Observations 2017

Verrückte Augen bei Kunst im Stollen

Helm auf zum Kunstgenuss: Der Luftschutzstollen unter der Obersten Stadtkirche ist der meist besuchte Ausstellungsort.

Foto: Max Winkler

Helm auf zum Kunstgenuss: Der Luftschutzstollen unter der Obersten Stadtkirche ist der meist besuchte Ausstellungsort. Foto: Max Winkler

Iserlohn.   das Starßenfotografie-Festival bringt internationales Flair und tolle Ausstellungen in die Stadt.

Das Auge wird verrückt – „EyeGoBananas“: So nennt sich ein besonders verrücktes Künstler-Kollektiv, das ausgerechnet im Luftschutzstollen unter der Obersten Stadtkirche zu sehen war. Denn dort wurde das Auge gleich doppelt verrückt. Mit Helm und einer kleinen Taschenlampe geht es dort in den finsteren Stollen. Die rund hundert Bilder in den weit verzweigten Gängen lassen sich nur schwer im Ganzen erfassen. Mit der kleinen Lampe muss der Betrachter alle Ecken der Bilder ausleuchten, um eine Idee von der Geschichte zu bekommen, die ihm dort erzählt wird, die Farben wirken unwirklich und merkwürdig künstlich. Selbst für Straßenfotografie-Verhältnisse ist das ein außergewöhnlich verrücktes Kunsterlebnis. Und an Verrücktheiten mangelt es bei diesen Leuten, die am Wochenende die Stadt bevölkert haben, nicht. Die Motive, die Atmosphäre, die Menschen und am Ende eben auch die Ausstellungsorte – das Foto-Festival „Observations 2017“ von Rainer Danne (Städtische Galerie) und Michael May (Observe Collective) hat richtig Leben in die Stadt gebracht und die Erwartungen mehr als erfüllt.

Am Ende des ersten Festivalwochenendes mit Vernissagen, Shuttlebus-Touren durch alle sieben Ausstellungen, Exkursion, Auktion und vielen Begegnungen ist auch Galerie-Leiter Rainer Danner ziemlich überwältigt. Der Zuspruch aus Iserlohn und Umgebung sei riesig gewesen, allein aus dem Stollen wurden immer wieder Warteschlangen und vergriffene Helme gemeldet. Besonders freut ihn aber die Teilnahme von mehr als 70 Fotografen aus 15 Ländern und Künstler-Kollektiven rund um die Welt: „Das bringt internationales Flair in die Stadt.“ Und gerade dieses familiäre Zusammenkommen und die Begegnungen seien es, die Iserlohn den großen Festivals voraus habe.

Die Ausstellung im Stollen ist dabei mit Sicherheit die herausragende Schau, aber bei weitem nicht die einzige Sehenswerte. Tolle Arbeiten von namhaften Kollektiven, darunter auch das „Observe Collective“ mit Michael May, der in Straßenfotografen-Kreisen eher als „Monty“ bekannt ist, sind in Barendorf und in der Städtischen Galerie zu sehen. Dazu die Studenten der BTK Iserlohn, die Arbeiten des VHS-Fotoclubs, der Wettbewerb an der Lenne-Promenade und die Wettbewerbsbeiträge von vor zwei Jahren am Fritz-Kühn-Platz – wer auf Straßenfotografie steht oder wer sie kennenlernen möchte, kann sich derzeit in Iserlohn gar nicht satt sehen.

„Das Wochenende war absolut spitze“, freut sich Iserlohns größter Straßenfotografie-Fan Michael May. Wobei der Stollen ganz klar vorne lag und immer rappelvoll gewesen sei. „Das zieht sich hoffentlich noch die ganze Woche so hin.“

Zwischen Aufbruch und dem Weg nach oben

Straßenfotografie bedeutet Freiheit – die Freiheit, das zu tun und zu lassen, was man möchte. In vielen Gesprächen am Wochenende haben die Künstler immer wieder genau das betont. Es gibt keine Definition und keine Regeln. Und genau diesen Eindruck bekommt auch der Betrachter bei einer Tour durch die sieben Ausstellungen des Observations-Festivals. Allein die Beiträge für den Wettbewerb, den das „Observe“-Kollektiv von Michael May erneut ausgerichtet hat, zeigen eine schier unerschöpfliche Stil-Palette. Momente, Linien, Licht und Schatten, schwarz-weiß, knallbunt, aufdringlich draufgeblitzt, versteckt aus dem Hinterhalt geschossen – das Siegerbild des Wettbewerbs „Down by the River“, das neben vielen anderen Beiträgen derzeit großformatig in den Schauflächen der Lennepromenade zu sehen ist, ist ein Unterwasser-Foto in einem Schwimmbad, an dessen Rand offensichtlich nicht nur Kinder, sondern auch ein Elefant Platz genommen hat. Ein Hammer-Bild, aber was hat das bitte schön noch mit Straßenfotografie zu tun?

