Iserlohn.

Wo Kinder auf schimmeligen Böden schlafen

Auch als großes Kind, das er nach eigenen Angaben geblieben ist, freut sich Christian Vosseler natürlich auf den Frieden des Weihnachtsfestes. 

Foto: Michael May

Auch als großes Kind, das er nach eigenen Angaben geblieben ist, freut sich Christian Vosseler natürlich auf den Frieden des Weihnachtsfestes.  Foto: Michael May

Iserlohn.   Christian Vosselers „Helfer-Leben“ hat als Zufalls-Nikolaus begonnen. Ein Gespräch über Kinderlachen und Kindersorgen

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Christian Vosseler, der gebürtige Dortmunder, der von sich behauptet, selbst ein großes Kind geblieben zu sein, ist offensichtlich auch ein unruhiger Geist. Aber er kann wohl auch gut zuhören. Und er ist mit Sicherheit ein emotionaler Mensch, vermutlich sogar auch nah am Wasser gebaut. Als er an diesen Dezembermorgen nämlich erzählt, dass er nach 17 Jahren zum ersten Mal nicht auf die Kinder-Intensivstation des Dortmunder Klinikums gehen wird, bekommt er diesen leichten Schleier auf den Augen, muss schlucken. Es gehe einfach nicht mehr, sagt der Gründer des Hilfevereins „Kinderlachen“, er schaffe das vom Gefühl her nicht mehr. Vielleicht weil er die einzelnen Schicksale zu nah an sich heranlasse. Und dann erzählt er die Geschichte von dem Heiligabend, an dem er bei dem Mädchen und dessen Eltern gesessen und von den Ärzten gewusst habe, dass die Zwölfjährige die Weihnachtstage nicht überleben wird. „Dieses Gefühl und diese Bilder vergisst du nie wieder, sie kommen immer wieder hoch.“ Und die daraus resultierende Belastung wird offensichtlich auch im Nachhinein immer größer. Auch wenn er nach wie vor aus vollem Herzen sagt: „Für mich ist Heiligabend der schönste Tag im Jahr!“

Dabei war es aber genau so ein ungeprobter Nikolaus-Besuch bei einem kleinen behinderten Jungen als Freundschaftsdienst, der im Jahre 2000 den Grundstein für die Vereinsgründung von „Kinderlachen e.V.“ legen sollte. Denn nach diesem ersten erfolgreichen „Auftritt“ hatte Vosseler Feuer gefangen. Er lud sich selbst auf der Kinderstation des Dortmunder Kinderklinikums ein, mobilisierte Freunde und Bekannte und besorgte für rund 60 kleine Patienten erstmals Geschenke. Er traf an diesem Abend dort allerdings in erster Linie auf die Kinder, die eben nicht wegen einer Bilddarm-OP oder wegen eines verdrehten Knies dort lagen. „Wir haben die schlimmen Fälle besucht, die zum Teil völlig aussichtslosen. Können Sie sich vorstellen, wie das ist, wenn man dann wieder in seine heile Heiligabend-Welt im Kreis der Familie zurückgeht? Verstehen Sie mich nicht falsch, aber das war für mich wie eine Art Entjungferung. Ich wollte und musste meinem Leben einen neuen Sinn geben.“ Und genau das muss man wahrscheinlich wissen, um diesen Christian Vosseler am Ende auch zu verstehen. Wir haben ihn zu einem Weihnachtsgespräch – auch zum Thema „Kinder-Glück“ – ins Wichelhovenhaus eingeladen. Und natürlich auch um die Frage zu klären, warum ein Kinderlachen so unendlich wichtig ist.

Herr Vosseler, hatten Sie selbst in Ihrer persönlichen Rückschau eine glückliche Kindheit?

Ja! Ich habe ganz tolle Eltern, komme aus normalen Verhältnissen, und meine Eltern haben mir all das mitgegeben, was ich – wenn ich Kinder hätte – auch meinen Kindern mitgeben würde.

Was ist das?

Ich war kein Schlüsselkind. Meine Mama war da, wenn ich aus dem Kindergarten kam, und wenn ich aus der Schule kam. Sie hat mich zum Fußballtraining gefahren, und Papa hat mich abends abgeholt.

Haben Sie Geschwister?

Leider nicht. Aber ich bin auch kein typisches Einzelkind.

War es denn dennoch eine – sagen wir mal – Gnade, ein Einzelkind zu sein?

Nein, auf keinen Fall. Wenn ich einmal Kinder haben sollte, möchte ich gern zwei haben. Zwar konzentriert sich alles auf das eine Kind, aber man kann das Leiden und auch das Positive nicht mit einem anderen teilen. Aber am schlimmsten finde ich: Wenn die Eltern nicht mehr da sind, hat man keinen mehr, mit dem man die Erinnerung teilen kann.

Es ist wahrscheinlich schwierig, heute mit Ihnen über die Kinder und ihre Situation zu sprechen. Auf der ganzen Welt, aber vor allem auch in Deutschland. In einem eigentlich reichen Deutschland. Ich denke, auch hier haben wir es aber mit einem Land der großen Unterschiede zu tun?

