Interview

„Vielleicht werde ich Bürger dieses Landes . . .“

Von wegen launische Rühr-mich-nicht-an-Violinen-Diva – ein Gespräch mit einem entspannten Nigel Kennedy bietet neben nachdenklich-leisen Phasen auch besten Lach-Stoff. Vor allem ihm selbst.

Foto: Björn Braun

Von wegen launische Rühr-mich-nicht-an-Violinen-Diva – ein Gespräch mit einem entspannten Nigel Kennedy bietet neben nachdenklich-leisen Phasen auch besten Lach-Stoff. Vor allem ihm selbst. Foto: Björn Braun

Iserlohn.   Sie nennen ihn „Fiedel-Freigeist“ und „Vivaldi-Punker“. Aber eigentlich ist dieser Nigel Kennedy ein liebenswerter, höflicher und farbenfroher Mann, der vielleicht etwas zu gerne flucht, aber ansonsten einfach nur spielen will. Ein Annäherungs-Versuch.

Natürlich habe ich mich auf das Treffen vorbereitet. Nicht zu viel, sonst fallen einem keine Fragen ein. „Fiedel-Freigeist“ hat ihn ein Kollege genannt. Das gefällt mir. Ich sitze also gleich mit dem international anerkannten und gefeierten Star-Geiger Nigel Kennedy zusammen, um mit ihm über das Leben zu sprechen. Über das Leben deshalb, weil Musik ja vermutlich nicht mein stärkstes Thema wäre. Wenn ich ehrlich bin, ist der erste Kontakt fast etwas enttäuschend. Ich schleiche über den Bühneneingang in Parktheater und stehe fast mitten in der Probe. Weil das Orchester ziemlich weit im Hintergrund sitzt. Vorne steht Nigel Kennedy. Aber er tobt gar nicht. Brüllt nicht. Schmeißt nicht mit Notenständern. Er spricht in warmen Worten mit den Musikern, möchte die Stelle „etwas mehr pianissimo, aber nicht zu viel, verstehen Sie, so in der Mitte. Dankeschön, mein Liebchen!“. Und das soll also der große Vivaldi-Wüterich sein?

Später wird er sich artig für mein zehnminütiges Warten entschuldigen, weil er eben noch was mit der Inspizientin klären musste. Er wird sagen, dass er stolz und dankbar ist, mich treffen zu dürfen. Iserlohn sei ein „great place to be“ und habe viel „fresh air“. All das würde er nämlich lieben. Dabei hüpft er von einem Bein aufs andere, offenbar Ausdruck glucksender Freude. Und er reicht ein mir ums andere mal die Ghettto-Faust. Yeah, Mann, lass uns reden!

Nigel Kennedy: Bevor es losgeht, Thomas, spielst Du ein Instrument?

Thomas Reunert: Eigentlich heute nicht mehr. Früher ein wenig Gitarre.

Nigel Kennedy: Klasse! Welche Richtung? Klassik oder Rock?

Thomas Reunert: Nur so eben. Schlager. Als Junge mit einem Bauch hattest Du bei Mädchen mit einer Gitarre etwas bessere Chancen.

Nigel Kennedy: Stimmt, mein Lieber. So fängt’s an. Darum machen es die anderen auch. Keith Richards und alle anderen.

Thomas Reunert: Sie haben als Pianist angefangen und sind dann zunächst auf Cello gewechselt, weil der Vater Cellist war?

Nigel Kennedy: Cello habe ich ja nie gespielt. Ich wollte es unbedingt, aber mein Vater lebte in Australien, ich hab ihn nie wirklich gesehen. Und dann habe ich eben Violine gespielt, zumal ich in Kontakt mit Yehudi Menuhin gekommen war, der letztlich auch meine Ausbildung bezahlt hat. Der suchte nun mal keinen Cellisten, sondern einen jungen Violinisten.

Wann haben Sie für sich selbst das Gefühl bekommen, nicht nur ein guter Musiker zu sein, sondern auch das Zeug zu einem berühmten Musiker zu haben?

Ich bin nicht ganz sicher. Ich glaube, es war in den Straßen von New York, als die Menschen stehenblieben, um mir zuzuhören und mir Geld in den Violinenkasten warfen. Da habe ich gedacht, meine Musik hat eine gute Chance zu kommunizieren. Wenn ich auf der Straße spiele und die Menschen stoppen, ist das ein gutes Zeichen. Ich habe irgendwie gefühlt, dass es auf jeden Fall für den Lebensunterhalt reichen könnte.

In New York haben Sie auch auf Hochzeiten und Beerdigungen gespielt.

Beerdigungen waren aber viel besser. In Amerika heiraten die Menschen viel öfter, aber sie sterben nur einmal. Du bekommst viel mehr Geld, wenn Du auf einer Beerdigung spielst.

War auch das eine Schule für das spätere Künstlerleben oder das Leben an sich?

Es war gut, das zu lernen. Dass man Musik so spielen kann, dass auf jeden Fall alle heulen. Aber geliebt habe dich ie Beerdigungen nicht wirklich, denn es ist nicht schön, in so einem Moment dabei zu sein, wenn man nicht selber über die Familie in so einem persönlichen Moment verbunden ist.

