Kissing & Möllmann

Weg mit den alten Anarcho-Sprüchen: Toni die Lorenzo macht „seine“ Fabrik bunt

Toni di Lorenzo vor dem Pepe-Portrait, mit dem alles begann.

Toni di Lorenzo vor dem Pepe-Portrait, mit dem alles begann.

Foto: Michael May/IKZ

Iserlohn.  Der Iserlohner Künstler legt ungefragt mit Pinsel und Sprühdose los und macht damit Jung und Alt glücklich

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„20 Euro Kopfgeld für den Farbendieb“ – so steht es in dicken Buchstaben im Durchgang der Fabrik Kissing und Möllmann geschrieben. Toni di Lorenzo hat den Spruch in seiner Wut dort auf den Fußboden gesprüht, und auch bei unserem Besuch vor Ort lässt der Künstler erstmal Dampf ab: „Ich hätte wirklich nicht gedacht dass mir einer die Farben klaut. Das kann ich einfach nicht begreifen. Die Leute müssen doch wissen, dass ich das hier auf eigene Kosten und für alle mache.“

Gerade dieses „für alle“ hat der 46-jährige Iserlohner, der seit 20 Jahren selbst in der Fabrik lebt, im Sinn – und ist damit auch höchst erfolgreich. Seine Bilder, mit denen er derzeit mit Pinsel und Sprühdose die Fabrik-Fassade direkt am Radweg verschönert, sind in aller Munde und erfreuen wirklich jeden – „egal ob Kinder, Omas oder freakige Leute“, wie di Lorenzo sagt. Und genau das ist auch sein Ziel. „Ich möchte hier Bilder malen, die jeder versteht. Groß und bunt mit knalligen Farben, mit Blumen und Motiven aus der Natur.“ Sein Plan geht auf. Er bekommt extrem viele Rückmeldungen auf seine Kunst – ausnahmslos positiv. „Mit der großen Rose an der Ecke bin ich sogar zum Liebling der Schwiegermütter geworden“, freut er sich. Bei den jungen Frauen kommen vor allem seine asiatisch anmutenden und von Tattoo-Motiven inspirierten Lilien an. Und die kleinen Mädchen aus der Nachbarschaft, die ihm beim Malen beobachten, haben sich ein Pferd gewünscht – kein Problem für Toni di Lorenzo: Ein Stückchen Mauer zwischen Bäumen und Sträuchern ist schon weiß grundiert, da kommt das Pferd hin. Tiere, so der Künstler, seien sowieso gut.

Troll- und Elfengesichterin den Lücken des Efeus

Und Gesichter, wie man immer mehr sehen kann. Längst beschränkt er sich nicht mehr nur auf die Fabrik-Fassade, sondern nutzt die besonderen Gegebenheiten am Radweg und malt wunderschöne, grünliche Troll- und Elfengesichter in die Lücken des Efeus. Da bleibt jeder Passant stehen, sieht einmal genauer hin und zückt sogar den Fotoapparat.

Dabei hat alles vor wenigen Wochen ganz klein angefangen. Auslöser war eine Schmiererei, eine dieser typischen Graffiti-Kritzeleien, die das große, schwarz-weiße Pepe-Portrait links neben der ehemaligen Bahn-Einfahrt an der Fabrik verunstaltet hat. Pepe, das muss man wissen, war eine Bewohnerin der Fabrik, die vor acht Jahren recht plötzlich verstarb. Ein Freund von Toni di Lorenzo hatte sie damals überlebensgroß an der Backsteinwand verewigt. Außerdem war Pep die Freundin von Tonis Mitbewohner. Und nun diese blöde Schmiererei auf dem Portrait: „Ich habe sofort gesagt, dass ich das Graffito restauriere“.

Eigentlich sprüht der ehemalige Hard-Rock-Sänger gar nicht. Seit er vier Jahre alt war, hat immer gemalt und auch ohne Ausbildung und Studium ein bemerkenswertes Können entwickelt. Heute malt großformatige Bilder, unter anderem schwarzlichttaugliche Gemälde, die er für Partys verleiht. Außerdem hat er sich mit seinen kreativen Fähigkeiten und seinem Blick für das passende Motiv auf das kunstvolle Tätowieren verlegt. Für diese Reparatur hat er dann aber auch die Sprühdose in die Hand genommen.

Ohne Auftrag und ohne finanzielle Unterstützung

Bei der Arbeit ist ihm dann mit den Augen des Künstlers erst einmal bewusst geworden, wie grauenhaft das alles aussieht. „Diese ganzen alten Anarchosprüche in diesen dunklen unfreundlichen Farben und diese riesigen Graffiti-Kürzel in Silber. Das will doch alles kein Mensch mehr sehen. Und da er sich mit „seiner“ Fabrik identifiziert und gerade diesen Eingangsbereich am Radweg wie so etwas wie seinen Vorgarten empfindet, hat er einfach weiter gemacht – ohne Auftrag und ohne finanzielle Unterstützung, dafür aber mit viel eigenen Mitteln und der begeisterten Erlaubnis des derzeitigen Fabrik-Besitzers.

Kein Wunder also, dass es ihn auf die Palme bringt, dass er zwischen den Arbeitsphasen weder Klappstuhl noch Farbeimer stehen lassen kann, ohne dass ihm das sofort geklaut wird. Zumal er bei dem, was er da mit seinem Fassadenprogramm der besonderen Art für die südliche Innenstadt tut, eher Unterstützung als Knüppel zwischen die Beine verdient hätte. Denn wie weit das mit seinen Bildern noch gehen soll, bestimmt nicht er, sondern das geben leider die Grenzen des möglichen vor. „Wenn ich eine Hydraulik-Hebebühne hätte, würde ich die ganze Fabrik bis unters Dach anmalen“, sagt er. Vielleicht kann jemand ja so ein Ding kurz mal entbehren.

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