Interview

Warum uns zu Ostern das Licht aufgeht

Martina Espelöer und Johannes Hammer halten eine Osterkerze als

Foto: Jörg Kleine

Martina Espelöer und Johannes Hammer halten eine Osterkerze als Foto: Jörg Kleine

Iserlohn.   Tod und Auferstehung von Jesus Christus liegen über 2000 Jahre zurück. Im Interview schildern Superintendentin Martina Espelöer und Dechant Johannes Hammer, was uns die Osterbotschaft in der heutigen Zeit sagt.

Ostern ist das höchste Fest der Christenheit. Bei all den bunten Ostereiern, Schoko-Hasen und Osterfeuern rückt der christliche Kern von Kreuzigung und Auferstehung vor über 2000 Jahren heutzutage vielfach in den Hintergrund. Doch die Botschaft der Ostergeschichte ist so aktuell wie eh und je – gerade vor dem Hintergrund weltweiter Krisenherde, Konflikte, Flüchtlingselend und religiösem Fundamentalismus. Aktuelle Antworten geben Martina Espelöer, Superintendentin des evangelischen Kirchenkreises Iserlohn, und Johannes Hammer, Dechant des katholischen Dekanats „Märkisches Sauerland“.

Wie feiern Sie persönlich das Osterfest?

Martina Espelöer: Ostern ist für uns ein erweitertes Familienfest. Ich bin mit Pflegegeschwistern aufgewachsen, und sie kommen schon Karfreitag zu uns, so dass wir Karfreitag, Karsamstag und den Ostersonntag gemeinsam verbringen. Karfreitag gehen wir zusammen in den Gottesdienst, mittags gibt es traditionell ein Fischgericht. Es ist ein stiller Feiertag, wir gehen gemeinsam spazieren, aber es wird auch gespielt, denn es sind auch Kinder dabei. Ostersonntag habe ich vormittags in diesem Jahr einen Gottesdienst in Elsey. Dort überreiche ich die Jubiläumsausgabe der Luther-Bibel als neue Altarbibel – mit einer persönlichen Widmung unserer Präses Annette Kurschus. Zum Gottesdienst begleitet mich dann die ganze Familie, und anschließend fahren wir zu meiner Mutter, die leider krank ist, nehmen Essen und Trinken mit, um den Ostersonntag mit ihr zu verbringen. Alle sind dabei, und die Kinder können auch ihre Freunde mitbringen.

Johannes Hammer: Für mich beginnt Ostern praktisch mit dem Gründonnerstag. Ich feiere diese Tage als österliches Triduum, das heißt: Gründonnerstag, Karfreitag, Karsamstag ist für mich auch eine Einheit – Tod und Auferstehung Jesu. Gründonnerstag hat für mich insofern eine wichtige Bedeutung, weil es der Tag der Einsetzung des Abendmahls beziehungsweise der Eucharistie ist. Am Karfreitag ist es vormittags seit meiner Zeit als Pfarrer in Menden eine gute Tradition, mich am Mendener Kreuzweg mit sehr vielen Menschen zu beteiligen. Am Nachmittag um 15 Uhr steht dann die Liturgie des Leidens und Sterbens Jesu an, dann geht es in den etwas ruhigeren Karsamstag, an dem ich mich vorbereite auf die Feier der Osternacht, die ich mit der Gemeinde in Iserlohn in der Hauptkirche St. Aloysius feiere. Der Gottesdienst beginnt um 21 Uhr. Erfreulicherweise haben wir dieses Jahr auch wieder eine besondere Taufe: Wir taufen einen Menschen, der aus Bangladesh geflohen ist – und hier mit dem christlichen Glauben vertraut geworden ist. Und Ostersonntag bin ich natürlich auch gut beschäftigt mit Gottesdiensten. Für den späten Abend erwäge ich, in meine Heimat Attendorn zu fahren, wo es ein besonderes Osterbrauchtum gibt, durch das ich in meiner Kindheit und Jugend geprägt worden bin.

Martina Espelöer: Wenn Sie danach fragen, wie wir Ostern feiern, dann spürt man natürlich direkt die protestantische Tradition, denn wir unterscheiden ja zwischen Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag – und den Osterfeiertagen.

Johannes Hammer (lacht): Sie betonen da immer den Karfreitag so sehr.

Martina Espelöer: Ja, das hatte aber hauptsächlich Unterscheidungsgründe. Denn die Protestanten wägten sich ganz lange in der Annahme, dass Karfreitag der höchste Feiertag sei – was aber nicht stimmt. Natürlich ist der Osterfeiertag mit der Auferstehung Jesu der höchste Feiertag. Das Osterfest wird also mit der Osternacht begonnen. Der Karsamstag gehört zum Karfreitag mit Stille und dem tiefen Schweigen. Das beginnt für mich am Gründonnerstag, an dem ich einen Gottesdienst in Hennen halte. Dies dient der Erinnerung und der Feier des heiligen Abendmahls – mit der Botschaft der Vergebung. Denn Judas als Verräter saß ja mit am Tisch, und das wird in diesem Jahr eine besonders große Rolle spielen: Die Zusage und die Gewissheit, dass an diesem Tisch alle eingeladen sind, auch diejenigen, die nicht so gute Gedanken hegen – in der Hoffnung, dass man Vergebung erfährt.

Johannes Hammer: Für mich ist einfach der theologische Aspekt schön, dass diese drei Tage sehr eng zusammengehören: Gründonnerstag und Karfreitag sind nicht denkbar ohne Ostern. Wenn wir nur im Leiden bleiben mit Kreuz und Tod und dabei die Auferstehung nicht im Blick haben, dann wäre das sinnlos. Das ist der Dreh- und Angelpunkt bei Ostern – dem höchsten Fest der Christenheit.

Martina Espelöer: Ja, das teile ich komplett. Das alles gehört zusammen: Wir gehen vom Tod zum Leben, und von Ostern strahlt schon dieses Licht hinein, in das, was zuvor Leid, Umbruch und Angst bedeutet.

Das höchste Fest der Christenheit bringt also Tage, die von Leid, aber am Ende vor allem von einer frohen Botschaft geprägt sind. Sie haben das Beispiel von Judas und der Vergebung genannt. Alle also an einem Tisch. Was lehrt uns das in Bezug auf unsere heutige Zeit?

Martina Espelöer: Judas gilt ja als der Verräter aus dem Kreis der Jünger. Interessant ist am Gründonnerstag, dass Jesus sagt: Der, der sein Wissen mit mir in die Schüssel taucht, wird mich verraten. Aber jeder Jünger fragt: „Herr, bin ich es?“ Jeder hält es für sich selbst für möglich, diesen Schritt zu gehen. Da ist also in dieser Situation niemand, der sagt: „Ich bin es nicht.“ Und dann wird es ja aufgedeckt in der Situation, als Judas fragt – und Jesus antwortet: „Ja, du sagst es.“ In der protestantischen Tradition muss die Sündenvergebung vor dem Abendmahl sein. Und es gibt auch noch Gemeinden, die das ausgeprägt leben. Biblisch aber ist es genau umgekehrt: Erst wird man gerufen, und dort erfährt man dann Vergebung – durch das Wort und durch die Gemeinschaft. Das ist aus meiner Sicht eine sehr starke Zusage: dass Menschen mit dem, was sie selbst als Sünde erleben, trotzdem an den Tisch gerufen werden.

Was sagt uns das in der heutigen Zeit? Was ist die Botschaft für die konfliktreiche Gegenwart?

Martina Espelöer: Da gibt es aktuell vor allem zwei Dinge, die ich nennen möchte. Zum einen denken manche Menschen: Ich gehöre nicht zur Kirche, so heilig bin ich nicht. Aber die Kirche und das Wort rufen die Menschen genau so zusammen, wie sie sind – mit ihren Stärken und ihren Schwächen.

