Vortrag

Wirtschaften zum Wohle aller

Auf dem Podium (v. li.): Rolf Weber, Nicole König-Kahle, Organisator Markus Hiersemann, SPD-Fraktionsgeschäftsführer Martin Luckert sowie ein Besucher aus dem Publikum.

Auf dem Podium (v. li.): Rolf Weber, Nicole König-Kahle, Organisator Markus Hiersemann, SPD-Fraktionsgeschäftsführer Martin Luckert sowie ein Besucher aus dem Publikum.

Foto: Miriam Mandt-Böckelmann

Iserlohn.  Vom Klima- zum Gemeinwohlaktivisten: Experte Rolf Weber erläuterte seine Vorstellung von einer menschen- und klimagerechten Wirtschaft.

„Im Mittelpunkt des Wirtschaftslebens steht das Wohl des Menschen“ – so steht es schwarz auf weiß in Artikel 24 der Verfassung für das Land Nordrhein-Westfalen. Wirtschaften zum Wohle aller – diese Idee hat sich die Initiative „Gemeinwohl Ökonomie“ auf die Fahnen geschrieben. Rolf Weber aus Wetter, Gründer der Gemeinwohl-Regionalgruppe Ennepe-Ruhr-Wupper erläuterte im Rahmen der Vortragsreihe „Wie wollen wir leben?“ der Initiative „Kultur und Natur Drüpplingsen (KuN)“ seine Vorstellungen von einer menschen- und klimagerechten Wirtschaftsform.

Mögen bei dem einen oder anderen zu Beginn die Kommunismus-Warnglocken geläutet haben – Rolf Weber wusste die Bedenken zu zerstreuen, indem er den Besuchern zunächst seinen Weg vom langjährigen Klima- zum Gemeinwohlaktivisten schilderte.

Er habe eines Tages erkannt, dass das eine ohne das andere nicht möglich sei: Der Schutz der Umwelt und weltweiter Ressourcen sei nur mit einer anderen Wirtschaftsordnung möglich. Weber: „Ich wollte etwas tun. Die Gemeinwohl-Ökonomie ermöglicht es mir, selbst anzufangen – so wie die Bio-Bauern, die vor 40 Jahren losgelegt haben, obwohl man sie damals als Idioten beschimpft hat.“

Markus Hiersemann von „KuN“ pflichtete Weber bei, indem er sagte: „Nachhaltigkeit ist mehr als nur der ökologische Teil, auch die Ökonomie muss nachhaltiger werden.“

Was bedeutet Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ)? „Derzeit ist das Geld der Zweck des Wirtschaftens und als Mittel wird die Erde benutzt“, so Weber. Man wolle das Prinzip umdrehen: „Der Zweck des Wirtschaftens soll die Erde sein und das Mittel dafür das Geld.“

Für die Praxis bedeutet das Folgendes: Neben der bisherigen Wirtschafts-Bilanz soll eine zweite Gemeinwohl-Ökonomie-Bilanz erstellt werden. Betreuer der Initiative stünden den Firmen hierbei zur Seite, so Weber. Untersucht würden etwa die Fragen: Wie gehe ich mit Mitarbeitern und Kunden um? Welche Auswirkungen hat das Produkt auf die Gesellschaft? Wie nachhaltig produzieren meine Lieferanten?

„Prozess ist zeitintensiv, aber er lohnt sich“

„Daraus ergibt sich eine Gemeinwohlmatrix 5.0, die die Grundlage für ein Gemeinwohl-Ökonomie-Zertifikat ist. Nicole König-Kahle von der „germanBroker.net AG“ vertrat ein Unternehmen, das sich bereits hat zertifizieren lassen. Sie sagte: „Natürlich ist der Prozess zeitintensiv, aber er lohnt sich, denn unter den Mitarbeitern entsteht ein Gemeinschaftsgefühl. Jeder kann ein Stück dazu beitragen und im Kleinen sein Leben verändern.“

Die Idee kommt an: Mehr als 2000 Unternehmen unterstützen die GWÖ, heißt es ihrerseits. Rund 500 davon sind Mitglied oder haben bereits eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt. Darunter bekannte Namen wie die „Sparda Bank München“, der Outdoorausrüster „Vaude“ oder der Energieversorger „Polarstern“.

In der Region gebe es bereits acht zertifizierte Unternehmen, so Weber. Darunter die „Vollkornbäckerei Niemand“ in Hagen oder die „Steinbildhauerei Vincent“ in Wetter. Aber das Zertifikat gibt es nicht nur für Firmen: Drei deutsche Kommunen hätten sich erfolgreich zertifizieren lassen, so Weber. Wie also könnte aus der Idee, die der österreichische Autor, Tanzperformer und Aktivist Christian Felber 2010 in seinem Buch beschrieb, eine weltweite Bewegung werden, der sich immer mehr große und kleine Unternehmen verpflichtet fühlen?

Das gehe auch durch Anreize, so Weber. Schließlich sei die Frage: Was habe ich als Firma davon? Ethisches Wirtschaften solle belohnt werden, hier seien Steuer-Vorteile oder die Bevorzugung bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen denkbar, außerdem werde ein gemeinwohl-zertifiziertes Unternehmen durch die Image-Steigerung leichter engagierte Mitarbeiter finden und halten können.

Der Appell von Rolf Weber: „Hinterfragen Sie unser Wirtschaftssystem kritisch und suchen Sie nach Alternativen. Eine davon ist die Gemeinwohl-Ökonomie.“ In der anschließenden Diskussionsrunde, in der die Politik mit Bedauern der Organisatoren lediglich durch SPD-Fraktionsgeschäftsführer Martin Luckert vertreten war, ging es um die Frage: Welche Art von Wirtschaften wollen wir nach Iserlohn holen?

Besucher Volker Hellhake betreibt ein Geschäft in der Innenstadt und zeigte sich wenig optimistisch, dass ein Neuanfang in Iserlohn gelingen könne, denn: „Es werden viele Anträge gestellt von Seiten der Parteien, aber dass etwas umgesetzt wird, habe ich noch nicht bemerkt.“ So sei es bei den Themen Radwege-Konzept oder Verkehrsberuhigung der Innenstadt gelaufen.

„Alles womöglich nur Perlen vor die Säue?“

Luca Ströhmann von der Iserlohner „Fridays for Future“-Bewegung sah die Sache realistisch und fragte: „Sind diese Ideen und das was die Initiative tut, womöglich nur Perlen vor die Säue, weil sich der Markt eh nicht zum Gemeinwohl entwickeln wird?“ In seiner Position als Kandidat für die Bürgermeister-Wahl wurde Martin Luckert gefragt, ob er als Stadtoberhaupt eine Zertifizierung für Iserlohn unterstützen werde.

Seine Antwort: Kein „Nein“, kein „Ja“, sondern: „Ich finde es wichtig, dass wir Modelle jenseits des Mainstreams diskutieren.“ Bleibt abzuwarten, ob der Gemeinwohl-Initiative das gleiche Schicksal droht wie „Attac“, dem einst vielbeachteten globalisierungskritischen Netzwerk. Auch deren Motto lautete: „Eine andere Welt ist möglich.“ Inzwischen ist Attac größtenteils in der Versenkung verschwunden.

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