Porträt

Wolfgang Kaminski: Am Anfang war das Foto von Udo Jürgens

Nicht nur als der Maler Max Heide scheint Wolfgang Kaminski ein „goldenes Händchen“ zu haben. Auch bei der Auswahl und Betreuung seiner singenden Kunden herrschten Erfolg und Zufriedenheit.

Nicht nur als der Maler Max Heide scheint Wolfgang Kaminski ein „goldenes Händchen“ zu haben. Auch bei der Auswahl und Betreuung seiner singenden Kunden herrschten Erfolg und Zufriedenheit.

Foto: Thomas Reunert / IKZ

Herdecke.  Wenn es in die bunte Welt der Fantasie und der freien Gedanken geht, wird aus Musik-Manager Wolfgang Kaminski plötzlich Max Heide.

Fangen wir mal so an: Wer Wolfgang Kaminski und/oder Max Heide besucht, sollte zwei Dinge mitbringen: Erstens ordentlich Zeit und zweitens Trommelfelle aus Elastan, also solche, die auch für den Dauerbetrieb geeignet sind. Der Mann wird später im Gespräch von sich aus erzählen, dass ihn ein gar nicht mal so unbekannter Journalist charakterisiert habe als „Schnacker“ (norddeutsch für „wortgewaltig“ d. Autor)), aber eben auch als „ehrliche“ Haut. Und auch nach diesem Gespräch wird es wohl tatsächlich keinen Grund geben, an einer der beiden Einschätzungen zu zweifeln.

Hausbesuch also an einem Februar-Tag irgendwo zwischen Dortmund und Drumrum. Die, die hier wohnen, sind offensichtlich unter den Ärmsten weg. Während ich noch die hinter Hecken und Mauern versteckte Hausnummer suche, cruisen gleich zwei schnittige Porsche und ein dicker Benz um mich herum. Später wird auch noch standesgemäß eine Polizeistreife durch die Straße fahren, um mal nach dem Rechten zu sehen. Und es fällt auf, das hier – gefühlt – drei Mal so viele Straßenlaternen stehen wie in anderen Stadtteilen. Wolfgang Kaminski wird mir erklären, dass er die Haushälfte gekauft hat, als die Immobilien-Preise noch einen Realitätsbezug hatten. Und dass selbst das ihm und seiner Frau damals ganz schöne finanzielle Mühen gekostet habe.

Aber um das zu beurteilen, bin ich ja nicht hier. Ich bin schließlich eigentlich verabredet mit eben jenem Max Heide, weil der ein zunehmend populärer Künstler ist. Genauer gesagt Maler und wenn man noch genauer ist, auch noch Fotograf dazu, und am Sonntag, 1. März im Iserlohner Parktheater eine Ausstellung mit seinen Bildern offiziell eröffnet.

Ältere Leserinnen und Leser werden sich vielleicht noch an Robert Lembke und eine legendäre Fernsehsendung „Was bin ich?“ erinnern. Da hat er zuerst immer auf einen Gong gehauen und gesagt: „Wir wollen Sie zu Beginn einmal vorstellen.“ So ähnlich sollte man das in diesem Fall wohl auch erst einmal machen. Also, dieser Max Heide wird eigentlich als Wolfgang Kaminski vor rund 67 Jahren in Wöhrden in Schleswig-Holstein in eine Nachkriegs-Familie hineingeboren. Der Vater war aus der Gefangenschaft zurück, zieht als der Junge zwei Jahre alt ist, mit der Familie nach Hagen wird dort Leiter der Rechtsabteilung der Klöckner Werke. Wolfgang, so gibt er freimütig an diesem Morgen zu Protokoll, war offenbar in der Schule nicht gerade eine Granate. „Immer etwas zurück“ sei er gewesen, erzählt er. Als in einer der ersten Englischstunden die Rede davon gewesen sei, dass jemand „in the kitchen“ war, sei es ihm völlig klar gewesen, dass derjenige im Knast gesessen hatte. Noch in der nächsten Klasse habe er sich darüber übrigens kaputtlachen können. „Es war immer eine gewisse Naivität bei mir im Spiel.“ Und obwohl die Eltern immer größten Wert darauf gelegt hätten, dass er ganz vorne mit dabei gewesen und sich „so in Richtung Professor Sauerbruch“ entwickelt hätte – „vielleicht auch, um verlorene Kriegsjahre gefühlt irgendwie aufzuholen“ – bezeichnet er sich heute aber doch eher als „Spätzünder“. Allerdings gilt auch damals schon: Aszendent „Fotografie“.

Für das Sportfoto wurden die Leidenschaftlichen gesucht

Sein Vater habe sich nämlich von seinem Heimkehrer-Geld eine Kamera, eine Voigtländer-Vitessa, gekauft. Und die habe er ihm zur Konfirmation geschenkt. „Und das war ein Heiligtum, die habe ich heute noch! Die ist noch wie neu. Damals war das Wort ‚digital‘ ja noch nicht einmal erfunden.“ Kaminski erzählt jetzt von seinem kleinen Kleiderschrank, den er ausgeräumt und von innen zusätzlich verdunkelt hatte, um daraus eine eigene, kleine Dunkelkammer entstehen zu lassen. Der ambitionierte Jung-Lichtbildner findet früh Kontakt zur „Hasper Zeitung“, später auch zur Westfalenpost. Dort kann man den umtriebigen „Freien“ gut gebrauchen. Der SSV Hagen ist damals auf dem Weg, im Basketball deutscher Meister zu werden, war also überaus angesagt, zumal er amerikanische Profis in seinen Reihen hatte. Und da brauchten die Lokalzeitungen natürlich auch Leute, die zu den Auswärtsspielen mitfuhren und Fotos lieferten. Da wurden dann die ganz Leidenschaftlichen gesucht und genommen, denn „fürs Foto in Heidelberg gab es die acht Mark, aber die Reisekosten musste ich selber tragen.“ Und plötzlich, als sie Hagener tatsächlich deutscher Meister wurden, meldet sich auch die BILD, damals noch aus Essen-Kettwig. Der junge Wolfgang lieh sich also ein Auto von seinem Bruder, lieferte nach Essen und bekam zum ersten Mal statt der acht Mark dreiundfünfzig. „Das war der Wahnsinn.“ Dass er zu diesem Zeitpunkt bereits auch bei kleineren Foto-Wettbewerben abräumen konnte, erwähnt Kaminski – ganz leidenschaftlicher Verfechter der bescheidenen Untertreibung - nur am Rande. Auch, dass er eigentlich auf Wunsch des Vaters u.a. bei den Stahlwerken zum Kaufmann ausgebildet wurde, streift er nur am Rande.

Ohnehin muss man jetzt etwas schärfer aufpassen. Das Leben und auch die Erzählung des Wolfgang Kaminski nehmen deutlich Fahrt auf. Plötzlich spielen das Leben und die Musik am Strand vom Nordseeheilbad Büsum, unweit seiner Ur-Heimat Wöhrden, wo er einige Sonne-Wind-und-Wogen-Motive einfängt, dieser der dortigen Kurverwaltungs-Direktorin zum Kauf anbietet – und umgehend wird er für eine ganze von ihm selbst zu inszenierende Werbegeschichte verpflichtet. Das sehen wiederum andere Kurdirektoren und Kaminski klappert und lichtet die Küste zwischen Ostfriesland und Ostsee flächendeckend ab. Wir schreiben (vermutlich) das Jahr 1971 und der junge Mann wird also erstmals mit Begriffen wie „Public Relation“ und „Mehrwertsteuer“ konfrontiert. Und mit der „Löwen-Verleihung“ von Radio Luxemburg in der Dortmunder Westfalenhalle, damals die Pilgerstätte und der Hit-Oscar in der Musik-Unterhaltung. Dorthin schickt ihn die BILD, weil ein Fotograf ausgefallen war. Und Kaminski geht ehrfürchtig, aber eben auch vor nix bange, in die damals bereits sagenumwobenen Katakomben des Show-Rundtempels. „Und da liefen sie dann alle rum, Rudi Carrell, Otto, Peter Alexander, ABBA. Die saßen alle ganz verängstigt auf ihren Stühlchen in der Ecke und warteten auf ihren Auftritt.“ Und schnell merkte der Junge Szene-Novize: „Die hatten kein Lampenfieber, die hatten Panik, jetzt in die Halle zu müssen, in der 14000 Menschen warteten.“ Und dann habe er plötzlich gesehen, wie die da von einer Minute auf die andere auf der Bühne gestanden und letztlich das Publikum dirigiert hätten. „Da habe ich mir die Frage gestellt: Wie geht das? Eben noch waren das ängstliche Vögel und jetzt gehen sie plötzlich ab. Da habe ich zum ersten Mal gedacht: Das könnte was für dich sein.“

