Politik

Wahlplakate in Iserlohn: bedingt aussagekräftig

Erläutert seine fachliche Sicht auf die Wahlplakate der Parteien: Andreas Schlottmann, Inhaber der Iserlohner Werbeagentur „headline“.

Foto: Tim Gelewski

Erläutert seine fachliche Sicht auf die Wahlplakate der Parteien: Andreas Schlottmann, Inhaber der Iserlohner Werbeagentur „headline“. Foto: Tim Gelewski

Iserlohn.   Zwischen Identifikation und Provokation: In der Heimatzeitung erläutert der Werbefachmann Andreas Schlottmann seine fachliche Sicht auf die aktuelle Materialschlacht der Parteien

Am 14. Mai ist Landtagswahl, die turnusmäßige Materialschlacht der Parteien ist eröffnet. An den Hauptstraßen reiht sich ein Plakat an das andere, viel hilft viel lautet die Devise, vor allem CDU und SPD, aber auch die AfD feuern aus allen Rohren.

Provokant, auf Identifikation bauend, mal dezent, mal plakativ, heile Welt oder Horrorszenarien – die Konzepte der Kampagnen sind unterschiedlich. In der Heimatzeitung erklärt Andreas Schlottmann, Inhaber der Iserlohner Werbeagentur „headline“, seine fachliche Sicht auf die Plakate, „auch wenn es manchmal schwer fällt, dies von der inhaltlichen Seite zu trennen“.

SPD: Grafisch gut, geklauter Slogan, unverständliche Wortspiele

„#NRWWIR MACHEN SCHULE, #NRWIR HALTEN ZUSAMMEN“ und ähnliches: So lauten die SPD-Slogans, dazu gibt es Bilder von Kindern, Tieren, Alt und Jung gemeinsam. „Die Bildsprache ist positiv und emotional. Grafisch ist das gut gemacht, die Slogans sind kurz und plakativ. Das vermittelt Glaubwürdigkeit, erreicht das Herz“, sagt Schlottmann.

Einzig der Slogan „#NRWIR RABAUKEN“ irritiert den Fachmann. Womöglich auch die Kampagnenmacher selbst – dem Titel hängt eine erklärende Unterzeile („EINZIGARTIG: ZUSAMMENHALT ÜBER GENERATIONEN) an.

Kritisch sieht der Experte die Verwendung von Hashtags (#). Vor allem die jungen Angestellten seiner Agentur habe das irritiert. „Netter Versuch, aber unglaubwürdig“, so lautete die einhellige Meinung. Ebenso negativ wird die durchgängige Nutzung von Großbuchstaben gesehen, wie sie allerdings auch viele andere Parteien verwenden. „Schlecht lesbar, das ist Lehrwissen in der Branche.“

Nicht gut weg kommt auch das Wortspiel „NRWIR“, das sich auf allen SPD-Plakaten findet. „In Kombination mit den Fortsätzen ist das teils unverständlich und vor allem eins: geklaut“, sagt Schlottmann. Wer nämlich die Internetseite „nrwir.de“ besucht, der gelangt zum Landschaftsverband Rheinland.

Apropos „#NRWIR“: Mit diesem Slogan grüßt auch SPD-Kandidat Michael Scheffler von den Werbeschildern: „Das Plakat hat wenig Aussagekraft. Beim Thema Hashtags ist man nicht sicher, ob er genau weiß, was das ist“, so Schlottmann. Immerhin: Das Porträt sei gut fotografiert, Scheffler wirke freundlich, seriös – „wenn auch sein Blick nicht unbedingt Zuversicht ausdrückt“.

