Lesung

Von Lust und Leid des Reisens

Zum dritten Mal waren die „Waldstadtstifte“ im Literaturhotel (v. li.): Annelise Kindel, Susanne Brandt, Bettina Lausen, Nadja Kurz und Sandra-Maria Erdmann. 

Zum dritten Mal waren die „Waldstadtstifte“ im Literaturhotel (v. li.): Annelise Kindel, Susanne Brandt, Bettina Lausen, Nadja Kurz und Sandra-Maria Erdmann. 

Foto: Miriam Mandt-Böckelmann

Iserlohn.   Autorengruppe „Die Waldstadtstifte“ stellt im Literaturhotel Texte vor.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

„Hinter jeder Ecke lauert eine Geschichte – man muss sie nur wahrnehmen“ – könnte das Motto der Iserlohner Autorengruppe „Die Waldstadtstifte“ sein. Mit offenen Augen und unvoreingenommenem Geist gehen die fünf Damen durch die Welt und formulieren danach aus ihren Gedanken, Freuden, Ängsten, Wünschen und Fantasien anregende Kurzgeschichten, Essays und Romane.

Seit sieben Jahren trifft sich die Gruppe einmal im Monat, um gemeinsam an ihren Texten zu feilen. Künstler und Kritik? Kein leichtes Thema, aber auch das könne man lernen, ist Sandra-Maria Erdmann überzeugt. Sie sagt: „Wir kommentieren die Geschichten der anderen. Das kann natürlich schon mal weh tun, aber nur so wird man besser. Denn Schreiben ist auch ein Handwerk, das man stetig üben muss.“ Wichtig sei der Austausch in der Gruppe und die gegenseitige Unterstützung: Wer nur allein im stillen Kämmerlein schreibe, der verliere schnell den Mut.

Und den braucht, wer im schnelllebigen Literaturbetrieb als Neuling Erfolg haben und einen Verlag oder Agenten von sich überzeugen will: Wer da an sich und seinem Können zweifelt, hat schon verloren. Auch die „Waldstadtstifte“ spüren diesen Druck und die hohen Erwartungen – von sich selbst und von anderen. Die Folge: In so mancher Schublade schlummert ein Roman und wartet darauf – oft vergeblich – gelesen zu werden.

Schade, zumal das Internet (Stichwort: Self-Publishing) heute völlig neue Möglichkeiten biete, wie auch die Moderatorin der Veranstaltung Andrea Reichart betonte. Auch die „Waldstadtstifte“ sind mit der Zeit gegangen und haben unter dem Titel „Wo ich dich traf“ eine Kurzgeschichten-Sammlung als E-Book veröffentlich.

Für die inzwischen dritte Lesung im Literaturhotel hatten sie sich ein Motto überlegt: Lust und Frust auf der Reise. „Nicht immer läuft dabei alles glatt“, so Sandra-Maria Erdmann, „es gibt viele unerwartete Wendungen!“ Ein toller Stoff für eine Anthologie – wie auch Annelise Kindel mit ihrem Text „Ein perfektes Versteck“ zeigte. Darin geht es für zwei Freundinnen per Flieger in den Urlaub. Kurz vor der Sicherheitsschleuse dann das: Das geliebte Mini-Taschenmesser des Opas liegt noch im Rucksack. Einfach in den Müll werfen? Nein! Verstecken – das soll die Lösung sein. Aber wo? Die Geschichte nimmt ihren Lauf und am Ende kommt alles anders als gedacht … Mit vielen lustigen Pointen und dem anregenden Vortragsstil sorgte Kindels „perfektes Verbrechen“ für Erheiterung beim Publikum.

Wie schon Bettina Lausens im Buchhandel erhältlicher Roman „Die Reformatorin von Köln“ spielte ihre vorgetragene Kurzgeschichte im 16. Jahrhundert. Darin trifft die schwangere Irmel auf den schönen Martin, einen Buchdrucker. Irmel sucht eine Schulter zum Anlehnen, sie hat etwas Geld, Martin ist noch zu haben und braucht Unterstützung, um sich ein eigenes Geschäft aufzubauen. Die beiden kommen ins Gespräch (zeitgemäß in der 3. Person) … Ist es der Beginn einer großen Liebe?

Eine Katze mit Verdauungsproblemen

In Sandra-Maria Erdmanns „Der Urlaubsmuffel“ bleibt nicht viel ungesagt: Pointenreich, mit schräger – durchaus auch drastischer – Sprache, beschreibt die Iserlohner Autorin die verzweifelten Unternehmungen von Gerd, der alles tut, um nicht mit seiner Frau Marlene in den Urlaub fahren zu müssen. Nur soviel: Eine Katze mit Verdauungsproblemen spielt dabei eine nicht ganz unerhebliche Rolle …

Lyrisch und verträumt geht es in der Erzählung „Minuten“ von Nadja Kurz zu. Sie sagt: „Die längste Reise des Lebens ist die vom Kopf ins Herz“ – und so geht es wohl auch dem Taxifahrer, der sich in die junge Anna verliebt, die er regelmäßig zur Arbeit in den Jachthafen fährt und die sich dort „Gracia“ nennt. Hier stimmt jeder Vergleich, die Stimmungen sind toll gezeichnet, sehr emotional und ausdrucksstark. Den Abschluss bildet der Text „Der Hahn ist tot“. Autorin Susanne Brandt findet nicht nur die richtigen Worte, sie ist auch eine hervorragende „Vorleserin“ – denn auch das ist eine Kunst! Der Plot der Geschichte: Antonio lebt mit seinen Hühnern zufrieden in Portugal, dann stirbt der Hahn und die Hühner sind nach drei Tagen depressiv. Ein neuer Hahn muss her – gar nicht so leicht. Es entwickelt sich eine humorvolle Story, witzig und temperamentvoll erzählt, mit Liebe zum Detail und einem tollen Spannungsbogen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben