Theatergedanken

Wenn er zu doll husten muss, kommt er nicht

Das etwas andere Theatererlebnis à la Iserlohn: Kaffee und Kuchen geben beste Laune - nicht nur bei Senioren - ins Besucher-Herz.

Das etwas andere Theatererlebnis à la Iserlohn: Kaffee und Kuchen geben beste Laune - nicht nur bei Senioren - ins Besucher-Herz.

Foto: Ralf Tiemann / IKZ

Iserlohn.  Auch nach 22 Jahren gibt es noch „Nah dran“-Abende, die einen schnellen Puls und feuchte Hände machen. Eine Adrenalin-Erinnerung.

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Manchmal ahnt man das eine oder andere Problem schon beim Hinhören. So auch jetzt gerade. Als das Telefon am Dienstagnachmittag lange und unerbittlich schellt, ist Theaterdirektor JoJo Jostmann am anderen Ende. Was für sich genommen ja nicht schlimm ist. An seiner Stimme höre ich aber schon, dass etwas nicht rund läuft. Er habe gerade Friedrich von Thun am Bahnhof abgeholt, sagt er. Der hätte ja mit dem Zug kommen müssen, weil er wegen Ohrenschmerzen derzeit nicht fliegen dürfe. Aber die Ohren seien offensichtlich auch gar nicht das Problem, sondern der Hals und die Stimme. Die seien auch ramponiert, kein Mensch wisse im Moment, ob das mit der Aufführung der „Sonnyboys“ im seit Monaten ausverkauften Parktheater überhaupt was würde. Und ob es hinterher ein „Nah dran“ geben könnte, wisse er, Jostmann, auch noch nicht. Und Friedrich von Thun auch nicht. Grundsätzlich sei er bei dem Thema ja milde gestimmt, aber er könne das erst in der Pause entscheiden, habe er gesagt. Und bei Peter Weck – Hiob war also noch gar nicht fertig – wisse man auch noch nichts Genaues bis auf die Tatsache, dass er gestern noch völlig frei von Erkältungssymptomen gewesen sei und es ihn heute aber dafür umso heftiger erwischt hätte und man also gar nicht sagen könne, wie das überhaupt heute weitergehen würde. Ob man das Stück überhaupt werde spielen können. Und ob es hinterher ein „Nah dran“ gebe, wisse man darum natürlich auch nicht. Und dann teilt der Herr Jostmann noch mit: „Schön, dass es Dich gibt!“ Und legt auf.

Mit Herrn Heinemann könnte es natürlich schon gehen

Es ist jetzt etwa 17 Uhr und ich gehe zunächst semi-optimistisch mal von einer mittelprächtigen Lösung aus. Das Stück kann – wenn auch grippal – durchgezogen werden, aber statt „Nah dran“ machen sich die Hauptakteure lieber Wadenwickel und nippen am Kamillentee. Aber ich vermute und befürchte auch, die Zuschauer erwarten wahrscheinlich trotzdem ein „Nah dran“, the show must natürlich go on. Also schaue ich mir vorsichtshalber mal die Namen der anderen Schauspielerinnen und Schauspieler an. Da wird man doch was auf die Beine stellen können. Wofür hat man Redakteur gelernt? Florian Stadler? Der Name sagt mir erst was, als ich lese, dass er der Niels Heinemann aus „Sturm der Liebe“ ist. Der Fitness-Trainer, der so ziemlich mit allen Damen aus dem „Fürstenhof“ irgendwelche Klüngel hatte. Und deshalb oder trotzdem auch eine ziemlich beeindruckende Karriere als Quartalssäufer hingelegt hat. Das reicht doch theoretisch schon mal für einen fröhlichen Gedankenaustausch, kann also was werden. Zumal er jetzt auch noch bei den „Rosenheim Cops“ spielt. Habe ich zwar noch nie gesehen, muss aber kein Fehler sein.