Grenzen wir dabei als Christen andere Menschen aus? Gehören Moslems, Hindus, Juden mit dazu an diesen Tisch?

Martina Espelöer: Zunächst können wir jetzt nicht andere Religionen einfach vereinnahmen. In der Verheißung gehören aus meiner Sicht aber alle Menschen dazu. Das ist zugleich eine große Herausforderung, denn beispielsweise durch die Ereignisse am vergangenen Wochenende in Ägypten ist es sicher ein sehr schwerer Schritt, in der Fürbitte zur Vergebung wirklich alle zuzulassen.

Sie sprechen das Leid der christlichen Kopten durch Anschläge in Ägypten an.

Martina Espelöer: Ja. Ich glaube, manchmal brauchen Menschen Zeit dafür, um auch Attentätern vergeben zu können. Aber es wird auf jeden Fall thematisiert, dass sowohl die Opfer und ihre Angehörigen in der Fürbitte bedacht werden – aber auch für den Frieden und die Attentäter letztlich gebetet wird.

Wie sehen Sie das, Herr Hammer? Ist Ihre Botschaft gleich?

Johannes Hammer: Die Botschaft ist ähnlich. Aber ich möchte nicht nur bei der Sünde und bei der Schuld stehen bleiben. Vom Grundsatz her, denke ich, ist der Mensch gut. Sünde und Schuld gehören natürlich zum Menschen dazu. Aber am Verhalten Jesu gegenüber Sündern sehe ich klar, dass auch den Ausgegrenzten eine Chance eingeräumt wird, am Leben teilzuhaben. Nicht zuletzt auch denen, die oft nicht die Möglichkeit dazu haben – etwa weil sie krank oder behindert sind. Aber vor allem auch, dass die Zusage gilt, dass der Tod nicht das letzte Wort hat in unserem Leben. Wenn diese Perspektive nicht da ist, dann ist alles, was in diesen Zeiten an Schrecklichem passiert – wenn ich etwa an die Terroranschläge denke, an das unsägliche Leid, das den Kopten in Ägypten widerfahren ist –, dann ist alles völlig sinnlos. Mit anderen Worten: Wenn wir gedanklich nur im Karfreitag bleiben, dann ist die christliche Botschaft keine, die uns froh macht. Zugleich habe ich aber eine große Sorge: Wir leben in einer medialen Zeit, in der alles aufs Foto soll . . .

. . . mit dem Smartphone . . .

Johannes Hammer: Genau. Selfies sind ja immer sehr beliebt. Nur können wir eben nicht wirklich alles darauf festhalten. Insbesondere, was die Botschaft von Auferstehung und Leben, also der christlichen Grundbotschaft zu tun hat. Stellen wir uns vor, die Menschen vor 2000 Jahren hätten schon Handys und Kameras gehabt: Es hätte ihnen nicht viel gebracht, nur Fotos von der Auferstehung zu machen als Beweis und Beleg. Vielmehr geht es doch um die persönliche Begegnung mit Gott und mit Jesus Christus.

Und das ist eine, die man nicht filmen kann. Weil sie innen stattfindet, im Herzen, in der Seele.

Johannes Hammer: Eben. Das ist für mich ein sehr wichtiger Punkt. Ich denke manchmal, heute wird alles nur geglaubt, was man auch filmisch sehen kann oder was man auf dem Foto hat. Aber dass es um mehr gehen muss, um ganz persönliche Begegnung, das ist für mich das Entscheidende. Somit ist für mich in der heutigen Zeit die Grundfrage, wie wir Menschen wieder neu in den Kontakt mit Gott, mit Jesus Christus bringen können. Das kann aus meiner Sicht nur im Gespräch erfolgen – und vor allen Dingen müssen wir auch mal in die Weite schauen. Da denke ich beispielsweise wieder an den Menschen aus Bangladesh, Menschen, die sonst außerhalb unseres Sichtkreises sind.

Wie meinen Sie das?

