Bundestagswahl

Unverbrauchte Begeisterung für das Neue

Seite an Seite mit seiner Lebensgefährtin Julia Gruner bestreitet Christian Kißler (Mitte) den Wahlkampf.

Foto: Ralf Tiemann

Seite an Seite mit seiner Lebensgefährtin Julia Gruner bestreitet Christian Kißler (Mitte) den Wahlkampf. Foto: Ralf Tiemann

Iserlohn.   Bundestagskandidaten im Wahlkampf (Folge 5): Mit Christian Kißler von den Linken am Parteistand

Es ist der letzte Tag des Sommers. Das Thermometer klettert noch einmal auf stolze 29 Grad, es wird drückend schwül vor dem kühlenden Regen. Gegen Mittag auf dem Alten Rathausplatz feiert der Stadtverband der Linken sein zehnjähriges Bestehen – politische Reden, Musik, Gratis-Würstchen vom Grill und für alle Beteiligten eine ziemlich schweißtreibende Angelegenheit. Nur Christian Kißler scheint das nicht sonderlich zu beeindrucken. Und das obwohl dieser Tag auch ganz unabhängig von den Temperaturen einer der heißesten Wahlkampftage für den jüngsten Bundestagskandidaten in unserem Wahlkreis ist. Schon früh am Morgen hat er in Lasbeck, wo er wohnt, die frisch gedruckten Wahlkampfzeitungen der Linken an den Haustüren verteilt. Und am Abend wird er erst spät von der ersten Podiumsdiskussion seines Lebens nach Hause kommen.

Zwischendurch schmeißt der 26-Jährige, der als Linken-Kandidat weit davon entfernt ist, ein eigenes Wahlkampfteam oder ein Büro zu haben, die Zehn-Jahres-Party. Pavillons aufbauen, Gasflasche anschließen, Würstchen wenden – Christian Kißler packt mit an.

Und das mit bester Laune und einem stets offenen Ohr für all die Menschen, die ihn in der Iserlohner Innenstadt ansprechen. Christian Kißler ist recht neu im politischen Betrieb, und seine Begeisterung für alles, was er derzeit erlebt, und eine gewisse freudige Aufgeregtheit, ist ihm durchaus anzumerken. „Ich lerne die Stadt, die Menschen und das, was sie bewegt, noch einmal ganz neu kennen“, sagt der ehemalige Stenner-Schüler, der Iserlohn als seinen Lebensmittelpunkt empfindet, über die spannende Zeit als Bundestagskandidat. Wirklich geplant sei dieser Weg ins Rampenlicht aber nicht gewesen. Erst im Februar ist er vom Linken-Sympathisanten zum Parteimitglied geworden. „Hätte mir vor einem halben Jahr einer gesagt, dass ich für den Bundestag kandidiere, hätte ich es nicht geglaubt.“

Zumal Kißler derzeit auch beruflich durchstartet und bei Lichte betrachtet vermutlich ganz andere Dinge zu tun hätte, als nun einen Monat lang für die Linke von Termin zu Termin zu hetzen, stundenlang am PC zu sitzen, um Wähleranfragen zu beantworten, und sich unter Umständen sogar anfeinden zu lassen. „Das kommt immer wieder vor“, sagt er. „Sie kenne ich, Sie haben meinen Mann an der DDR-Grenze erschossen“, sei ein Satz, den ihn einmal ein ältere Frau an den Kopf geworfen habe, den er wohl nie vergessen wird. Ebenso wie aktuell die Drohung eines aufgebrachten Mannes: „Mit Ihnen sollte man das Gleiche machen, was Sie mit den Autos in Hamburg gemacht haben – anzünden.“

Nun hat Christian Kißler, 1991 geboren, weder mit den Todesschützen an der innerdeutschen Grenzen, noch mit linksautonomen Gewalttätern etwas am Hut, nur weil er Mitglied der Linken ist. Dementsprechend kopfschüttelnd erzählt er auch diese Geschichten.

Aber zurück zur Doppelbelastung des Kandidaten. „Es gibt viel zu tun“, sagt er reichlich untertreibend, wenn man bedenkt, was beruflich alles bei ihm los ist. Nach dem Abitur 2011 hat er 2015 an der Ruhr-Universität Bochum den Bachelor in Biologie und Erziehungswissenschaften gemacht.

Seit dem setzt er sein Studium in zwei Fächern im Masterstudiengang vor: Erziehungswissenschaft in Bochum und Medien und Bildung an der Fern-Uni in Hagen. Gleichzeitig ist er seit 2013 in Witten in der Pflege- und Demenzforschung tätig sowie seit 2014 als freiberuflicher Dozent. Zusätzlich betreibt er den größten erziehungswissenschaftlichen Youtube-Kanal Deutschlands, auf dem er kostenlose Nachhilfe in Form von Vorlesungen zu erziehungswissenschaftlichen Themen anbietet. 12 001 Abonnenten und 2,519 Millionen Aufrufe hat sein Kanal derzeit.

Eigentlich mehr als genug, um den Tag auszufüllen. Warum also noch so aktiv in der Politik? „Weil sich bei mir alles gegenseitig bedingt. Ich trenne nicht zwischen Beruf und Privatem. Bei mir geht alles Hand in Hand.“ Und deswegen bewegt ihn sein großes Thema der Chancengleichheit und der kostenlosen Bildung eben nicht nur beruflich, sondern auch privat und politisch. Und das schon seit Schülerzeiten. Er persönlich könne sich nicht beschweren. Aus einer Arbeiterfamilie ohne große Bildungsambitionen stammend, hat er sich ganz ohne Unterstützung und trotz G8 zu einem schulischen Überflieger entwickelt, dem das Stenner-Gymnasium schon vor dem Abitur den Studienstart an der Dortmunder TU ermöglicht hatte.

Die Ungerechtigkeiten im Bildungssystem habe er aber dennoch hautnah kennen gelernt – gerade unter den verschärften G8-Bedingungen. Er habe Schüler kennen gelernt, denen sei klipp und klar gesagt worden, dass es mit dem Abitur wohl nichts werde, wenn sich die Eltern keine Nachhilfe leisten könnten. „Und das ist ja wohl ein Unding“, regt sich Christian Kißler ganz ehrlich und unverblümt über die fehlende Chancengleichheit in Deutschland auf. „Bildung kann doch nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen.“

Die SPD war einfachnicht die richtige Partei

Schon in der Schule sei er daher politisch aktiv geworden. Zwei Jahre lang war er später Mitglied der SPD, die aber einfach nicht die richtige Partei gewesen sei, was letztlich auch beide Seiten eingesehen hätten. „Mir wurde bei meinen Ansichten quasi nahegelegt, doch lieber zu den Linken zu wechseln.“ Sein Hauptthema der kostenlosen Bildung habe ihn dann auch nach etwa drei Jahren der Parteilosigkeit konsequent zu den Linken geführt. Und nun in den Bundestag? Das ginge nur über das Direktmandat, auf der Parteiliste steht Christian Kißler nicht. Und den Kampf um das Direktmandat im nördlichen Märkischen Kreis sieht er durchaus realistisch. Es sei aber wichtig, im Wahlkampf auch vor Ort gehört zu werden und sich für die politischen Ziele einzusetzen.

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