Serie „Nachhaltig leben“

Verantwortlich sind stets die anderen

„Jeder sollte einfach schauen, wo er für sich etwas für die Umwelt tun kann“: Dirk Lachmuth, Ulrike Badziura und Frank-Michael Turloff

„Jeder sollte einfach schauen, wo er für sich etwas für die Umwelt tun kann“: Dirk Lachmuth, Ulrike Badziura und Frank-Michael Turloff

Foto: Tim Gelewski

Iserlohn.   Bei der Stadt gibt es eine Abteilung für Abfallvermeidung, die Bürgern mit Rat zur Seite steht. Doch die Mentalität vieler ist ein Problem.

In der Innenstadt oder am Seilersee quillen die Mülleimer über, also wird der Unrat einfach daneben abgelegt. Ein ähnliches Bild an der Autobahn, wo Schutt oder ganze Elektrogeräte vom Fernseher bis zum Kühlschrank, einfach neben den Tonnen deponiert werden. „Wird schon jemand wegräumen.“ „Sollen sie halt mehr Tonnen hinstellen.“ Oder anders: „Ich zahle Steuern, ich darf das“ – so oder so ähnlich könnte man die impliziten Botschaften derer deuten, die hier Ordnungswidrigkeiten begehen.

Die Mentalität, die hier zutage tritt, ist nicht selbstverständlich. Und sie ist ein Problem, setzt sie sich doch auch in anderen Bereichen fort. 30 bis 50 Prozent der Stoffe, die einsortiert werden, gehören nicht in den gelben Sack, gab der stellvertretende Lobbe-Anlagenleiter Simon Sadowski gegenüber dieser Zeitung im Februar zu Protokoll. Nicht immer ist Unwissen die Ursache für Fehlverhalten. Oft ist es auch Folge jener angesprochenen Mentalität.

Moderne Produkte oft schwer zuzuordnen

Bei der Stadt Iserlohn hat man eine eigene Abteilung für Umwelt und Klimaschutz und Ansprechpartner für Umweltfragen und Abfallvermeidung für die Bürger. Anbetracht der immer noch hohen Quote falsch sortierter Abfälle sagt Dirk Lachmuth, einer der genannten Ansprechpartner: „Wir sind froh, wenn uns die Leute bei Unklarheiten überhaupt anrufen.“ Denn: Was falsch sortiert ist, wird oft verbrannt – zu Lasten der Umwelt.

Und Unklarheiten gibt es immer wieder: Beispiel Turnschuhe. „Was macht man mit denen, die blinken, mit Batterien und Leuchtdioden“, fragt Abteilungsleiterin Ulrike Badziura. „Eigentlich sind das Elektrogeräte“, sagt Dirk Lachmuth – und die gehören zum Bringhof oder zum Schadstoffmobil. Und: „Die Entsorgung ist im ständigen Wandel. Das ist auch ein Problem.“

Aktuell, so Lachmuth und Badziura, fänden sich in den gelben Säcken vermehrt Dias und VHS-Kassetten. Beides falsch sortiert, unter anderem bei Haushaltsauflösungen älterer Menschen. Ein Nebeneffekt des demografischen Wandels gewissermaßen, ebenfalls zu Lasten der Umwelt.

Allgemein rät Ulrike Badziura beim Einkauf schwarzes Plastik zu meiden und Stoffe soweit möglich zu trennen. Den Aludeckel von Joghurtbechern entfernen beispielsweise – in der Sortierung macht dies bereits einen großen Unterschied.

Weitere Tipps: Wasser aus der Glasflasche, Verzicht auf Einweg-Plastik-Flaschen, Butterbrotdose statt Papier. „Der Verbraucher hat vieles selber in der Hand“, sagt Dirk Lachmuth, siehe Aldi und dessen Verzicht auf eingeschweißte Gurken.

Der Verbraucher jedoch – er hat sein Umweltbewusstsein gewissermaßen an die verschiedenen Dienstleister übergeben. Dirk Lachmuth spricht von einer „Institutionalisierung von Verantwortung“. Wer Steuern zahlt, erhebt den Anspruch, dass wer anderes gewisse Dinge wegmacht. „Das ist ein Riesenproblem.“

System „gelber Sack“ nicht zu Ende gedacht

Auch sei das System „gelber Sack“ beziehungsweise der „grüne Punkt“ nicht zu Ende geführt worden, weil schwer sortierbare Verbundstoffe aus mehreren Materialien hier bisher landeten, ohne das die Hersteller nennenswert dafür sanktioniert wurden. Da wo der Verbraucher die Verantwortung an einen Entsorger weiterreichte, reichte der Erzeuger sie dem Kunden weiter. Ein Kreislauf, bei dem bisher meist die Umwelt verlor.

Mit dem neuen Verpackungsgesetz versucht nun der Gesetzgeber seit Anfang 2019 gegenzusteuern und die Verantwortung zunächst vor allem im Online-Shop-Bereich den Herstellern zurückzuspielen. Verursacher müssen sich registrieren – und für das Recycling zahlen. Nachhaltige Verpackungen sollen so eine Förderung erfahren. Der Verbraucher soll die Möglichkeit erhalten, seine Entscheidungen stärker zum Wohle der Umwelt auszurichten. Die Hersteller sind nun dazu verpflichtet, sich vor dem Inverkehrbringen von Verpackungen zu registrieren und ihre Verpackungen bei einem der dualen Systeme lizenzieren zu lassen.

Rund 160.000 Firmen haben sich bereits registriert. Allerdings gibt es auch viele, die sich noch verweigern.

„Fridays for Future“-Demos, Mikroplastik, Müllteppiche im Meer oder auch der Dieselskandal – Umweltthemen sind derzeit in aller Munde. Womöglich nur vorübergehend?

Ulrike Badziura ist unsicher. „Es ist toll zu sehen, dass das Thema junge Leute interessiert, die oft sogar besser informiert sind als ältere.“ Wichtig sei es dabei, so glaubt sie, nicht mit erhobenen Zeigefinger durch die Welt zu gehen. „Jeder sollte einfach schauen, wo er für sich etwas für die Umwelt tun kann“, ergänzt Dirk Lachmuth.

Tipps bei der Mülltrennung

Mülltrennung heißt auch Mülltrennung: Wer beispielsweise den Aluminiumdeckel von einem zu entsorgenden Joghurtbecher abreißt, trägt zu einer besseren Trennungsquote bei.

Unterschiedliche Materialien – wie den eben Deckel oder die Papierbanderole vom Plastikbecher – sollten grundsätzlich voneinander gelöst und getrennt voneinander in die gelbe Tonne eingeworfen werden.

Verpackungen sollten nicht ineinander gestapelt oder gesteckt werden.

Verpackungen sollten „löffelrein“, also restentleert sein. Ausspülen muss man Verpackungen hingegen nicht.

Schwarze Kunststoffe sind beim Einkauf möglichst zu meiden. Sie können mittels Infrarot in der Sortieranlage nicht erkannt und sortiert werden.

In die gelbe Tonne gehören in Iserlohn nur Leichtverpackungen aus Kunststoff, Metall oder Verbundmaterial (zum Beispiel Getränkekartons).

Nicht in die gelbe Tonne gehört Restabfall, also etwa Windeln, Planschbecken, Textilien oder Videokassetten – anders als etwa in Dortmund, wo es eine Wertstofftonne gibt, gehören in Iserlohn kleine Elektrogeräte nicht in den gelben Sack, gleichwohl sie recyclefähige Komponenten enthalten.

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