Johannes Hammer: Hier in Iserlohn habe ich den Auftrag, in einem Verbund neun Gemeinden zueinander zu führen. Aber da gibt es natürlich an der einen oder anderen Stelle, leider Gottes, noch immer ein ausgeprägtes Kirchturmsdenken. Deshalb bin ich froh, dass es vor zwei Jahren die Herausforderung gab, als die vielen Menschen von außen nach Deutschland kamen – und wir dabei noch mal gelernt haben, auch mit anderen Augen auf uns selbst zu schauen: Wie wir von den Menschen wahrgenommen werden, wie wir mit ihnen umgehen – und Menschen mit dem christlichen Glauben in Berührung bringen. Das meine ich nicht im Sinne von Mission oder Zwang, sondern als Einladung. Dann deckt sich das auch mit dem Angebot, dass alle an den Tisch eingeladen sind. Aber wir können natürlich nicht den Menschen etwas überstülpen. Es gilt die froh machende Botschaft Jesu: allen Menschen, aller Religionen, aller Konfessionen.

Wenn wir auf die Zuwanderung schauen, auf die Flüchtlinge, die zu uns gekommen sind: Haben wir es richtig gemacht? Sind wir also gute Menschen, indem wir andere aufnehmen – zumindest viel stärker Aufnahmebereitschaft gezeigt haben als in vielen anderen Ländern? Ist das auch im Sinne der österlichen Botschaft?

Martina Espelöer: Ostern ist immer der Durchbruch – vom Tod zum Leben, von Verzweiflung zu Hoffnung, von Niedergeschlagenheit zum aufrechten Gang. Und diese Botschaft war vor 2000 Jahren so wie heute: Jeder kann sie hören. Zur Frage, ob wir alles richtig gemacht haben, möchte ich aber noch mal anders ansetzen, weil wir natürlich auch die Sorgen der Menschen kennen: etwa die Bedrohung durch Menschen, die hier in Deutschland untergetaucht sind – und der Gesellschaft, die sie freundlich aufgenommen hat, überhaupt nicht wohlgesonnen sind, sondern ihr schaden wollen. Das ist unglaublich schlimm, das müssen wir trennen, und darauf müssen wir auch im Gespräch mit den Religionen großen Wert legen. Allerdings sehe ich auch, dass wir Kirche in einer Migrationsgesellschaft sind. Und diesen Aspekt von Multireligiosität, Internationalität, Umgang mit Kulturen müssen wir aufgreifen. Und genau hier bringen uns die Menschen, die friedlich zu uns kommen, auch sehr wertvolle Dinge mit. Die Frage, ob wir es richtig oder falsch gemacht haben, möchte ich somit nicht verkürzen – weil es auch gefährlich wäre. Es haben eben auch Menschen die Gastfreundschaft missbraucht.

Johannes Hammer: Für mich öffnet Ostern zunächst einmal Grenzen. In einer Welt, die zusammenwächst, mit verschiedenen Kulturen, verschiedenen Religionen, die aufeinander treffen, gibt es zum einen den Reflex, sich abzuschotten. Diese Mentalität gibt es, sie ist da, nationalistisch plötzlich zu denken und zu handeln – Stichwort: „Brexit“ oder „America first“. Aber es gibt auch den Reflex, das Andere als positiv und bereichernd zu sehen, sich damit auseinander zu setzen, sich fragen zu lassen. Das ist enorm anstrengend. Aber der österliche Glaube öffnet, das können wir auch am Beispiel der Jünger deutlich machen: Die haben sich erst eingeschlossen, die Verrückten, kamen mit ihrer Situation nicht klar, haben sich abgeschottet – „Brexit“ sozusagen. Bis sie dann langsam kapierten, worum es ging und sich, im übertragenen Sinne, von Jesus auf die Schulter klopfen ließen: „Schau mal, ich bin’s.“

Was lernen wir daraus?

Johannes Hammer: Das Fremde ist immer so lange fremd, wie ich ihm nicht persönlich begegne. Es geht also um die persönliche Begegnung.

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