Erlaubt ist eben, was gefällt und was Spaß macht. Und gerade dieser unbändige Spaß am Skurrilen, scheint das Verbindende zu sein. Straßenfotografie ist eher eine Haltung – die Jagd nach dem Abseitigen und der Versuch, in einem kleinen, festgehaltenen Moment eine ganze Geschichte zu erzählen.

Und das ist ganz wunderbar, denn es macht auch dem Betrachter Spaß. Wo man am Wochenende auch hinsah – überall schmunzelnde, hoch erfreute Ausstellungsbesucher, die aufgeregt und mit glänzenden Augen von Bild zu Bild zu hasten. Wo gibt‘s denn sowas?

In Iserlohn natürlich. Als das deutsche Mekka der Straßenfotografie wird Iserlohn immer wieder bezeichnet, und das ist nicht übertrieben. Denn es waren nicht nur die beglückten Kunstkonsumenten, die sich am Wochenende in der ganzen Stadt getummelt haben. Ebenso viele Besucher mit Fotoapparat um den Hals waren zu sehen – immer wieder in Rudeln. Das war echtes Festival-Flair, international und vielsprachig mit Lebendigkeit und Spontaneität. Nach der Vernissage am Freitag in der Städtischen Galerie gab es eine Spontan-Party im „Little Italy“.

Als am Samstag bei der Ausstellungseröffnung am Lenneufer die Musik fehlte, stellten sich zwei Fotografen mit Blockflöten auf die Bühne. Und bei der Exkursion nach Köln konnten in einem Bus voller Fotografen Laien mit Profis auf Tuchfühlung gehen.

Mit „Streetfotography now“ kam viel in Bewegung

Besondere Momente gab es satt. Schließlich hat sich die Straßenfotografen-Familie, die sich in den letzten Jahren rund um das „Observe“-Kollektiv von Michael May und mit Galerieleiter Rainer Danne als Förderer gebildet hat, in Iserlohn ordentlich gefeiert. Man darf nicht vergessen, dass sich diese Künstler aus aller Welt im Grunde nur über soziale Medien kennen. Iserlohn ist einer der wenigen Orte auf der Welt, wo sie sich mal „in echt“ treffen.

Ausgangspunkt, so Danne, sei vor vier Jahren die große und weltweit vernetzte Aktion „Streetfotography now“ aus London gewesen. Damals sei viel in Bewegung geraten, und im Anschluss habe es Festivals und neue Künstler-Kollektive überall auf der Welt gegeben. Die Möglichkeiten des Internets sind für die Bewegung ein wichtiger Punkt. Es ist eine internationale Szene ohne Grenzen und eine internationale Kunstsprache entstanden, mit der wirklich jeder etwas anfangen kann, ob in Thailand oder Kanada. Über das Netz wird alles auch verbreitet – noch immer eher Underground und subversiv und für jeden einsehbar. Ganz oben im Kunstbetrieb in den Museen und Ausstellungen mit Hochglanz-Katalogen und teuren Drucken ist das Ganze noch nicht angekommen. Fabian Schreyer vom „Via“-Kollektiv und Kurator der Ausstellung „Via! Straßenfotografie von Hamburg bis Palermo“ in der Städtischen Galerie, lobte Rainer Danne über alle Maßen. „Dass sich eine so renommierte Galerie wieder ein paar Stufen nach unten begibt, um jungen Fotografen eine Chance zu geben, ist sensationell.“

Die Szene entwickeltsich sehr schnell

Die Aufbruchstimmung und das Neue der Bewegung waren auch am Wochenende noch deutlich zu spüren. Auch von der besonderen Nähe zwischen den Stars der weltweiten Szene, von denen einige in Iserlohn waren, und den Anfängern und Hobby-Fotografen lebt die Szene noch. Es entwickele sich aber rasend schnell, sagt Rainer Danne. Es gebe schon die ersten elitären Kollektive, die nicht mehr ganz so offen seien. Und es gebe auch einige sehr steile Karrieren ganz nach oben – der Weg zur großen Kunst sei durchaus vorgezeichnet.

Iserlohn wird dabei auch zukünftig eine Rolle in Deutschland spielen, denn Michael May und Rainer Danne haben natürlich vor, das Festival fortzuführen und wachsen zu lassen, wahrscheinlich als Triennale und den „Observations 2020“ als nächsten Termin. Es ist spannend, wie sich dann alles entwickelt hat.

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