Das sehen wir aber nicht so. Was ab und zu vielleicht für den einen oder anderen auch gut so ist. Wenn ich manchmal meinen Freunden oder Bekannten von Situationen in den Städten berichte, dann sagen die nicht selten: So etwas gibt es hier? In unserer Stadt? Dass sie das nicht sehen, liegt noch nicht einmal daran, dass sie es nicht sehen wollen, sondern daran, dass es Ortsbereiche gibt, aus denen die Kinder gar nicht mehr herauskommen. Und es für einen selber ja auch keinen Grund gibt, dorthin zu fahren. Aber das täuscht eben dennoch auch nicht darüber hinweg, dass es in der Tat sehr, sehr viele arme Menschen in diesem Land gibt.

Eine aktuelle Studie aus dem Jahr 2017 berichtet beim Thema Kinderarmut von 21 Prozent mehr oder weniger dauerhaft Betroffenen. Armut bedeutet aber hierzulande für Kinder oft nicht allein, kein Dach über dem Kopf oder kein Essen zu haben, also keine existenzielle Grundversorgung zu haben. Arm zu sein heißt auch, auf vieles verzichten zu müssen, was für Gleichaltrige ganz normal zum Aufwachsen dazugehört. Vor allem schließt es von vielen sozialen und kulturellen Aktivitäten aus.

Das beinhaltet beides. Da kennen wir bei „Kinderlachen“ die Fälle, in denen die Kinder gern Sport im Handball- oder Fußballverein treiben würden, denen aber einfach die Mittel dazu fehlen. Für den Mitgliedsbeitrag oder für Sportsachen. Und wir wissen auch: Wenn ein Kind in der Schule ist und hat kaputte oder dreckige Schuhe und Sachen an, dann lachen die anderen Kinder. Und schon ist der Betroffene ausgegrenzt. Deswegen sagen wir beispielsweise: Kein Kind darf ausgrenzt werden, nur weil es Sport treiben möchte.

Wir bemitleiden die Kinder in der Dritten Welt, warum blenden wir die armen Kinder bei uns gern aus?

Weil wir in einem der reichsten Länder dieser Erde leben, und da kann es doch gar nicht sein, dass es hier vor unserer Haustür Kinder gibt, die unterhalb der Armutsgrenze leben. Die nicht ausreichend zu essen haben, die in einem Bett schlafen, das völlig verschimmelt oder kaputt ist. Das kann doch hier gar nicht sein, da geht es doch den Kindern in Äthiopien oder Kalkutta bestimmt viel schlechter. Natürlich müssen wir auch da helfen, aber sag doch einmal einem vierjährigen Kind, das in Deutschland mit seinen Geschwistern auf dem Boden schläft: Stell dich nicht so an, denen in Kalkutta geht es noch viel schlechter. Das will das Kind nicht hören.

Martin Luther wird das Zitat zugeschrieben: Wenn du ein Kind siehst, hast du Gott auf frischer Tat ertappt. Haben die Kirchen auf dem Gebiet eine besondere Verantwortung?

Man darf es nicht auf einen geben. Wir haben alle eine Verantwortung. Kirche, Staat und privates Engagement. Kennedy hat 1962 schon gesagt, man solle nicht danach fragen, was das Land für einen tun könne, sondern, was man für das Land tun könne. Ich glaube, dass in Deutschland noch deutlich mehr von der privaten Seite kommen muss. Offensichtlich geht der öffentlichen Hand das Geld langsam aber sicher aus. Wir merken, dass die Anträge bei uns seit einem Jahr von Monat zu Monat steigen. Mittlerweile kommen Gemeinden auf uns zu, die uns vorher gar nicht wahrgenommen haben und bitten um Hilfe, weil bei ihnen gerade der Rotstift angesetzt wird.

In so besinnlichen Tagen wie diesen kommen einem nun mal gerne Zitate in den Sinn, zum Beispiel auch dieses von Albert Einstein: Es gibt keine großen Entdeckungen und Fortschritte, solange es noch ein unglückliches Kind auf Erden gibt. Haben wir die gesellschaftliche Bedeutung von Kinderglück wirklich auf dem Schirm?

Eine schwere Frage. Weil wir in einem schwer reichen Land leben, haben es viele Menschen eben nicht. Weil eben auch die Meinung vorherrscht: Den Kindern geht es doch gut hier! Weil es den Kindern in meinem Umfeld gut geht. Aber es gibt eben auch die anderen. Wir kennen die Fälle und haben gesehen, wo Kinder auf dem Boden schlafen. Auf Böden, die man nicht einmal mit Schuhen nicht betreten möchte. Das schockiert mich immer wieder. Das Kind kann doch nichts dafür, wo es hineingeboren wird. Allein in diesem Problembereich kaufen wir, da wir ja nur mit Sachleistungen helfen, in jedem Jahr für rund 80 000 Euro Kinderbetten.

Können wir uns als – sagen wir mal – gesättigte Europäer überhaupt in die Situation von Kindern versetzen, die ihre aus welchen Gründen auch immer migrierenden Eltern begleiten oder deren Familien durch die Migration auseinandergerissen werden?

Nein, das können wir nicht. Es gibt Situationen im Leben . . . Ich kann mir auch nicht vorstellen, schwanger zu sein. Ein Land zu verlassen nur mit den Dingen, die man am Körper hat . . . ? Unsere Großeltern oder Eltern mit Kriegserfahrung könnte man noch fragen, aber wir können das noch nicht einmal erahnen.

Kinder müssen mit den großen Leuten viel Nachsicht haben. Sagte dereinst Antoine de Saint-Exupéry. Hat ihre Erfahrung nicht auch gezeigt, dass Kinder ohnehin die besseren Diplomaten sind?

Unbedingt. Ich habe von Kindern unheimlich viel gelernt. Was sie beschäftigt. Teilweise mit Schmunzeln, teilweise mit großer Trauer. Oft nach Veranstaltungen oder Spendenübergaben, wenn ich dann wieder im Auto sitze, dann laufen auch die Tränen.

Um sich für Kinderglück einsetzen zu können, muss man sich immer wieder mit Kinder-Unglücklichkeit konfrontieren. Wie hält man das auf Dauer aus?

Eigentlich hält man das gar nicht aus. Viele sagen, man müsse eine Mauer hochziehen. Ich bin ein sehr emotionaler Mensch, ich lasse jede Geschichte an mich heran.
Und es gibt eben diese Geschichten, die du niemals vergisst, die eingebrannt bleiben.

Täuscht mein Eindruck oder ist die Unterstützungswilligkeit bei Menschen, die selbst nicht so ganz viel haben, deutlich ausgeprägter als bei denen, die ohne große Schmerzen und eigenen Verzicht helfen könnten?

Kurze Antwort: Ja!

Haben Sie in den Jahren Ihrer aktiven Arbeit herausgefunden, wie Kinder für sich selbst Glück definieren?

Ja! Weil Kinder eben einem das Gefühl für Wichtiges und Schönes zurückgeben können, das wir längst verloren haben.

Findet man bei Ihrer Arbeit auch zu einer ganz eigenen Form der Demut?

Ja, ich hatte einen Beruf, bei dem es nur um materielle Dinge gegangen ist. Nur um Geld. Um die Problem- und Sparlösungen in den Betrieben. Das habe ich auch gerne gemacht, habe viel gelacht. Aber durch Kinderlachen habe ich Demut gelernt. Da spreche ich auch für meinen Partner Marc Peine. Wir sind heute glücklich, das Wort „Problem“ findet sich in unserem Wortschatz gar nicht. Wenn mir mein Arzt sagt, dass meine Zeit abläuft, dann habe ich vielleicht ein Problem. Vorher nicht mehr. Ich bin heute dankbar.

Nichts ist menschlicher als der Mensch. Bereitet es Ihnen Probleme, dass Sie mit ihrer Hilfe auch Neid produzieren?

Neid? Ja! Extremst! Aber nicht von denen, den man nicht hilft, sondern der generelle menschliche Neid. Aber das ist wohl ein gesellschaftliches Problem, das gerade auch in Deutschland anzutreffen ist.

Ist Weihnachten mit seiner bunten Wunsch- und Werbewelt für Ihr Klientel nicht die Hölle?

Logisch. Wir leben ja in einer Zeit, in der den Kindern auf so vielfältige Weise gezeigt wird, was es alles gibt. Und viele müssen dann erkennen: Das kann ich mir nicht leisten. Schlimm!

Ein letztes Zitat für heute: Der italienische Philosoph Dante Alighieri befand schon im 12. Jahrhundert: Drei Dinge sind uns aus dem Paradies geblieben: die Sterne der Nacht, die Blumen des Tages und die Augen der Kinder. Kann es eine schönere Weihnachtsbotschaft geben?

Es gibt viele schöne Botschaften, aber diese ist wirklich sehr schön.

Was ist in diesen Tagen Ihre ganz persönliche Weihnachtsbotschaft?

Wir leben in einer sehr egoistischen Gesellschaft, und ich habe das Gefühl, dass das immer schlimmer wird. Ich sage den Leuten: Du musst nicht wie wir einen Verein gründen, um zu helfen. Du musst nicht unbedingt neben Eurer beruflichen Zeit stundenlang ehrenamtlich arbeiten. Aber wenn in einem Raum mit 60 Leuten nur einer einen Zentimeter zwischen Daumen und Zeigefinger macht, dann sind das nachher 60 Zentimeter, also schon ein großer Schritt. Gehen Sie in eine Kinderklinik und lesen Sie einem Kind, das dort allein im Bett liegt, eine halbe Stunde etwas vor. Das Kind freut sich dabei tierisch – und Ihnen geht es danach richtig gut. Sie werden sehen!

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