Wirtschaft

Willkommen in der Dauerkrise

Kurz vor dem Start des Vortrags (v. li.): der Sparkassen-Vorsitzende Dr. Christoph Krämer, Referentin Anja Kohl, der stellvertretende Vorsitzende Manfred Schäfer und Vorstandsmitglied Thomas Nagel.

Kurz vor dem Start des Vortrags (v. li.): der Sparkassen-Vorsitzende Dr. Christoph Krämer, Referentin Anja Kohl, der stellvertretende Vorsitzende Manfred Schäfer und Vorstandsmitglied Thomas Nagel.

Foto: Dennis Echtermann

Iserlohn.  Die ARD-Börsenexpertin Anja Kohl erläutert auf Einladung der Sparkasse, wo sich Investitionen noch lohnen

Die Welt vor zehn Jahren: Man stelle sich vor, jemand hätte die Entwicklungen der Euro-Krise und den griechischen Patienten prognostiziert, einen Immobilienmogul mit fragwürdigem Leumund und Haarschnitt als US-Präsidenten, Brexit, negative Zinsen der Europäischen Nationalbank bei einem gleichzeitigen Daueranstieg des Deutschen Aktienindexes, Handelskrieg und VW-Skandal. „Willkommen in der Immer-Krise“, fasst ARD-Börsen­expertin Anja Kohl („Börse vor Acht“) zusammen, die im Goldsaal der Schauburg auf Einladung der Sparkasse vor rund 250 Besuchern zum Thema „Weltwirtschaft im Umbruch? Eine Analyse und Konsequenzen für die Anleger“ referierte.

Die Stabilität vor der Krise war nicht die Norm

„Der Fehler ist, die vergangenen 30 Jahre als Norm zu betrachten“, sagt Anja Kohl. 2008 und 2009, die Finanzkrise, das sei der Wendepunkt gewesen – die Zeit davor im Grunde ein kurze, atypische und unwiederbringliche Phase von Stabilität und Glückseligkeit. „Nach der Krise wurde alles neu bewertet“, sagt sie. Mangels Alternativen sei in „Betongold“ investiert worden. Mit der Folge eines immer noch andauernden Anstiegs der Immobilienpreise. „Ich würde nicht von einer Blase sprechen. Aber wir sind an einem Punkt angelangt, wo sich die Dinge verkehren.“ Nebenwirkungen würden nun den Nutzen übersteigen.

Was gemeint ist: Längst sind Immobilien für viele Menschen zu teuer geworden. „Und wer Geld hat, dreht das Rad weiter.“ Die Folge sei ein „Riss“ in der Gesellschaft, der weiter wachse.

Zwei Billionen Euro lägen inzwischen weltweit auf Konten mit Negativzins, die einfach abschmelzen. Geld wird vernichtet, das woanders sinnvoll einzusetzen wäre. Fast alle Länder machen nach der Krise weiter Schulden, Reformen habe es aber kaum gegeben. Außerdem kranke die Eurozone an der Unterschiedlichkeit ihrer Mitgliedsstaaten. Und: „Das jetzige System ohne Zinsen – das ist die neue Matrix“, erklärt Anja Kohl weiter. Bedeutet: vier oder fünf Prozent Zinsen – „das kommt nie wieder“.

Die Probleme und der wachsende Vertrauensverlust in den Euro – das sei besonders für Deutschland ein Problem, das als Exportnation Hauptprofiteur der Währung sei. Und in der Folge am meisten abhängig von deren Erfolg.

„Die Stabilität des Systems ist nicht zum Nulltarif zu haben“, sagt Anja Kohl. Schon jetzt zahlten die Kunden. Durch den Negativzins, der perspektivisch eine Gefahr für die Sozialsysteme werde.

Den Handelsstreit zwischen den USA und China, in dem die EU drohe, zerrieben zu werden, sieht Anja Kohl als eine der größten Gefahren für den Wohlstand. Die Chinesen drängen erfolgreich in eigentlich traditionelle deutsche Industriezweige. „Auf die USA ist kein Verlass mehr.“ Ohnehin hätten die Amerikaner mangels industrieller Qualitäten strukturelle Probleme.

Für Europa tun sich aus Sicht von Anja Kohl nun zwei Wege auf: die Zukunft als Möglichkeit zu betrachten für freien Handel, oder aber der Weg der Angst, von Nationalismus und Protektionismus.

Krise folgt auf Krise. Was aber bedeutet das für die Anleger?

Die Antwort der Expertin: „Investieren Sie in Sachwerte.“ Aktien, Immobilien, Gold. „Was viele Deutsche immer noch nicht kapiert haben, ist dass Aktien Beteiligungen an Firmen sind.“ Und selbst nach der nächsten Krise einen Wert behielten, sich erholten, wenn die Auftragsbücher der Firmen sich wieder füllten.

Noch besser seien Investitionen in Immobilien. „Ich sehe keine Immobilienblase.“ Wer eine geeignete Fläche oder ein Haus finde, solle bauen, sanieren. Die Baufinanzierung, so glaubt Anja Kohl, werde dabei sogar noch günstiger werden.

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