Ihr Bild in der Öffentlichkeit ist eine Kombination aus dem leicht bis mittel durchgeknallten Punk, der unberechenbaren Persönlichkeit auf der einen Seite und des gefeierten und vor allem akzeptierten Violine-Stars auf der anderen – war das von Anfang an ein cleverer Plan?

Nicht wirklich ein Plan. Mein Plan war immer, ausschließlich ich selbst zu sein. Sonst hätte ich nicht auf die Straße gehen können, um dort zu spielen. Es war nicht vorbestimmt, ein klassischer Musiker zu werden. Ich tue es, weil es mir Freude macht. Das ist die gleiche Einstellung mit der ich es heute tue, und es war die gleiche, als ich jünger war. Es macht keinen Sinn, ein guter Musiker zu sein, der diese wundervolle Musik spielt und so ein so wundervolles Leben lebt, wenn es dir keinen Spaß macht. Und wenn es dir keinen Spaß macht, das mit Kollegen zu teilen. Also noch einmal, es war kein Plan. Ich hatte einen Manager bei der Plattenfirma, der der ganzen Welt gesagt hat: ‚Lasst ihn er selbst sein! Es gibt nur einen Nigel Kennedy. Macht aus ihm keinen zweiten Menuhin.‘

Menuhin starb vor 17 Jahren…

Schwer zu glauben, oder? Yeah Mann!

Wäre er stolz darauf, wie sich sein Schüler Kennedy in den letzten Jahren entwickelt hat?

Ich bin mir nicht sicher, denn auch zu Lebzeiten gab es Dinge, die er an meinem Spiel liebte und andere, die er hasste. Die elektrische Violine hat er nie geliebt. Er mochte den Jazz nicht und nichts mit einem repetetiven Beat. Rockmusik hat er überhaupt nicht verstanden. Er verstand Zigeunermusik, indische und rumänische Musik. Er konnte Led Zeppelin oder The Who nicht verstehen. Und auch wenn ich John Coltrane für ihn spielte, mochte er es nicht. Aber ich glaube, er war schon stolz darauf , dass ich das erreicht habe, was er unter einem guten Level verstanden hat. Yeah, Mann.

Man sagt übrigens, dass es auch an Menuhin gelegen hat, dass Sie kein Vegetarier wurden.

Das stimmt. Er hatte diesen furchtbaren Gemüse-Anfälle, hat furchtbare Sachen gegessen. Auch noch Müsli. Und dann hat er auch noch dabei Yoga gemacht. Um seinen Yoga-Anfällen in der Schule zu entkommen, habe ich angefangen zu laufen, bin aus der Schule gerannt, um das fu*****g Yoga zu umgehen.

Aber noch mal zum Fleisch. Sie sagen, dass Schweinefleisch das Gehirn tötet.

Stimmt! Weil da nach meiner Meinung so viele Gifte drin sind. Ich mag aber Lamm. Vor allem das aus Tschernobyl. Yeah, Mann!

(lacht sich schlapp und hält wieder mal die Ghettofaust hin)

Betrachtet man das Leben des jungen Nigel Kennedy in New York, so scheint es manchmal fast ein wenig bürgerlich gewesen zu sein. Was ließ den Punk aufkommen?

Ein bisschen kann man das wohl denken, denn ich habe in New York eigentlich nur das gemacht, was alle Studenten gemacht haben. Bin in Clubs gegangen und war montags betrunken. Wie alle eben.

Würden Sie unter den heutigen Bedingungen nach New York gehen?

Das ist eine gewaltige Disney World geworden. Die Bourgoisie hat die Stadt übernommen, viele Clubs sind geschlossen. Nein, ich würde nach Detroit gehen. Die Stadt hat noch einen eigenen Charakter. Es gibt nur ein Starbucks in der ganzen Stadt.

Wird das Amerika des Donald Trump in zehn Jahren überhaupt das Amerika sein, das Sie kennen?

Das frage ich mich auch. Aber nicht nur in Bezug auf Amerika. Die Fremdenfeindlichkeit hat zugenommen. Überall auf der Welt. Deutschland hat aber viel besser reagiert. Ich denke sogar darüber nach, Bürger dieses Landes zu werden. Vielleicht in Berlin, eine wundervolle Stadt. Tolerant und unkonventionell.

Müssen Künstler in Zeiten eines Donald Trump oder Erdogan die Stimme noch lauter heben?

Ich glaube nicht, denn ich glaube nicht, dass meine Stimme bedeutender ist als die eines anderen Menschen. Ich bin nur ein schlichter (im Original sagt er jetzt wieder das böse Wort mit f****) Violinen-Spieler. Ich kann nur erklären, wie ich mein Leben leben möchte. Ich will aber nicht in einem Land leben, in dem wegen praktiziertem Rassismus Menschen, die Hilfe brauchen, nicht geholfen wird. Wir leben in einem egoistischen Land im Moment.

Und der Brexit in Ihrem England?

