Erzählkunst

Wie aus Tausendundeiner Nacht

Jusuf Naoum ist ein deutsch-libanesischer Schriftsteller und Geschichtenerzähler.

Foto: Jörg Kleine

Jusuf Naoum ist ein deutsch-libanesischer Schriftsteller und Geschichtenerzähler. Foto: Jörg Kleine

Iserlohn.   Der Kaffeehaus-Geschichtenerzähler Jusuf Naoum bezaubert in Iserlohn.

Romane, Gedichte, Erzählungen, Hörspiele: Jusuf Naoum ist ein wahrer Tausendsassa – undein großartiger Erzähler von Geschichten wie aus Tausendundeiner Nacht. Schmackhafte Kostproben lieferte er im Iserlohner „Café Täglich“ bei einem kulturellen Abend der Linkspartei.

Die junge Scheherazade erfand ehedem in Samarkand märchenhafte Erzählungen, um der Wut des Königs auf untreue Frauenzimmer und damit dem Tode zu entgehen. Der gebürtige Libanese Jusuf Naoum (76) folgt hingegen ungezwungen seiner
Familientradition und einer unbändigen Leidenschaft, die orientalische Erzählkunst mit abendländischer Lebenserfahrung auf wunderbare Weise zu verknüpfen. Naoum breitet mit Worten einen Teppich aus, der das Publikum unterhaltsam einen ganzen Abend fliegen lässt.

Orient und Okzident erzählerisch vereint

Die Araber haben zwar die Algebra erfunden, aber „eins und eins kann hier eben zwei sein – manchmal aber auch drei“, macht Jusuf Naoum mit viel Charme klar. Denn wahre Erzählkunst liegt eben darin, rund um den wahren Kern viele unterhaltsame, mitunter abenteuerliche Gedanken zu stricken, um sie dann augenzwinkernd und gestenreich vorzutragen.

So wie die erste Nacht, die Jusuf Naoum als Gastarbeiter 1963 in Deutschland verbrachte. Oder war es 1962, oder vielleicht doch 1964? Naoums unseliger Freund „Sepp“ wird es vielleicht wissen, den er damals in München traf, um als Libanese ins wundersame Treiben auf dem Oktoberfest einzutauchen: „Alle Menschen hatten einen Pinsel am Kopf.“ Nachts legt er sich im Gasthof unter die Federdecke, die wie eine Fleischroulade auf dem Bett drapiert ist – und bekommt mächtig kalte Füße. Weil er denkt, dass die Deutschen wohl bewusst mit viel Beinfreiheit schlafen, um sich gegen die Kälte abzuhärten.

Dann wieder erzählt Naoum Episoden aus der Hauptstadt Berlin, wohin es ihn als Gastarbeiter verschlagen hatte. Er besucht eine Hotelfachschule, wird erst Kellner, dann Koch – und lässt sich schließlich umschulen als Bademeister und Masseur.

Naoum scheint also mit Bodenhaftung angekommen in Deutschland, aber nachts begegnen ihm dann doch sehnsüchtig seine beiden libanesischen Frauen, die ihm schaurig-schöne Träume bereiten.

Die Geschichte von der „Hahn-Depression“

„Ich bekam eine Hahn-Depression.“ Er fabuliert von bildhübschen Hühnern, deren einziges Verlangen ist, dass sich der Hahn tagtäglich um sie kümmert. Doch am Ende werden ihm die Hühner zu fordernd, sie legen keine Eier mehr – und der Hahn droht geschlachtet zu werden.

Schweißgebadet wacht der Libanese auf. Und erzählt dann doch lieber vom reichen Onkel aus Amerika, einem betagten Zwerg mit Gebiss, Hörgerät und Sauerstoffflasche . Nach 50 Jahren kommt er zurück in den Libanon, um eine junge Frau zu heiraten. Aber das ist eine andere Geschichte ...

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