Advent

Weit mehr als nur Beschäftigungstherapie

Anke Benna (v. li.), Michael Buchmüller, Christian Picard und Andres Michael Kuhn

Foto: Jennifer Katz

Anke Benna (v. li.), Michael Buchmüller, Christian Picard und Andres Michael Kuhn Foto: Jennifer Katz

Iserlohn.   JVA-Gefangene haben Krippen gebaut, die noch bis Anfang Januar in der Reformierten Kirche zu sehen sind.

Sie sind zwischen 17 und 21 Jahre alt, sie sind Räuber oder haben schwere Körperverletzungen begangen, und die meisten sind Moslems: Nicht unbedingt die Klientel, die man hinter der Gestaltung von traumhaft schönen Krippen vermuten würde. Besucher, die dieser Tage in die Reformierte Kirche an der Wermingser Straße kommen, staunen regelmäßig, wenn sie die aktuelle Ausstellung bewundern und dann erfahren, dass sich hinter den Bauherren der filigranen Gebäude Häftlinge der Justizvollzugsanstalt Iserlohn verbergen.

Seit 2014 gibt es in der Einrichtung die so genannte ATM – die Arbeitstherapeutische Maßnahme. Die richtet sich an diejenigen, die nicht in der Lage sind, während ihrer Haft eine Ausbildung zu machen. Das liegt, so der stellvertretende Werkdienstleiter Christian Picard, zum einen oft daran, dass die Jugendlichen nicht in der Lage sind, mit anderen zusammenzuarbeiten. Ein weiterer Grund ist auch die Haftdauer: Wenn die Häftlinge nicht lange genug in der JVA bleiben, würden sie eine Lehre aus zeitlichen Gründen nicht schaffen.

Vielen fehlen bereits dieBasics für eine Ausbildung

„Es sind schwierige Gefangene, teils leiden sie unter psychischen Erkrankungen, sind ,minderintelligent’ und teils kaum händelbar“, erklärt Michael Buchmüller, der die jungen Männer in der ATM unter seine Fittiche nimmt. „Oft fehlt es an den Basics: Pünktlichkeit, Sauberkeit . . .“, so Buchmüller weiter. Mitunter muss er morgens erst eine Runde drehen, um seine Schützlinge einzusammeln.

Im Sommer sei die ATM-Gruppe mit Gartenarbeit beschäftigt gewesen, die einer der Teilnehmer nicht leisten konnte. Er hatte die Idee, Krippen zu bauen. Und diese Aufgabe haben die Häftlinge dermaßen als Herausforderung angesehen, dass ihre „Produkte“ nun noch bis zum 8. Januar in der Reformierten Kirche ausgestellt sind. Anke Benna, stellvertretende JVA-Leiterin erklärt: „Es wäre zu schade gewesen, sie nur bei uns in der JVA zu zeigen.“ Das sieht City-Pfarrer Andres Michael Kuhn genauso: „Die Gefangenen geben mit ihren Krippen ja etwas an die Gesellschaft zurück.“

Beim Rundgang durch die Ausstellung wird deutlich, wie viel Mühe und Ehrgeiz die Künstler an den Tag gelegt haben. Michael Buchmüller erklärt: „Bis auf Figuren und Beleuchtung wurde alles in Handarbeit hergestellt.“ Schindeln sind hinter den Gefängnismauern ebenso entstanden wie die Steine, die die Bauwerke umranden, oder die Zäune, die aus Garten-Rückschnitt hergestellt wurden. „Teils waren die Häftlinge selbst davon überrascht, was dabei herausgekommen ist. Sie haben Werkstoffe kennen gelernt, Feinmotorik entwickelt und sind an den Objekten gewachsen“, lobt Buchmüller.

Mit Religionenauseinandergesetzt

Picard ergänzt: „Es sind hauptsächlich muslimische Gefangene in der ATM. Sie waren sehr am Hintergrund des Krippen-Brauchs interessiert. Unsere Seelsorgerin hat sie aufgeklärt und ihnen die Weihnachtsgeschichte nach Lukas 2 ausgedruckt.“ Eine Auseinandersetzung mit den verschiedenen Religionen habe es quasi nebenbei gegeben.

Dass, wie Besucher der Reformierten Kirche bereits vermutet haben, „der Krippenbau die jungen Leute bestimmt verändert hat“, trifft zu – aber nicht unbedingt so, wie es die Betrachter hoffen. Die Gefangenen sind nicht gleich zu frommen Menschen, die sich von Gewalt und Kriminalität gänzlich lossagen, geworden, immerhin haben sie aber neue Perspektiven und Selbstvertrauen gewonnen.

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