Auch eine schwere Situation. London hat nicht so gewählt, aber große Teile in England. Wenn ich in einem Raum mit 100 Leuten bin, und 51 haben sich entschieden, etwas zu tun, mit dem ich nicht leben will, dann muss ich versuchen, die zu überzeugen. Wenn mir das nicht gelingt, muss ich den Raum verlassen. Und mal am Rande: Wenn Schottland auch ausschert, kann Donald Trump tatsächlich eine neue Mauer bauen. Um seinen Golfplatz. Die Menschen in Schottland hassen den Donald Trump, weil er der Natur Frevelhaftes angetan hat, um seinen Golfplatz zu bauen, Schutzgebiete zerstört hat.

Langweilt es Sie nicht, dass die Menschen, wenn sie auf Sie treffen, zunächst einmal wissen wollen, wie viele Hotelzimmer sie letzte Nacht demoliert haben, und wie viele Flaschen Vodka dran glauben mussten, bevor sie nach dem Inhalt des nächsten Konzerts fragen?

Wenn ich zu viel getrunken habe, spiele ich ja auch abends kein Konzert mehr. (Ghettofaust, große Freude) Nein, das mit dem Hotelzimmer ist doch eigentlich nur das natürliche Ergebnis der Katastrophe.

Kommen wir kurz noch zu dem aktuellen Album, auf dem – nicht zum ersten Mal - ausschließlich Kennedy-Werke zu hören sind.

Stimmt, ich liebe das Schreiben.

Machen Sie das, um der Welt zu zeigen: Ich muss nicht immer nur Sachen anderer Komponisten spielen und interpretieren. Ich kann auch meine eigene Musik machen?

Nicht, um es den Leuten zu zeigen. Ich möchte es mir zeigen. Ich fühle mich einfach besser, wenn ich meine eigene Musik spielen kann. Die kommt von mir, hat meinen eigenen Fingerabdruck. Meine Musik zu spielen, ist für mich viel natürlicher als die Musik von Bach oder Jimmy Hendrix. Ich muss mich erst in deren Psyche einfinden.

Ich muss ziemlich hart arbeiten, um in ihre Mentalität zu kommen. Meine Musik spiegelt aber von vornherein meine Mentalität wider.

Ich bin ja nun wirklich kein Experte, aber bekommt Musik seinen Wert durch die Komposition oder erst durch die Interpretation?

Auf jeden Fall durch die Komposition. Als die Beatles Musik anderer Leute spielten, hat sich keiner dafür interessiert, als sie eigene Musik machten, kam der Erfolg.

Würde es Sie interessieren – wenn das möglich wäre – wie Musiker der nächsten Generationen Ihre Musik interpretieren?

Natürlich, das würde mich aber auch schon heute interessieren wie andere das machen.

Sie sind Steinbock, ein Zeichen für starken Willen und klar definierte Ziele. Legende oder Realität?

Das bin genau ich, Mann! Niemand hat das Recht, mir zu sagen, was ich zu tun habe. (3 x Yeah, Mann! 2 x Ghetto-Faust)

Glauben Sie, dass es im Himmel einen besonderen Platz gibt für Paradiesvögel wie Sie?

Was sind Paradiesvögel?

Bunte Vögel.

Oder meinst Du alte Vögel?

Gibt’s in der Klassikszene Groupies?

Ja, Laura-Ashleys-Groupies, lange Kleider, schwer reinzukommen.

Was ist Ihr Verhältnis zu Ihrer Prominenz, zu Ihrem Ruhm?

Ich lebe ein ganz normales Leben, stehe morgens auf, übe und übe. Und zuhause gehe ich mit dem Hund spazieren. Ganz normal eben.

Meine letzte Frage: Wenn eine Fee hier erscheinen würde und nach dem einen Wunsch des Nigel Kennedy fragt, und wir klammern mal die Gesundheit aus?

Ich würde für mein Leben gern sehen, dass der englische Fußballclub Aston Villa, der in den letzten 50 Jahren nur shit gespielt hat, in dieser f****ing Liga noch einmal in meinem f****ing Leben gut spielt. Und ich möchte noch erleben, dass St. Pauli die Bundesliga gewinnt. Dass die guten Klubs die Oberhand über die reichen Klubs bekommen. Und dass die Briten ihre Meinung ändern und in Europa bleiben.

(Und plötzlich sagt einer am Nebentisch, dass am Abend die englische Nationalmannschaft in Dortmund spielt. Kennedy springt elektrisiert vom Stuhl hoch.)

Waaaas? Ehrlich? Da sollten wie hingehen. Wir können das ganze f******ing Orchester mitnehmen.

(Er brüllt durch das ganze Lokal in Richtung seiner Musiker)

Leute, ich habe eine Idee, England spielt heute in f****ing Dortmund. Wir brauchen noch Hooligans!

Und dann reden wir noch über Podolski („Der sollte unbedingt für Polen spielen!“) und über Schwein­steiger („Der wurde in Manchester fürchterlich schlecht behandelt.“)

Es gibt im Fußball keine Loyalität. Es geht nur um Geld. Total enttäuschend.

Yeah, Mann!

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