Nachruf

Visionär und unermüdlicher Netzwerker

Hans-Günter Kerstan, Diplom-Ingenieur für Verfahrenstechnik,war der Mitbegründer und Förderer des „Instituts für Entsorgung und Umwelttechnik“ und der Sammlung aus Städtereinigung und Entsorgung.

Hans-Günter Kerstan, Diplom-Ingenieur für Verfahrenstechnik,war der Mitbegründer und Förderer des „Instituts für Entsorgung und Umwelttechnik“ und der Sammlung aus Städtereinigung und Entsorgung.

Foto: Hans-H. Schneider

Iserlohn.   Hans-Günter Kerstan ist am Ostersonntag völlig überraschend im Alter von 81 Jahren gestorben.

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Zufällige Begegnungen mit Hans-Günter Kerstan, zum Beispiel am Rande von Neujahrsempfängen, beim Campus Symposium oder jedweder Treffen von Machern und Entscheidern – nahmen eigentlich immer den gleichen Verlauf. Ehrliche Freude über das Wiedersehen, kurzes Gespräch über Gott und die Welt und über die Dinge, über die man sich gerade aufregen sollte – oder auch besser nicht. Und dann der scheinbar im ersten Moment nebensächliche Hinweis, dass man sich – natürlich nur bei Zeit und Lust – ruhig mal wieder treffen könnte. Gern auch kurzfristig. Er habe da, so sagte er immer, das eine oder andere Neue, das er zu erzählen hätte. Und natürlich auch nur, falls es einen interessieren würde.

Wer aber Hans-Günter Kerstan, den unermüdlich-rastlosen Netzwerker, wirklich kannte, wusste sofort, dass er jetzt dringend über „sein“ Thema reden wollte: die Abfallentsorgung in all ihren Facetten. Und wer sich schon einmal mit ihm darüber ausgetauscht hatte, bekam schnell einen Eindruck, wie unendlich viele, unendlich wichtige und oftmals so unendlich unbeachtete Facetten es bei dem Thema geben konnte. Städtereinigung und Müllmanagement – das habe ich von dem gebürtigen Schalker gelernt – sind weiß Gott keine Nebensache, kein notwendiges Übel, keine Selbstverständlichkeit, die jeder mit links machen kann. Nicht einmal in Gesellschaften, die sich für hoch entwickelt halten. Hans-Günter Kerstan hat die Städtereinigung mit ihren ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Aspekten zu einer Wissenschaft erhoben, zu einer gesellschaftspolitischen Kern-Frage unserer gemeinsamen Zukunft, die sich allerdings aus unserer Vergangenheit durchaus erklären lässt.

Vom Bauschlosserzum Diplom-Ingenieur

Hans-Günter Kerstan, der studierte Praktiker, wird 1935 als Kriegskind auf Schalke geboren. Doch trotz der Kriegswirren, trotz Flucht und Überlebenskampf in der Tschechei arrangiert er sich schnell mit dem Leben, mit seinem Leben. Im Gespräch mit der Heimatzeitung sagt er einmal: „Ich hatte schnell raus, wie das Leben funktioniert und habe das Beste daraus gemacht. Da sind meine Grundmauern entstanden.“ Zurück im Ruhrgebiet macht er eine Lehre als Bauschlosser und Schmied. Hat aber auch da schnell erkannt, dass das zwar von der Lebensphilosophie her seine Welt ist, dass man aber unermüdlich weiter an sich arbeiten muss, um in dieser Welt ein ganzes Stück weiter nach oben zu kommen. Kerstan macht seinen Diplom-Ingenieur für Verfahrenstechnik. Irgendwann plant er beim Neubau einer Müllverbrennungsanlage mit, lernt in dieser Zeit die Edelhoffs aus Iserlohn kennen, wird ihr Vertrauter, Partner und Freund. Vermutlich auch schon deshalb, weil er ihre Leidenschaft zu Maschinen, Menschen und Müll teilt. In den weiteren Jahren macht er dann auch ein paar berufliche Schwingungen mit, die durch den Übergang der Edelhoff-Unternehmensgruppe in Richtung LOBBE hervorgerufen werden.

Vernetzung mitheimischen Forschungseinrichtungen

Aber früh setzt neben dem loyalen Engagement für das unmittelbare Unternehmensziel eben auch schon dieser unglaublich intensive Rück- und Vor-Denker-Prozess ein, aus der in Teilen ebenso segensreichen wie bedrückenden Historie der Gesellschafts-Abfälle und dem Umgang mit ihnen Kraft und Wissen für Wandel und Weiterentwicklung zu ziehen. Immer zum Wohle einer gesunden Bevölkerung, einer fortschrittlichen Genehmigungs- und Förderungspolitik und eben auch zum Wohle einer an diesen Prozessen beteiligten Wirtschaft. So wundert es nicht, dass Kerstan zu den Mitbegründern und umtriebigen Förderern des IFEU gehört, dem 1989 gegründeten „Institut für Entsorgung und Umwelttechnik“. Hier bot sich die Möglichkeit einer Vernetzung mit heimischen Unternehmen und Verbänden, der Fachhochschule und anderen Forschungseinrichtungen.

Und da war natürlich – und vor allem – noch „sein“ Projekt, die SASE, oder mit vollem Namen, die Sammlung aus Städtereinigung und Entsorgung. Was eigentlich 1997 als Studiensammlung der Entsorgungswirtschaft begonnen hatte, ist heute im Dröschederfeld ein weltweit einmaliges Komplettangebot aus unterschiedlichen Dokumentations-Formen, Dauerausstellung, Schulungs- und Tagungszentrum, Think Tank und unermüdlicher Branchen-Vernetzungs-Initiative. Nicht zuletzt bildet die SASE eine Plattform für Begegnungen zwischen Entsorgungsspezialisten, öffentlicher Verwaltung und Politik, wissenschaftlichen Kreisen, Fachpublikum und Besuchergruppen aus dem In- und Ausland. Kerstan hat dabei den Sinn und Antrieb seiner Lobby-Arbeit auch nie bestritten: „In den letzten Jahren haben wir Entsorger uns zu wenig eingemischt in die wirklich wichtigen Themen. Früher haben wir in der Expertenfunktion mit dem Gesetzgebern an einem Tisch gesessen, heute sind wir nur noch Zaungäste.“

Gesellschaftliche und sozialeThemen im Blick gehabt

Die Liste der gesellschaftlichen und sozialen Themen und Aufgabenstellungen, bei denen sich Hans-Günter Kerstan – gern auch leise und im Hintergrund - engagiert hat, ist lang. Auch u.a. in der Gertrud-Wichelhoven-Stiftung war er als Förderer und Planer aktiv.

Und der geerdete Bauch-Mensch mit untrüglichem Weit- und Durchblick liebte das Leben, verstand es immer wieder, diesem immer wieder auch die spannenden, oftmals außergewöhnlichen Seiten abzugewinnen. Wieder in Iserlohn schilderte er – gern auch Meister des Understatements – seine zwei- und vierrädrigen Ausflüge in die verdörrtesten Wüsten- und Gebirgsflecken gern als kleinen Feiertagsausflug. An den roten Wangen und der leichten Erhöhung der Erzähl-Geschwindigkeit konnte der Betrachter und Zuhörer allerdings das tatsächliche Ausmaß der Erlebnisse fast schon mit Augen nachempfinden.

Hans-Günter Kerstan war ein im positivsten Sinne getriebener Mensch und Visionär, geprägt von Treue, Familiensinn und Menschenfreundschaft. Er ist am Ostersonntag völlig überraschend im Alter von 81 Jahren gestorben.

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