Sexualdelikte

Welche Folgen die Taten von Exhibitionisten haben können

Die Fälle von Exhibitionismus in jüngster Zeit sind sehr unterschiedlich. Zuletzt erschien einer auf dem Balkon des Seniorenheims Wichernhaus.

Die Fälle von Exhibitionismus in jüngster Zeit sind sehr unterschiedlich. Zuletzt erschien einer auf dem Balkon des Seniorenheims Wichernhaus.

Foto: Michael May

Iserlohn.   Wenn Exhibitionisten zuschlagen, können die psychische Schäden bei den Betroffenen enorm sein.

Einen Küchenzurufer nennt man das bei der Zeitung. Eine Nachricht, bei der man beim Frühstück spontan durch die Küche ruft: „Guck mal, hast du das gesehen?“ Der Küchenzurufer „Guck mal, schon wieder ein Exhibitionist“ dürfte in den vergangenen Wochen des Öfteren zu hören gewesen sein. Mehr als ein Dutzend Polizeimeldungen, in denen es um einen Exhibitionisten geht, spuckt unser Archiv seit dem Sommer aus. Allein seit Anfang Oktober waren es neun Fälle in Iserlohn und Hemer. Eine – in unseren Augen – bemerkenswerte Häufung.

Wobei die Fälle mitunter ganz unterschiedlich gelagert sind. Einmal werden 16-jährige Joggerinnen im Wald erschreckt, weil sich ihnen jemand in „schamverletzender Weise zeigt“, wie es im Bericht heißt, dann erscheinen Exhibitionisten in der Dunkelheit vor Fenstern und auf Balkonen, sogar Grundschülerinnen wurden schon zum Opfer. Und zuletzt hat ein Täter das Seniorenheim Wichernhaus heimgesucht und vor den Augen einer Bewohnerin onaniert.

Exhibitionismus ist eine rein männliche Angelegenheit

Die Polizei nimmt diese Fälle nicht auf die leichte Schulter. Virginia Piekert ermittelt im Kommissariat 11 Sexualdelikte – neben sexuellen Nötigungen, Missbrauch und Vergewaltigungen eben auch exhibitionistische Vorfälle. Von einer Serie oder einer außergewöhnlichen Häufung möchte sie aber nicht sprechen. Es komme schon mal vor, dass sich ähnliche Fälle derart häufen.

Der oder die Exhibitionisten, die derzeit ihr Unwesen treiben, halten die Kommissarin aber durchaus auf Trab. Sie sei noch längst nicht dazu gekommen, alle Zeugen zu vernehmen. Dementsprechend dünn seien daher auch die bisherigen Erkenntnisse. Es gebe durchaus Fälle, die sich ähneln. Vor allem in Hemer sehen drei Fälle so aus, als seien sie von ein und derselben Person begangen worden. Aussagen zum Stand der Ermittlungen könne sie aber derzeit nicht machen. Die augenscheinliche Häufung scheine aber Zufall zu sein.

Interessant ist, was das Strafgesetzbuch zum Exhibitionismus sagt. In Paragraf 183 heißt es: „Ein Mann, der eine andere Person durch eine exhibitionistische Handlung belästigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.“ Nicht nur weil Exhibitionismus hier als rein männliche Angelegenheit definiert wird (bei Frauen würde eine ähnliche Tat unter „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ fallen), lässt das aufhorchen, sondern auch, weil der Strafrahmen im Vergleich etwa zu einem sexuellen Missbrauch (bis zu zehn Jahre Gefängnis) verhältnismäßig gering ist.

Viel zu viele Opfer vonsexuellem Missbrauch

Eine vor dem Gesetz eindeutige Unterscheidung, die mit Blick auf den Schaden, den das Opfer nehmen kann, von Psychologen nicht mehr geteilt wird. „Für uns fällt Exhibitionismus unter sexuellen Missbrauch. Den gibt es mit oder ohne körperliche Gewalt“, sagt Thomas Graumann, der mit seinem Team im „Psychologischen Beratungszentrum“ am Fritz-Kühn-Platz auch Kinder und Jugendliche behandelt, die Opfer von sexuellem Missbrauch geworden sind – „leider viel zu viele“, wie er sagt. Lange habe sich auch in der Psychologie die Vorstellung gehalten, dass sexueller Missbrauch ohne körperliche Gewalt, also durch Zeigen sexueller Handlungen oder Teilhabe an Pornografie, nicht so schlimm sei. Die Wirkung könne aber dieselbe sein. Die Erfahrung von Angst, Wehrlosigkeit, Hilflosigkeit und Ohnmacht könne ganz ähnlich ausfallen wie bei einem sexuellen Missbrauch mit körperlicher Gewalt. Es gebe auch keinen Zusammenhang zwischen Alter und Stärke des Traumas nach dem Motto „je jünger desto schlimmer“.

Hohe Resilienz schützt vor schweren Folgen

Die Liste der möglichen Folgen, die Thomas Graumann aufführt, ist lang und reicht von Depressionen, Angstzuständen, Aggressivität und Schlafstörungen zu Essstörungen, psychosomatischen Störungen wie Sucht oder neurotische Symptome wie Einnässen oder Einkoten, bis hin zur Angst vor körperlicher Nähe und zur Unfähigkeit, Beziehungen aufzubauen. Spätfolgen können Persönlichkeitsstörungen, posttraumatische Belastungsstörungen oder gar Suizidgefahr sein.

„Können“, betont Graumann. Bei weitem nicht jedes Ereignis löst ein Trauma aus. Es sei davon auszugehen, dass in 95 Prozent der Fälle nichts dergleichen passiert. Nach ein paar Tagen könne das Kind wieder normal weiterleben. Wichtig sei eine gute Beziehung zu den Eltern, Stabilität, ein starkes Selbstwertgefühl und das, was man heute als Resilienz bezeichnet – also eine hohe psychische Widerstandsfähigkeit. Ist das gegeben, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind oder ein Jugendlicher einen exhibitionistischen Übergriff schadlos übersteht, sehr hoch.

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