Der Schrecken vieler Behörden

Untätigkeit liegt Ulrich Wockelmann nicht

Iserlohn. „Ich will als Betroffener unter Betroffenen helfend begleiten”, Ulrich Wockelmann ist ein Mann der Tat, eloquent, zupackend, sympathisch. Und der Schrecken vieler Behörden. In diesem Teil unserer „Armuts-Serie” stellen wir einen Mann vor, der ausdauernd für das Recht kämpft.

53 Jahre ist dieser Ulrich Wockelmann alt, der tatsächlich zu den bekanntesten Iserlohnern gehört. „Ich habe viele Kontakte auf der Straße und im Gerichtssaal”, erklärt er. Seit Jahren gibt er Hartz-IV-Empfängern Hilfe zur Selbsthilfe. Der Laie hat sich selbst fortgebildet, zahlreiche dicke Wälzer zum Thema Recht, Soziales und ähnliches studiert. Zudem spricht er aus eigener Erfahrung: Er ist selbst Hartz-IV-Empfänger.

Der ausgebildete Modelltischler hatte lange in einer Gießerei in Hemer gearbeitet, die dann in Konkurs ging. Dann der schwere persönliche Schlag: Er durchlebte eine „heftige, nie verwundene Scheidung”. Von 2001 bis 2003 machte er mit 47 Jahren eine Umschulung zum Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung: „Das war für mich ein ganz wichtiger Entwicklungsschritt. Ich merkte: Man kann etwas machen, wenn man Möglichkeiten dazu bekommt.” Dann kam eine erneute Arbeitslosigkeit, er musste 2007/2008 in einem Ein-Euro-Job arbeiten.

Doch es gab auch Lichtblicke, Einrichtungen, die ihm halfen. Ende 2004 schloss er sich der von Norbert Haack initiierten Montagsdemo an, engagiert sich immer noch sehr dafür. Er hilft Betroffenen, zeigt ihnen im Internet Jobbörsen und andere hilfreiche Seiten, begleitet sie zu Gesprächsterminen bei der Arge. „Untätigkeit liegt mir nicht, in diesem Ehrenamt habe ich einen geregelten Tagesablauf und ganz viel Laufkundschaft.” In seiner 43-Quadratmeter-Wohnung gibt es deshalb vier Computer. Die nutzen allerdings vor allem auch seine drei Töchter, 16, 19 und 21 Jahre alt.

Für diese heiß geliebten Töchter hat sich der Mann verschuldet: „Ich investiere doch am liebsten in meine Kinder. Und es wirkt ja, ich bin so stolz auf sie.” Die älteste hat gerade als Zweitbeste ihrer Schule das Abitur gemacht. Trotz Hartz IV nicht zu verzweifeln war nicht immer leicht: „Viele Kinder werden als Folge der Sozialgesetzgebung weiter demotiviert, gedemütigt und als ,Erwerbsfähige Hilfebedürftige', ,Sozial-Schmarotzer' und ,Unterschicht' beschimpft”, so Wockelmann. Ein Problem: Seine Frau bekommt die Regelleistung für die Kinder, er nur seinen Regelsatz. „351 Euro Regelsatz müssen jetzt ausreichen, wenn die Kinder ins Vaterhaus kommen. Für Essen und Trinken, Telefon und Internet, Seife und Klopapier usw.. Die Arge MK vertritt die Meinung, ,Bedarfe des täglichen Lebens sowie Beziehungen zur Umwelt' = Familie, sei durch den Regelsatz des Vaters gedeckt. Sogar 1,67 Euro im Monat für Schule und Schulartikel sieht der Regelsatz für Kinder als ,angemessen' vor.” Ulrich Wockelmann rechnet zudem vor, dass Hartz-IV-Kinder bis 14 Jahre von 7,03 Euro am Tag leben müssen: „Wenn ich mir überlege, was schon eine Currywurst kostet . . .” Wockelmann kämpft verbissen darum, auch Geld für seine Kinder zu bekommen. Der dritte Anlauf vor dem Sozialgericht füllt allein einen dicken gelben Aktenordner.

Er erzählt eine Begebenheit aus dem Schulleben der mittleren Tochter: „ Im Unterricht wird über ALG2 geredet. Die vorherrschende Meinung ist: ,Das sind alles Schmarotzer. Wer arbeiten will, findet auch Arbeit.' Meine Tochter steht auf und outet sich: ,Ich lebe auch von Hartz IV. Wer sagt mir ins Gesicht, ich sei ein Schmarotzer?' Betroffenes Schweigen. Meine Tochter eben.”

Das Kämpferische liegt also anscheinend in der Familie. Der Vater macht zurzeit ein Praktikum bei einer Iserlohner Anwaltskanzlei. Sein Praktikumsgeber war übrigens früher Arge-Mitarbeiter - und ein erbitterter Wockelmann-Gegner. Nun kämpfen sie auf derselben Seite - Seite an Seite. Ulrich Wockelmann begleitet die Hartz-IV-Kunden oft zu Behörden - ein Service, den man normalerweise nicht leisten kann. Wockelmann hofft, sich so unentbehrlich für die Kanzlei zu machen, damit das Hartz-IV-Dasein ein Ende hat.

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