Kunst

Wissenschaft? Hokuspokus? Nein – Rochus Aust

Einmal stillhalten, und schon startet die Datenerhebung: So wie Friederike (mit Mutter Karina Wiedemeyer) haben sich am Montag viele Iserlohner von den Männern in den gelben Anzügen mit Trötenhelm nicht abschrecken lassen.

Foto: Michael May

Einmal stillhalten, und schon startet die Datenerhebung: So wie Friederike (mit Mutter Karina Wiedemeyer) haben sich am Montag viele Iserlohner von den Männern in den gelben Anzügen mit Trötenhelm nicht abschrecken lassen.

Iserlohn.   Der Klangkünstler untersucht die Menschen auf dem 51. Breitengrad auf ihre akustischen Gemeinsamkeiten

Die Vermessung dauert nicht lange. Es sind nur einige Sekunden, in denen der Probant mit einem merkwürdigen Instrumentarium bespielt wird. Mit einer Detektor-Trompete werden die Gliedmaßen untersucht, mit einer Art Schlauchograf werden Herztöne und ähnliches ermittelt, und daneben steht noch eine Art Trichter- und Geräusch-Orgel, die eine Menge toller Laboratoriums-Töne ausspuckt. Am Ende werden alle Daten auf einer persönlichen Klangkarte eingetragen, die wiederum mit den Daten von hunderten und tausenden weiterer Probanten Eingang in eine weltumspannende Untersuchung der Menschen auf dem 51. Breitengrad findet.

Daten werden in der Fußgängerzone erhoben

Ernste Wissenschaft? Oder Hokuspokus? Keins von beidem, sondern Rochus Aust. Der Klangkünstler aus Köln war am Montag in der Stadt. Mit zwei weiteren Mitgliedern seines „Ersten Deutschen Stromorchesters“ hat er in der Fußgängerzone Daten für sein aktuelles Projekt erhoben. Die Ausgangsfrage dazu ist ebenso einfach wie einleuchtend: Ist es möglich, dass alle Menschen, die auf den 51. Breitengrad leben, viel mehr miteinander zu tun haben, als Menschen in einem Nord-Süd-Gefälle? Dass wir in Iserlohn also mehr mit den Leuten in Astana (Kasachstan), Tschernobyl (Ukraine), Calgary (Kanada) oder Adak auf den Aleuten gemein haben als etwa mit Italienern oder Schweden? Immerhin unterliegen wir immer der gleichen Gravitation, der gleichen Sonneneinstrahlung und einem ähnlichen Klima. Irgendwie doch eine berechtigte Frage, zu der es zum Beispiel am Äquator mit Sicherheit auch schon ernsthafte Studien gibt. Nur eben an unserem 51. Breitengrad nicht.

„Warum also haben sich die Menschen eines Breitengrades nicht schon längst zusammengetan? Warum haben sie nicht längst ihre Gemeinsamkeiten erkannt? Warum nicht längst ihr horizontales Territorium behauptet?“, heißt es in der Projektbeschreibung. Rochus Aust geht der Sache nun auf den Grund – und zwar auf seine Weise. Er reist rund um die Welt, geht in ausgewählten Städten ein Stück vom 51. Breitengrad in Richtung Westen ab und vermisst die Menschen, die er trifft.

Das aber nun nicht nach herkömmlichen, sondern eben nach akustischen Maßstäben, wozu er zusammen mit seinen Mitstreitern dieses mobile Klanglabor entwickelt hat. Neben den messbaren Daten fließen aber auch die von den Musikern gefühlten Daten zur Begeisterungsfähigkeit und Offenheit der Volksgruppen in das Experiment ein. Das Stromorchester ist im Übrigen ein weltweiter Verbund von Klangkünstlern, in der Ukraine waren andere Musiker im Einsatz als es später in Belgien oder den USA sein werden. Nur Rochus Aust ist derjenige, der die Welt auf dem 51. Breitengrad einmal umrundet.

Sauerländisch ruhig,aber trotzdem offen

Erste Erkenntnisse hat er in Iserlohn schon verraten. So sind die Menschen überall auf dem bisher bereisten 51. Breitengrad von Kasachstan bis Iserlohn zwar eher sauerländisch ruhig und „gechillt“, aber dennoch ausgesprochen offen für seine zugegebenermaßen recht eigenwillige Art der Untersuchung. Dass das nicht jedermanns Sache ist, ist auch ihm klar. Beim Start am Montag an der Städtischen Galerie, wohin Galerie-Leiter Rainer Danne das Künstler-Trio eingeladen hatte, nahm er seinen Gästen auch gleich jede Angst: „Wenn Sie nicht wollen, dass wir etwas von dem tun, was wir tun, dann lassen wir das. Ansonsten werden wir tun, was wir tun müssen.“ Weh getan hat es nicht. Und fast alle angesprochenen Passanten auf dem Weg von der Galerie zum Bahnhof haben die gleiche Erfahrung gemacht.

Im Oktober schon ist die Weltumrundung beendet. Nach der Auswertung der Daten werden die Ergebnisse dann präsentiert. Da es sich um akustische Daten handelt, wird Rochus Aust sie auch wieder in sein Stromorchester einspeisen und als Konzert oder Klanginstallation präsentieren. Fest steht noch nichts, aber vielleicht macht er das dann ja auch in Iserlohn. Was sehr schön wäre, schließlich ist der 50-Jährige einer der berühmtesten und vor allem auch sagenumwobensten musikalischen Köpfe der Stadt. Schon als Schüler hat er mit seinen verrückten Ideen und Auftritten in Iserlohn von sich Reden gemacht. „Inzwischen“, so der eigentlich studierte Konzert-Trompeter, „mache ich nur noch sowas“. Klangbasierte Kunst nennt er seine Projekte selbst, die weit über reine Konzertmusik hinausgehen, sondern immer auch einen künstlerischen Überbau und theatralische Momente haben.

Und so etwas ist grundsätzlich nicht nur den Metropolen vorbehalten, sondern funktioniert auch in der Provinz, wie man am Montag gesehen hat. Es muss eben nur ein örtlicher Partner bezahlen, so wie am Montag die Volkshochschule. Eine Abschlusspräsentation in Iserlohn wäre eine tolle Sache. Denn abgesehen von ein zwei kleineren Auftritten bei Konzerten, die sein ehemaliger Musiklehrer und Förderer Peter Schauss für das Stenner-Gymnasium organisiert hatte, liegt der letzte richtige Rochus-Aus-Aufschlag in Iserlohn schon rund 15 Jahre zurück.

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