Pflege

„Wir stoßen teilweise an die Grenze“

Nicht nur Heime sind überfüllt – die politischen Maßnahmen zur Nachwuchsförderung sorgen bislang für keine spürbare Erleichterung bei den ambulanten Pflegediensten, in der Waldstadt spitzt sich die Lage zu.

Foto: Oliver Berg/dpa

Nicht nur Heime sind überfüllt – die politischen Maßnahmen zur Nachwuchsförderung sorgen bislang für keine spürbare Erleichterung bei den ambulanten Pflegediensten, in der Waldstadt spitzt sich die Lage zu. Foto: Oliver Berg/dpa

Iserlohn.  Steigende Nachfrage, Überstunden und Nachwuchsprobleme setzen die ambulanten Pflegedienste unter Druck – neue Patienten müssen mit Absagen rechnen.

Die ambulante Pflege ist überlastet. Einhellig klagen die Dienstleister in der Waldstadt über Personalnot und eine steigende Nachfrage, die nicht mehr bedient werden kann. „Es tut uns jedes Mal aufrichtig leid, aber derzeit müssen wir etwa drei Anfragen pro Woche abweisen“, berichtet Natalie Hofmann, Pflegedienstleiterin beim Caritasverband.

In den vergangenen zwei Monaten habe sich die Situation verschärft, was neben der steigenden Patientenzahl mit dem Krankenstand zusammenhänge, wie Mareike Büsse-Barabo vom Pflegeteam „Mara“ bestätigt: „Der ist jahreszeitlich bedingt hoch. Gleichzeitig wird die Arbeit immer mehr, und wir kriegen kein Personal. Die übrigen Mitarbeiter müssen das auffangen. Das Problem haben wir alle.“ Im Dezember habe sie ein halbes Dutzend Absagen erteilen müssen. Auf seiner Internetseite versucht der Dienstleister offensiv, potenzielle Bewerber anzusprechen: „Wir suchen derzeit Pflegepersonal! Sollten Sie Gesundheits- und Krankenpfleger/in, Altenpfleger/in, Pflegehelfer/in oder Arzthelfer/in sein und wir Ihr Interesse an unserer Firma geweckt haben setzen Sie sich gerne mit uns in Verbindung“, ist gleich auf der Startseite zu lesen.

Bei ausreichend Bewerbern könnte der Caritasverband drei Vollzeitstellen besetzen, beim Team „Mara“ sind zwei Posten vakant. Mareike Büsse-Barabo ist frustriert: „Ich weiß nicht, wo die Bewerber bleiben. Wir bilden sogar selbst aus und fördern Weiterbildungen für unsere Mitarbeiter.“ Die Einkommensmöglichkeiten in der Branche seien zwar begrenzt durch die Zahlungen der Krankenkassen, der vergleichsweise hohe Mindestlohn und die sichere Beschäftigungsperspektive hingegen sprächen für das Berufsfeld. Ihre eigenen Mitarbeiter seien im Schnitt seit zehn bis 15 Jahren dabei. „So schlecht kann es nicht sein“, schlussfolgert die Leiterin.

Tabea Kaiser leitet den palliativen Ambulanzdienst des Diakonischen Werks Bethanien und spricht auch bezogen auf die Sterbebegleitung im eigenen Zuhause von Überlastung: „Wir stoßen teilweise an die Grenze der Versorgung. Uns fällt es besonders schwer, Anfragen abzuweisen – wenn ich Leute von der Warteliste anrufen will, sind die manchmal schon verstorben.“ Personal einzustellen, sei für sie eine besondere Herausforderung, denn dafür kämen nur examinierte Pflegekräfte in Betracht, die zusätzlich eine fachspezifische Weiterbildung vorweisen können. Überdies müssten Bewerber sich auf die Flexibilität einlassen, die eine Tätigkeit in der ambulanten Pflege mit sich bringt. Tabea Kaiser hatte zuletzt Glück: „Nachdem ich ein ganzes Jahr gesucht habe, konnte ich alle Stellen besetzen.“

Auch die Pfleger haben ein Recht auf faire Behandlung

Ihr Rezept lautet, als Arbeitgeber nicht nur bei den Kunden ein Auge auf fairen Umgang und Menschenwürde zu legen. Bewerbern merke sie oft an, dass ihre Erfahrungen nicht immer positiv ausfallen: „Ich habe viele vor mir sitzen gehabt, die überlegten, sich ganz von dem Beruf abzuwenden.“ Ihrer Überzeugung nach sollte die Pflegebranche gegenüber den Kassen, der Politik und der Gesellschaft selbstbewusster auftreten: „Ich würde mir wünschen, dass mehr Kollegen auch nach außen auf ihre Fachkompetenz vertrauen und sich so mehr Gehör verschaffen.“

Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik