Interview

„Von Null auf Hundert in eine neue Welt“

Lo Graf vo Blickensdorfdekoriert ein Stück „Erdbeer-Sahne“ mit meinem Männchen.

Foto: Thomas Reunert

Lo Graf vo Blickensdorfdekoriert ein Stück „Erdbeer-Sahne“ mit meinem Männchen. Foto: Thomas Reunert

Iserlohn.   Lo Graf von Blickensdorf – Meistert der selfmade-adlige Mann sein Leben mit einer kleinen Meise oder mit einem großen Plan?

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„Einfach zauberhaft“ sei es am Vorabend gewesen schwärmt Lo Graf von Blickensdorf noch ganz aufgewühlt von seiner Lesung in der Mendener „Schokoladenmanufaktur“. Dorthin hatte ihn der umtriebige Buchhändler Andreas Wallentin zu einer überaus stilgerechten Lesung geladen. Doch des Grafen Themen sind nicht wirklich die Einblicke in die Welt des Hoch- und Flachadels, sondern Einblicke in sein Leben. Wie aus dem Jungen aus Münster der Graf von Charlottenburg wurde. Und dann ist und war da noch die Sache mit der Torte, mit der sich allen Kalorientabellen und Unkenrufen zum Trotz sogar abnehmen lässt. Also trifft sich die Heimatzeitung mit dem „Kunst-Adligen“, der an der Spree inzwischen durchaus ein Gesellschaftslicht ist und sogar Kult-Regisseur Roas von Praunheim ein verwegenes Portrait gewidmet hat, zum investigativen Ortstermin bei „Spetsmann“ am Ohl.

Worüber wollen wir zuerst reden? Über den Grafen oder über die Torte?

Vielleicht besser über den Grafen, damit Sie mal ein Gefühl dafür bekommen, wie alles begann.

Sie waren ja nun nicht immer Graf.

Eben! Es ist ja so entstanden, dass ich in eine Krise geraten bin. Scheidung, keine Jobs mehr. Niemand hat mich angerufen, weil auch der Bekanntenkreis wegbricht, wenn man geschieden ist. Ich hatte kein Geld mehr. Und reichlich Schulden. Da dachte ich: Was mache ich jetzt? Ich habe ja für Harald Schmidt Gags geschrieben. Drehbücher für’s Fernsehen, zum Beispiel SOKO Leipzig. Aber auch da war plötzlich eine Krise, weil durch die neuen Reality-Formate wie „Dschungelcamp „oder „Big Brother“ ohne wirkliche Drehbücher Sendeplatz genommen wurde. Plötzlich gab es mehr Autoren als Angebote.

Es gab dann ein Schlüssel-Ereignis?

Ich bekam bei Firma Boesner, dem IKEA für Künstler, ein kostenloses Büchlein überreicht. „Wie man sich als Künstler besser vermarktet!“ Das habe ich durchgelesen und bin an dem Kapitel „Künstlernamen“ hängengeblieben. Nun ist Blickensdorf ja mein echter Nachname.

Und Lothar der Vorname?

Stimmt. Steffi Stephan, der Bassist von Lindenberg und Maffay, hat mir irgendwann den Namen „Lo“ gegeben. Der mag so Abkürzungen, hat mich in einem Interview mal als „der Galerist Lo Blickensdorf“ bezeichnet. Meine Cartoons signiere ich ja auch mit „Lo“. So, und dann haben die Leute immer schon gesagt: Blickensdorf? Da gehört doch ein „von“ davor. Erst habe ich mir ja nichts daraus gemacht, aber dann – aus der Not heraus – habe ich gedacht: Ist ja doch interessant!? Ich nenne mich „von Blickensdorf“ und kann vielleicht das eine oder andere Bild an eine Zahnarztgattin verkaufen, die dann damit angeben kann.

Und der Graf?

Das fand ich auch nicht schlecht, aber ich habe erst einmal gegoogelt, ob man das überhaupt darf. Und ich habe herausgefunden, dass das nur noch ein Namenszusatz ist. Kein Titel. Also habe ich mir kostenlos im Internet ganz vorsichtig Visitenkarten drucken lassen. Ich dachte: Kostet ja erst mal nix! Vorher habe ich mir das Familienwappen selber entworfen. Weil ich Maler bin, zwei gekreuzte Pinsel. Und ich habe wie David Bowie zwei verschiedenfarbige Augen, deshalb das Auge.

Und die ersten Reaktionen?

Ermutigend. Eine Freundin von mir, eine ganz kritische Frau, hat sofort gesagt: Finde ich gut! Mach das weiter! Also habe ich gemacht. Ich war ja als Drehbuchschreiber damals noch auf der „Berlinale“ unterwegs. Und bei den Empfängen standen an den Ausgängen immer so große Bottiche, wo man seine Visitenkarten reinwerfen konnte. Und das habe ich gemacht ohne Ende. Und plötzlich bekam ich Einladungen zu Botschaftstempfängen, wo sogar der Würdenträger aus dem Vatikan neben mir mit einem Sektglas stand. Ich musste mich kneifen: Von Null auf Hundert in solch eine neue Welt? Da habe ich Blut geleckt.

War das auch schon die Idee zum ersten Buch?

Ich hatte einen Stammtisch, wo wir uns immer erzählt haben, was alles so in unserem Leben passiert ist. Ich habe meine Geschichten auch erzählt. Und natürlich hat irgendwann einer gesagt: Schreib doch mal ein Buch! Ich habe also erst einmal sieben Seiten geschrieben und an dreißig Verlage geschickt. Aber es kamen nur Absagen. Später habe ich erfahren, dass die solche Briefe gar nicht erst aufmachen, so viel kriegen die jeden Tag. Aber am Ende war es ja doch erfolgreich.

Welches Jahr schreiben wir?

2008. Aber es gab auch ein Problem. Mein Verlag wollte plötzlich immer mehr Seiten haben. Und soviel hatte ich doch noch gar nicht erlebt. Also kam ich auf die Idee, Firmen und Parteien anzuschreiben, ob sie nicht mit meinem Namen augenzwinkernd etwas Geld machen wollten. So habe ich zum Beispiel Nivea angeschrieben, ob sie nicht gegen ein kleines Entgelt eine Gesichtspflegeserie auflegen wollten. „Graf von Blickensdorf Gesichtsbalsam“. Storck habe ich übrigens ein Mandel-Trüffel-Pralinée nach dem Rezept meines Großvaters angeboten. „Graf Blickensdorfs Gaumenkitzler“. Es gab zwar immer Absagen, aber ich hatte schöne Sachen für mein Buch.

Noch einmal zurück auf Anfang. Die Lebensgeschichte des Lo Graf von Blickensdorf beginnt in Münster. In einem bürgerlichen Haushalt?

Mein Vater war Klempner und Installationsmeister, meine Mutter Hausfrau, ich habe noch vier Geschwister. Ich war in Burgsteinfurt im Internat und habe ein Praktikum gemacht bei Pan Walther, einem damals sehr bekannten Portrait- und Landschaftsfotografen, der auch eine Professur in Dortmund hatte. Der hat mich dann nach Dortmund zur Fachhochschule geholt, Dort habe ich Fotografie, Malerei und Film bei Adolf Winkelmann studiert. Dann habe ich selbstständig gearbeitet, in Münster das „Jovel“ mit Steffi Stephan aufgebaut, die Galerie geführt. Als meine Eltern in Münster ihr Haus verkauft haben, nach Bad Rothenfelde gezogen sind, habe ich gesagt: Jetzt hält mich nichts mehr in Münster, ich ziehe nach Berlin.

Zwischenfrage. Ist ihr Alter eigentlich ein Geheimnis.

Nö, ich bin ‘51 geboren. Übrigens: Der Schritt hat mich sehr verjüngt, denn meine Freundin sagt immer, ich sähe heute viel jünger aus als damals.

Nun also Berlin.

Da war ich zunächst bei der Stadt-Zeitung „Zitty“. 17 Jahre lang. Dann ging die Mauer, was für die Westberliner mit dem Wegfall der Berlin-Zulage wirtschaftlich gar nicht mal so prickelnd war. „Zitty“ wurde verkauft. Aber ich veröffentliche immer noch Cartoons.

Und wen hat der Graf an seiner Seite?

Meine Partnerin ist die Künstlerin Joelle Meissner, halb Italienerin, halb Französin. Meine große Liebe. Die ich übrigens nicht kennengelernt hätte, wenn ich mich nicht zum Grafen gemacht hätte. Wir haben uns gefunden, wie zwei Außerirdische. Das ist ein großes Geschenk.

Nun machen Sie ja auch einen durchaus gräflichen Eindruck. Fesches Bärtchen, Fliege, Weste, feines Jackett. Das war aber nicht immer so?

Wie Künstler eben immer gekleidet sind. Alles in Schwarz. Künstler, Werbeleute und Zuhälter. Das ist eben deren Berufsbekleidung. Hat aber den Nachteil, dass man nicht auffällt. Aber irgendwann hat ein Freund zu mir gesagt: Sag mal, jetzt biste Graf, jetzt kannste doch nicht mehr so rumlaufen wie ein Existenzialist, jetzt biste doch das Gegenteil.“ Da habe ich gefragt: Wie sehen denn Grafen aus? Doch nicht wie Graf Yoster aus dem Fernsehen? Und er: Wie ein Gentleman eben. Kaschmirsacko, Einstecktuch, Budapester.

Etwas hoch gegriffen für einen, der nichts auf der Naht hat, oder?

Der Freund hat mir 200 Euro gegeben, und ich bin ins KaDeWe gegangen, habe meine Visitenkarte gezeigt, dem Verkäufer gesagt, eine Erbschaft stünde ins Haus und dass ich da so nicht auflaufen könne. Der hat sofort verstanden und mich mit runtergesetzter Top-Ware komplett eingekleidet, hat mir beigebracht, wie das mit dem richtigen Anziehen funktioniert. Selbst bei LIDL an der Kasse werde ich viel freundlicher behandelt, als mit den schwarzen Sachen. Plötzlich ist man wer.

Haben Ihnen Titel und Kleidung auch zu mehr Körperspannung verholfen.

Auf jeden Fall. Wie bei einem Schauspieler, der in die Garderobe kommt, eine Napoleon-Uniform anzieht und auf die Bühne geht.

Das hält jetzt auch 24 Stunden bei Ihnen?

Zuerst war es Verkleidung, dann bin ich selber süchtig danach geworden und habe die schwarzen Sachen weggeschmissen. Inzwischen habe ich sogar einen seidenen Pyjama mit kleinem Wappen drauf, damit ich mich wohlfühle.

Aber trotzdem muss man doch auch darauf achten, irgendwie normal zu bleiben. Herr Glööckler hat auch einen seidenen Pyjama, ist aber doch auch etwas neben der Spur.

Finde ich nicht. Ich haben den kennengelernt. Ich war eingeladen und da hat er meinen Grafen-Stock, einen historischen Flanierstock aus dem 19. Jahrhundert, gesehen und war ganz interessiert, wollte sogar ein Selfie mit mir machen. Und jetzt werde ich immer mal von ihm eingeladen. Der ist sehr fleißig, kann was.

Empfinden Sie denn inzwischen auch so etwas wie „Adel verpflichtet“ in sich?

Ja, ich finde Höflichkeit und gutes Benehmen sehr wichtig. Ich benutze keine schlimmen Wörter. Ich denke, ich bin manchmal ein besseres Aushängeschild für den Adel als der Adel selber. Wir wissen ja, dass es einige schwarze Schafe gibt. Das haben mir auch echte Adlige bestätigt.

Was sagt denn der Adel überhaupt zu Ihnen?

Unterschiedlich. Ein Kollege von mir, der ist auch Drehbuchautor, Maler – und eben Graf. Der lacht sich kaputt. Der sagt: Bei mir ist das genau umgekehrt. Ich möchte das gar nicht. Der kommt aus der Familie Schwerin von Krosigk, hat das Graf-sein schon in der Kindheit als Last empfunden. Und der Fürst zu Schauburg-Lippe, der ja Leute, die sich Titel kaufen, nun gar nicht mag, macht bei mir eine Ausnahme. Wir sind sogar bei Facebook befreundet. Er mag meinen Humor. Bei mir macht er eine Ausnahme, weil ich sage, dass ich eine Kunstfigur bin. Er sagt zwar nicht „Graf“ zu mir, aber er sagt: „Den Blickensdorf finde ich lustig.“

Wie reagieren junge Leute auf Sie?

Cool, total cool. Ich habe noch nie einen persönlichen Angriff gespürt. Vor ein paar Tagen saß so ein Hipster neben mir, langer Bart, moderne Kleidung. Und plötzlich hat er gesagt: Ich finde Sie cool. Mich, mit 66, das finde ich doch sensationell.

Und was sagen Ihre Geschwister?

Die reagieren zwiespältig. Zunächst mal haben sie natürlich nicht geglaubt, dass das so erfolgreich sein kann. Haben geglaubt, das sei ein Spleen von mir. Aber am Ende sind sie doch ganz stolz, dass ich Bücher darüber schreibe.

Kommen wir also zur Torte und der Leidenschaft. Wollen Sie damit Ihrem ohnehin schon bunten Leben noch eine weitere Farbe hinzufügen?

Nee, ich komme aus dem Internat und in Westfalen ist ja ohnehin die vierte Mahlzeit am Nachmittag das Stück Kuchen. Oder das Teilchen. In Berlin überhaupt nicht.

Trotz Café Kranzler?

Gibt’s ja auch nicht mehr. Im Internat gab es am Nachmittag wegen des gesenkten Blutzuckerspiegels immer ein Teilchen. Das hatte ich mir angewöhnt. Weil ich das einfach so schön finde. Und als ich jetzt Graf wurde und an der Schreibmaschine saß, habe ich gedacht, ich müsste wenigstens einmal am Tag rausgehen. Also habe ich meine Kaffeemaschine abgeschafft und mich gezwungen, außerhalb einen Kaffee in besonderer Umgebung zu nehmen. Und auf das Stück Kuchen habe ich mich auch schon den ganzen Tag gefreut. Ich habe mich schön angezogen und bin „konditern“ gegangen. Habe mir zuliebe daraus quasi eine Zeremonie gemacht.

Bis hierher aber noch nicht wirklich etwas Besonderes.

Nein, aber vor etwa fünf Jahren habe ich ein iPhone bekommen und etwas gesucht, was ich zum Test mal fotografieren könnte. Also habe ich das Stück Torte vor mir genommen und das Foto hochgeladen. Mit einem Riesen-Zuspruch. Am nächsten Tag fragten Leute: Wo bleibt die Torte? Und irgendwann wurde aber auch das langweilig und da habe ich auf dem Flohmarkt kleine Figuren gefunden und die einfach auf die Torte gesetzt. Das kam noch besser an. Ich setze diese Figuren auch schon irgendwo in einer Stadt ab und schaffe damit ein neues Geheimnis in der Welt: Warum klettert diese Figur gerade jetzt und hier diese Mauer hoch?

Sie fühlen sich aber auch zur Torte hingezogen, weil es eine Art Kunstwerk sein kann?

Natürlich sind es Kunstwerke. Und sie schmeicheln der Seele. Man kommt gut drauf. Das ersetzt den Psychiater. Ich kandidiere derzeit ja für die Partei „Die Partei“ in Charlottenburg zur Bundestagswahl.

Was sagen Sie denn denjenigen, die sagen: So ist der ganz nett, aber irgendwo hat er auch einen Knall.

Sie meinen, wenn die mich meinen? Das empfinde ich sogar als Auszeichnung, denn wir brauchen Verrückte auf dieser Welt. Georg Bernard Shaw hat gesagt: Es gibt viel zu viele Normale. Künstler sind Figuren, die der Gesellschaft in eine andere Richtung die Augen öffnen. Die breite Masse schaut ja immer gleich. Das zu ändern, das ist für mich Kunst!

Sie sagen, Graf ist Ihr Beruf. Gehen Sie denn dann als Lo Graf von Blickensdorf in Rente oder als Lothar Blickensdorf?

Als Graf. Udo Jürgens ist ja auch als Udo Jürgens und nicht als Udo Bockelmann abgetreten.

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