankungen nicht tatsächlich zunächst einmal eine ordentliche schulmedizinische Diagnostik und unter Umständen auch Therapie erforderlich ist. Da kann die Akupunktur vielleicht eine Begleitbehandlung sein. Auch Patienten, die Blutgerinnungshemmer nehmen, sind sicherlich an oberflächlichen Punkten zu behandeln, aber die ganz tiefen Punkte kann man da nicht machen.

Was ist mit der Behandlung von Kindern?

Das Alter ist zunächst einmal kein Kriterium. Die Einstellung dazu ist von der Kultur abhängig. Während wir hier bei uns sicherlich Hemmungen haben, Kinder zu behandeln, wird das in anderen Kulturkreisen ohne Probleme gemacht. In unserem Kulturkreis wird da eher von Kollegen mit einem Laser gearbeitet. Das scheint gut zu funktionieren.

Alle Welt spricht seit Trump über Q und Q-Anon, Sie reden von Qi. Was um alles in der Akupunktur-Welt ist das?

Qi ist ein gewaltiger Begriff, den man gar nicht so einfach erklären kann, weil es bis in die Philosophie und Theologie hineingeht. Die Tradition ist mehrere tausend Jahre alt. Die Vorstellung ist, dass das ganze Kosmos mit Qi, also Energie, Vitalität und Geist gefüllt ist. Und erst las man das Qi philosophisch aufteilen wollte, wurden unterschiedliche Arten benannt. Das war auch der Anfang von Yin und Yang. Der Himmel wurde geschaffen und das Yang Qi ging zum Himmel und das Yin Qi ging zu Erde und der Mensch dazwischen war quasi das Symbolbild für die Verbindung von Himmel und Erde.

Haben Sie und ich auch Qi?

Das wäre zu hoffen, denn wenn es nicht mehr fließt, wären wir tot.

Habe ich vielleicht sogar mehr als andere, weil ich ziemlich kräftig bin?

Das kann man so einfach nicht sagen, denn beim Menschen muss man wieder differenzieren. Da gibt es das Qi, das durch den ganzen Organismus fließt, und es gibt für jedes Organsystem unterschiedlich Qi-Zustände. Die Menge ist auch eigentlich nicht so wichtig. Wichtig ist, dass in dem Qi-Fluss Harmonie besteht.

Und ist unser Qi-Vorrat unerschöpflich oder kann der sich auch verbrauchen?

Genau, bestimmte Anteile von Qi verbrauchen sich, allerdings geht es dann auch darum, welchen Qi-Anteil Sie abbauen. Die TCM berücksichtigt viel stärker die pathogenen Faktoren, als das, was auf den Körper von außen aufprallt. Dazu gehören Wettereinflüsse, Wärme und Kälte. Das Qi wird über den Körper mit einem Netzwerk verteilt. Ähnlich wie bei unserem Blutsystem.

Dieses Qi fließt also durch das Meridiansystem. Wieder so ein Begriff und eine Erkenntnis, die Sie uns erklären müssen.

Das ist zunächst einmal kein Begriff aus der chinesischen Medizin, sondern er wurde in Europa erfunden und wurde geprägt von Jesuiten und Franzosen, die im 16. und 17. Jahrhundert aus Japan die Akupunktur mitbrachten. Heute ist er eigentlich in der traditionell chinesischen Medizin ersetzt worden durch „Leitbahnen“. Eine materielle Ausprägung des Qi im Körper ist das Blut mit seinem ganzen, sich immer weiter verzweigenden Verteilsystem. Und das ist im Körper so eng und so fein aufgefächert, dass sie fast keine Lücke sehen. Ein dreidimensionales Netz.

Nun werden wir aber mal praktisch: Sie stechen mich, so Sie mich behandeln sollen und wollen, also mit einer Nadel. Das kann oder muss doch wehtun?

Das ist sehr unterschiedlich. Und auch von Typ zu Typ unterschiedlich. Aber es ist auch unterschiedlich vom Gesundheitszustand, in dem Sie gerade sind. Von der Tagesform. Ob Sie gut geschlafen oder viel Stress haben. Solche Faktoren können die Empfindlichkeit für einen Nadelstich sehr verändern.

Und wie tief geht’s in mich rein?

Das kommt darauf an, es gibt Nadeln in unterschiedliche Längen. Und es gibt Unterschiede, wie und zu welchem Zweck die Nadel platziert werden soll.

Meine Oma hat immer gesagt: Wenn es weh tut, tut’s auch gut. Stimmt das? Können als Folge einer Akupunktur-Behandlung Schmerzen auftreten?

Das stimmt für akute Erkrankungen häufig. Nicht immer. Für Leute mit länger anhaltenden Erkrankungen, die vielleicht schon etwas – sagen wir salopp – ausgepowert sind, würde man eher leichte Reize nehmen, die man dann auch kaum spürt.

Ich habe gelesen, Sie betrachten vor einer Behandlung unter anderem meine Zunge, warum?

Es kommt darauf an. Wenn Sie mit Beschwerden und Schmerzen kommen und ich mich an der traditionellen chinesischen Medizin orientiere, dann betrachte ich in der Tat auch zunächst Ihre Zunge. Sie ist ein Anteil des inneren Körpers, den man von außen gut betrachten kann, ohne in den Körper reinbohren zu müssen. Das ist auch so, aber die Chinesen haben das im Laufe der Jahrhunderte immer weiter verfeinert. Man bekommt einen Eindruck vom jeweiligen energetischen Zustand.

Gibt es einen Akupunktur-Punkt, der Abwehrkräfte wachsen lässt, zu Beispiel mich immun gegen Infektionen à la Corona machen könnte?

Schön wäre es. Was man mit der Akupunktur erreichen kann, dass man einfachen grippalen Infekten im Frühstadium tatsächlich versucht, die Abwehr zu stimulieren. Das funktioniert auch ziemlich gut. Aber würde als Arzt niemals sagen, man solle sich stechen lassen und ist anschließend immun gegen Corona.

Eine ganz besondere Bedeutung hat wohl die Ohr-Akupunktur. Warum?

Dazu muss man zunächst einmal wissen, dass die Ohr-Akupunktur in der traditionellen chinesischen Medizin gar nicht die Rolle spielt, die sie bei uns in Europa spielt. So wie sie heute hier gebraucht wird, ist sie auf einen Franzosen zurückzuführen, der Anfang der 50er-Jahre des vorigen Jahrhunderts das entwickelt hat. Wenn Sie fragen, warum das mit dem Ohr so charmant ist, dann liegt das zunächst einmal daran, dass das Ohr leicht zugänglich ist. Der Patient muss sich nicht freimachen, Sie kommen recht oberflächlich an die Punkte, die Sie interessieren. Trotzdem ist die Akupunktur am Ohr nicht ganz ungefährlich. Das Ohr selber besteht weitgehend aus Knorpel. Und darüber ist nur, abgesehen vom Ohrläppchen, eine sehr dünne Hautschicht. Nun ist der Knorpel ein schlecht durchblutetes Gewebe und wenn dann da Verletzungen entstehen, ist auch die Abwehrleistung schlecht.

Die chinesische Medizin schreibt Ihnen die Behandlungspunkte bei bestimmten Krankheitsbildern schon vor. Experimentieren geht also nicht?

Fangen wir am Beispiel Kopfschmerzen einmal westlich an. Es gibt eine internationale Klassifizierung von Kopfschmerzen. Da gibt es rund 140 unterschiedliche Sorten. Wenn man das nun auf die Akupunktur überträgt, ist es unwahrscheinlich, dass es nur zwei oder drei Punkte gibt, mit denen man Kopfschmerzen behandeln kann. Bei der traditionellen chinesischen Medizin ist es ja die Vorstellung, dass als Ursache für den Kopfschmerz das Qi an irgendeiner Stelle nicht richtig fließt. Und es ist das therapeutische Ziel, das zum Fließen zu bekommen. Also würde man erst einmal prüfen, von welchen Leitungsbahnen der Bereich, in dem Kopfschmerzen sind, überhaupt versorgt wird. Und in den Bereichen würde man entsprechend nadeln. Dabei versucht man übrigens auch Punkte zu finden, die möglichst weit vom Kopf entfernt sind, um den Patienten durch Stechen nicht noch weiter zu belasten. Es wird also versucht, den Schmerz vom Kopf abzuleiten. Bei dauerhaften Kopfschmerzen kommen natürlich dann auch wieder die Organsysteme und das Qi ins Spiel. Jetzt geht es um die Frage, wie ich den Patienten dann insgesamt behandle. Und da ist die TCM individuell. Bestimmte Punkte haben sich bewährt, da muss aber immer wieder genau nachgeschaut werden.

Ich denke, es ist inzwischen hinreichend bekannt, dass Akupunktur nichts mit Zaubertrank und Voodoo zu tun hat. Gibt es Anerkennung in der Ärzteschaft?

Als ich Mitte der 80er angefangen habe, Akupunktur zu lernen, war das immer noch ein Außenseitergebiet. Mein alter Chef an der Uni stellte sich immer hin und sagte: „Wir sind Schulmediziner, aber vom Rest verstehen wir auch ein bisschen . Und seit 2003 ist Akupunktur eine von den Ärztekammern nach einer bestandenen Prüfung verliehene Zusatzbezeichnung, die offiziell geführt werden darf.

Das ganze Interview mit Dr. Kamp mit einer Nadelkunde finden Sie auf www.ikz-online.de.

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