CDU: Altmodisch, grafisch schlecht, und: ebenfalls geklauter Slogan

„Stärker. Weniger Bürokratie. Mehr Arbeitsplätze.“ „Sicherer. Mehr Polizei. Weniger Einbrüche.“ Dazu Bilder von Funkenregen aus laufenden Maschinen, ein Blaulicht, gerne auch den tapfer lächelnden NRW-Chef Armin Laschet. Aus professioneller Sicht wirke das eher strukturlos, altmodisch, beliebig, sagt Schlottmann. „Weniger Stau? Man könnte das CDU-Logo ohne Weiteres gegen das des ADAC tauschen.“

Der Laschet-Claim „Zuhören. Entscheiden. Handeln.“ – dies hat in den Medien bereits die Runde gemacht, ist ein Plagiat der 94er Landes-Kampagne des späteren SPD-Kanzlers Gerhard Schröder. „Sowas muss Profis natürlich vorher auffallen“, kritisiert Schlottmann.

Positiv an der Kampagne sei allein Laschet, dessen Bilder immerhin lebendig wirkten.

Und das Plakat von CDU-Direktkandidat Thorsten Schick? „Sauber fotografiert, allerdings überbelichtet und schlecht retuschiert“, sagt Schlottmann. Schick wirke künstlich, lache zwar, doch scheint der Blick eher skeptisch. Ein Aussage, wofür er politisch steht, fehlt. „FÜR SIE IN DEN LANDTAG“, lautet sein Slogan. „Das Bild hat wie bei Michael Scheffler eher eine Erinnerungsfunktion.“ Wie in der Markenwerbung werde hier der Verbraucher hauptsächlich durch Penetranz und Wiederholung versucht zu erreichen.

FDP: Keine Markenpräsenz, Lindner-Kult, kühl, distanziert

Christian Lindner hastet, der FDP-Landesvorsitzende trägt Drei-Tage-Bart, wühlt in Akten, gestikuliert mit ernster Mine, wirft sich im Gehen eilig einen Mantel über, dreht der Kamera den Rücken zu. Alle Aufnahmen sind in Schwarz-Weiß gehalten. „Wie Konzertplakate“, sagt Schlottmann, dazu grelle Schrift in blau, gelb und pink, Hochglanz-Ästhetik in Reinkultur.

Ein Kritikpunkt des Fachmanns: „Er schaut mich nicht an, wirkt teilweise ratlos. Es gibt keinen Dialog. Dabei soll er doch für mich, also den Wähler, da sein.“ Dies sei schließlich die Botschaft, die ein Wahlplakat vermitteln solle. Ein weiterer Fehler: „Die Slogans sind eigentlich gut, aber zu lang und kompliziert“, meint Schlottmann.
Beispiel: „BESSER DAS LAND WECHSELT DIE POLITIK ALS DAS UNTERNEHMEN DAS LAND.“ Durch die wechselnde Farbgebung sei keine durchgängige Markenpräsenz erkennbar.

Zum Plakat des Iserlohner Direktkandidaten Detlef Köpke sagt Schlottmann: „Das Bild sieht lebendig aus, auf den Wähler dürfte es allerdings etwas steif wirken.“ Der „tote Raum“ im Hintergrund, in Köpkes Fall ein grelles Blau, unterstütze eine gewisse Leblosigkeit.

AfD: Aldi-Prinzip? Zynisch, aber fachlich durchaus schlüssig

Die AfD entwirft auf ihren Plakaten zahlreiche Bilder von Wirklichkeit. Gemein ist ihnen, dass für jeglichen Pinselstrich einzig die Farben Grau und Dunkelgrau verwendet werden. Ein blondes Mädchen vor dem Kölner Dom, mit 18 wäre sie froh, ihre Eltern hätten AfD gewählt, so die Botschaft. Eine alte Frau wühlt in einer Mülltonne. „Die Früchte eines arbeitsreichen Lebens“, heißt es dazu. Positive Botschaften, politische Ziele: Fehlanzeige.

„Fachlich betrachtet ist das grafisch ganz gut umgesetzt, es entsteht das Bild einer Marke“, erklärt Schlottmann. Aber: „Es wirkt spießig und langweilig, das Layout hat Entwurfsqualität.“ Auffällig sei die Machart, die sich von der Hochglanz-Optik etwa von SPD oder FDP grundsätzlich unterscheide.