Franziska Traub vielleicht? JoJo wird später sagen, die kenne er, weil er Samstagabend immer „Bettys Diagnose“ (oder so ähnlich) guckt (Anm.: Was mich wundert!!!). Ich werde ihn dann fragen, ob er nicht „Ritas Welt“ meint, aber er bleibt bei Betty, das sei das wahre Leben. Was eine zufällig neben uns stehende Mittsechzigerin wortreich bestätigt. Außerdem hat Frau Traub 2016 bei „Let’s dance“ mitgemacht. Aber nur bis zur dritten Runde und einer – wenigstens damals – für RTL uneinrenkbaren Blessur. Ob am Knöchel, könnte man ja gleich mal investigativ fragen. Und sie hat ein Kabarett-Programm „Rache ist süß, eine Frau backt aus.“ Themen ohne Ende. Der Nah-dran-Abend scheint gerettet.

Von Julia Gröbel bekomme ich über die Agentur-Karte neben Konfektionsgröße, Dialektkünsten und Größe nur raus, dass sie mal in einem Kinderchor an der Oper „Carmen“ mitgewirkt hat. Das würde, wenn es dazu kommt, also wahrscheinlich ein eher kurzes Gespräch. Ähnlich wie bei Erwin Nowak. Ich überlege mir einen Gag rund um das Thema, dass er in Oberhausen geboren ist – aber da kommt nicht viel. Mehr weiß ich aber nicht. Nach der Aufführung könnte ich vielleicht hat noch fragen, ob er mit seinem dreiminütigen Auftritt zufrieden war, aber das weiß ich zu dem Zeitpunkt ja noch nicht.

Ob es am Ende alle bis zum Ende auch wirklich schaffen?

So, und dann ist da ja auch noch Anne Bedenbender. Ich bin ziemlich sicher, sie in 22 Jahren „Nah dran“ noch nie gesehen zu haben, aber es wird sich später herausstellen, dass wir zwei beiden sogar schon einmal bei „Honig im Kopf“ auf der Bühne miteinander gesprochen haben. Und sie wird ihren Kollegen sogar später beim Süppchen auch noch eine ganz besondere Erinnerung erzählen. Ich frage ja am Ende des Nah-dran-Gesprächs immer, was sich die Promis wünschen, wenn plötzlich eine Fee im Parktheater auftauchen und sie nach ihrem Wunsch fragen würde. Man könne sich alles wünschen außer Gesundheit. Und Tiernahrung. Bei Frauen, sage ich immer, käme natürlich ein Fee-erich. Seit 22 Jahren fast immer ein Brüller. Also beim Mitternachtsbüfett wird Frau Bedenbender sagen, sie habe sich beim ersten Mal eine bezahlbare Wohnung von 40 Quadratmetern in München gewünscht. Mit netten Nachbarn und nicht zu weit draußen. Und zack, vier Wochen später hat sie den Mietvertrag unterschrieben. Ein Zeichen!?

Aber ich will ja jetzt nicht ins Plaudern kommen. Der Notfall-Talk-Plan – wenn nicht ganz abgesagt wird – steht also erst einmal. Es ist jetzt 18 Uhr und JoJo sagt am Telefon, es sehe „inzwischen ganz gut aus“. Das Ensemble sei bereits im Theater und habe sich eingehustet. Jemand habe allerdings auch die Befürchtung geäußert, dass der eine oder andere das Stück nicht bis zum Ende durchhalte, aber „mal gucken. Machen können wir sowieso nichts.“ Nur Nathan ist in diesem Moment weiser.

Aus den Tiefen des Garderobenkellers dringen immer wieder Wasserstandsnachrichten nach oben. Weck sei jetzt ohnehin unbedingt nicht der Talkshow-Fanatiker und er habe seine Befürchtung geäußert, der „Typ da oben“ (also ich) würde ihn bestimmt auf sein Alter ansprechen - und das könne er überhaupt nicht ab. Eine Dame aus dem Ensemble – wahrscheinlich die mit der von unserer Fee verschafften Mietwohnung in München – beruhigt ihn: „Den kenne ich schon. Der ist ganz in Ordnung.“ Ob ihn das wirklich beruhigt, ist in diesem Moment nicht überliefert. Trotzdem verdichten sich die Hinweise, dass die beiden Hauptdarsteller tatsächlich kommen werden. JoJo sagt, er habe vorsichtshalber gesagt, dass das ohnehin nicht länger ans 20 Minuten dauern würde. Ich sage: „Mit einem?“ Er sagt etwas kleinlaut: „Nein, beide.“ Aber ich wisse ja, wie das so wäre. Wenn es erst einmal läuft, dann es läuft es eben. Zirkuspferd bleibt schließlich Zirkuspferd.

Auch die Nah-dran-Bühne ist schon vorbereitet. Ich hatte im Vorfeld vorsichtshalber darauf hingewiesen, dass Peter Weck in diesem Jahr 90 wird und Friedrich von Thun immer hin auch schon schlanke 77 Lenze zählt. Sollte man nicht vielleicht statt der ähnlich betagten, etwas wackeligen Standard-Barhocker auf normale Stühle mit Lehnen umstellen? JoJo ist dankbar für das Mitdenken, glaubt aber, dass von Thun für einen normalen Stuhl zu groß sei. Und Peter Weck – zwar deutlich kleiner – bekämen wir schon gemeinsam auf den Hocker. Und wenn er da erst mal oben wäre, bliebe er da auch. Ich solle mir bloß kurz vor dem Ziel keine unnötigen Sorgen machen.

Leichtes Hüsteln, aber die Stimme hält sich tapfer

Zweieinhalb Stunden später. Das Stück war natürlich der Knaller, das Publikum reineweg aus dem Häuschen. Mit roten Gesichtern, Tränen in den Augen und wundgeklatschten Händen. Und ich bebe innerlich immer noch, denn bei jedem Husten der beiden auf der Bühne habe ich gedacht: Das war’s! Jetzt ist die Stimme weg! Oder der Husten hört nicht auf! Jetzt tun auch Weck die Ohren weh! Oder die beiden haben Fieberschübe! Und ich muss jetzt tatsächlich nach der Knöchelverletzung von Frau Traub fragen. Aber JoJo signalisiert: Alles wird gut!

Weil ich in der Pause ein paarmal auf die Inge-Meysel-Glosse aus der Woche angesprochen worden bin, überbrücke ich die Zeit bis zum Eintreffen des Ensembles mit der nicht ganz taufrischen Geschichte, wie Inge Meysel bei ihrem Iserlohn-Besuch in einer renommierten Metzgerei das Personal zusammengepfiffen hat, weil man ihr für ihren geplanten Bohneneintopf kein Hammelfleisch anbieten konnte. Sogar ein Zeitzeuge war da, der bezeugen konnte, dass die krabetzige Inge in der Tat mit der Taxe in der Friedrichstraße zum beabsichtigten Hammel-Kauf vorgefahren sei.

Und dann kommt also endlich das Ensemble unter JoJo in die Galerie. Das Publikum klatscht zur Begrüßung, johlt, freut sich, wie sich nur Sauerländer freuen können. Und ich bin jetzt irgendwie für Minuten im Trance-Modus. Weck und von Thun – das ist schließlich die schauspielerische Champions-World-Liga. Mit fünf Sternen und Ehrenkreuz. Zur Begrüßung des Herrn von Thun schmeiße ich erst dreimal (!) meine Fragen-Manuskripte auf die Erde, danach ist alles durcheinander – und ich muss mich so durchwurschteln. Und als sich Friedrich von Thun offenbar ehrlich erstaunt fragt, woher ich das alles von ihm weiß, was ich weiß, steht auch mir an diesem Abend das Hemd nicht mehr im Dreieck. Alles wurde gut.

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