Schlottmanns Vermutung: „Es scheint mir nach einem ähnlichen Prinzip zu funktionieren wie Aldi-Reklame. Die soll billig wirken, sonst nimmt man ihnen die niedrigen Preise nicht mehr ab.“

Pointiert formuliert: „Die FDP will offenbar die mit dem vollen Portemonnaie erreichen, die AfD die mit dem leeren.“ Der Zynismus in Bildern und Texten decke sich mit dem Markenbild der Partei. Daher seien die Plakate aus fachlicher Sicht durchaus schlüssig.

Der Iserlohner Kandidat Alexander Langguth fehlt zum Zeitpunkt der Recherche auf den Plakaten.

Die Linke: Klischeebehaftet, aber klare Linie und klares Markenbild

Alte Menschen, junge Menschen, Männer und Frauen recken die Faust zum Himmel. „ZEIG STÄRKE“ steht als Überschrift auf sämtlichen Plakaten, die allesamt in rot-schwarz mit weißer Schrift gehalten sind. Die Überschrift wird jeweils individualisiert fortgesetzt (Beispiel: „...gegen ein System, das Armut schafft und Reiche schont.“).

Für das Grundkonzept gibt es viel Lob vom Fachmann: „Klare Linie, klares Markenbild, grafisch durchgängig umgesetzt“, sagt Schlottmann. Und: „Mit uns, für Dich, das wirkt aktiv, plakativ, provokant. Und das will man ja.“
Weniger gut: die Bildsprache. „Die gereckte Faust bedient Vorurteile und Klischees in Richtung Kommunismus. Das ist eine Vorlage für die Linken-Gegner. Dabei wirken die Leute auf den Plakaten eigentlich sympathisch“, findet Schlottmann. Darum: klassisches Eigentor.

Der Iserlohner Direktkandidat Manuel Huff fehlt zum Zeitpunkt der Recherche auf den Plakaten.

Die Grünen: Grafisch durchgängig, chaotisch, teils unprofessionell

Die Überraschung zuerst: Bei den jüngeren Angestellten Schlottmanns, und damit bei der Altersgruppe, bei der die Partei meist viele Stimmen einfährt, verfehlen die Plakate gänzlich ihre Wirkung. „1. FÜR JUNG UND ALT: 2. ZUSAMMENHALT.“ Darunter ein älterer Mann und eine junge Frau, beide grafisch verfremdet, so dass sie fast wie Comicfiguren wirken. „Das wirkt wie handgemacht, unprofessionell, chaotisch, selbstgebastelt – und entspricht damit einem Klischee über die Grünen“, sagt Schlottmann.

Die durchgängige Durchnummerierung der Slogans habe bei seinen Mitarbeitern eher für Stirnrunzeln gesorgt. Positiv: Die grafische Durchgängigkeit, weil die Plakate stets einen grünen Hintergrund haben. Die Aussagen seien plakativ, wenn auch teils unklar.

Der grüne Direktkandidat Oliver Held fehlt zum Zeitpunkt der Recherche auf den Plakaten.

Piraten: Als Partei wenig präsent, Kandidat Herbers wirkt authentisch

Bis zum Zeitpunkt des Gesprächs warben die Piraten in der Waldstadt auf Plakaten nicht als Partei, dafür aber der Iserlohner Direktkandidat, Hans Immanuel Herbers. Ein stilisiertes Nummernschild („IS-PIRAT“), darunter der Schriftzug „FÜR ISERLOHN“ – die Geschichte zur Herbers’schen Kampagne ist angesichts des geringen Umfangs schnell erzählt.

„Das Foto ist gut. Er wirkt sympathisch, authentisch. Ich glaube ihm sein Lächeln“, sagt Schlottmann. „Das Nummernschild ist ein netter Gag, aber verzichtbar. Und ,IS-PIRAT’? Was soll das?“ Die Hintergrundfarbe (gelb-orange) wirke warm und angenehm.

Fazit: Aus fachlicher Sicht sieht Andreas Schlottmann die SPD vorne, trotz vorhandener Schwächen. Die Parteien verwenden häufig umständliche Slogans und unleserliche Schrift, bedienen Klischees. Insgesamt scheint die Devise zu lauten: Quantität schlägt Qualität.

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