Irgendwohin in diesen Zeitraum gehört auch die Geschichte, wie Jung-Kaminski ein Bild von Udo Jürgens auf der Bühne macht (was ihm später übrigens auch den Jugend-Fotopreis einbringen soll und wird) und er dann vom Chefredakteur gebeten wird, doch mal einen ganzen Tag im Leben des damals auch schon ganz schön bekannten Udo abzubilden. Und zwar beim Jürgens Gastspiel in Lüdenscheid! Dass der weiße Mercedes mit Udo Jürgens drin dann ausgerechnet neben dem jungen Kaminski in Lüdenscheid hält und der Junge vom Meister höchstselbst nach dem Weg zum Hotel gefragt wird, was dann in einem Zufalls-Feuerwerk wiederum dazu führt, dass er mit aufs Zimmer darf, um ein Bild beim Rasieren und mit O-Saft-Glas und natürlich der „Hasper Zeitung“ im Bett zu machen, ist eine von diesen Geschichten, die man sich ganz hervorragend erzählen lassen, aber eben schlecht schreiben kann. Dennoch spürt man körperlich selbst fast die Hände, die Udo Jürgens dem jungen Hagener am Abend auf die Schultern legt, um ihm seine Angst vor dem Auftritt und den ersten Textzeilen zu gestehen. Auch wenn Kaminski heute in aller Bescheidenheit sagt: „Es ging ja nicht um mich dabei. Der hätte auch den Garderobenständer nehmen können.“ Und dann der Auftritt, das Licht, die Musik, Udos erster Ton. „Dieser Sprung von Angst zu Dominanz, das hat mich fasziniert. Das war das richtige für mich.“

Wir schreiben das Jahr 1977. So ungefähr jedenfalls. Kaminski wird also Konzertveranstalter, versenkt mit Heino und Roy Black erst mal Geld, kämpft sich aber langsam und beharrlich an die Wasseroberfläche. Dann kommt wieder Udo Jürgens ins viel versprechende Spiel. Der sagt wegen eigener wirtschaftlicher bzw. steuerlicher Unpässlichkeiten zunächst ab, kommt aber dann schließlich doch nach Hagen. Zwar auch mit abendlicher Verspätung, was Kaminski zunächst einmal mehr die Stirn triefen ließ - aber er kommt, singt, Kaminski siegt. Alle waren am Ende zufrieden. Und dann kommt – der Glücksfaden wird immer länger und dicker- da noch das SB-Warenhaus, das jeden Freitag einen der damals angesagten Vertreter der Musikszene auf seinem schönsten Sofa zur Autogrammstunde sitzen haben musste. „Das war wohl mein größter und auch der finale Schritt in die Branche. Die kannten mich und mochten mich einfach, weil ich ihnen einen regelmäßigen Job brachte.“

Wir raffen jetzt etwas, müssen das tun, ich weise darauf hin, dass Zeitungsseiten „endlich“ sind, und wir ja schließlich auch noch über die Kunst sprechen wollen. Also können wir das eigentlich vom Himmel gefallene exklusive Management des legendären Roy Black, seinem ersten „eigenen Künstler“, nur leider viel zu kurz streifen. Ebenso Helmut Zacharias, Tommi Steiner, Dschingis Khan, Engelbert, Karel Gott, Daliah Lavi, Wencke Myhre und später dann auch noch die German Tenors und den Party-Knaller DJ Ötzi. Zu ihrer Zeit allesamt Diamanten auf den ohnehin funkelnden Fan-Broschen. Mit dem immer mal wieder aufflackernden Begriff „legendär“ kann Kaminski in diesem Zusammenhang nichts anfangen. Aber er sagt etwas ziemlich Abgeklärtes wohl auch mit viel Branchen- und Menschen-Wahrheit drin: „Es waren doch alles Künstler, die auf ihre Art und Weise was Einzigartiges hatten, die wirklich etwas konnten. Man muss ja nicht unbedingt der größte Sänger der Welt sein. Wozu ist Musik da? Um die Menschen im Gefühl zu bewegen. Und alle haben auf ihre Art die Menschen immer mitgenommen und fasziniert. Sonst könnte man gar nicht so lange überleben.“

Und dann kommen wir sogar wirklich über keinen Geringeren als Karel Gott doch auf die Kunst des Wolfgang Kaminski zu sprechen. Gott hat nämlich auch gemalt – und zwar in einer „eindrucks- und anspruchsvollen Form“, die Kaminski „immer fasziniert hat“.

Aber im Gegensatz zum Gott aus Pilsen hat es Kaminski eher mit dem Abstrakten, „weil ich mich da reinlegen und plötzlich beim Betrachten Fantasien haben kann.“ Anfangs habe er allerdings gar nicht den Mut gehabt, solche Bilder zu zeigen. Womit wir also endlich auch bei Max Heide wären. Kaminski wollte den künstlerischen Vulkanausbruch in ihm anfangs eher unter einem Pseudonym ausleben. Und vielleicht auch überleben. Auf der Suche nach einem passenden Namen kam ihm also Roy Black zu Hilfe, in dessen musikalischem Umfeld es bereits mehrere Wolfgangs gab und der ihn daher ohnehin einfach Max nannte. Und Heide in Schleswig-Holstein liegt nun mal nur ein paar Kilometer neben dem Geburtsort Wöhrden. Gibt es etwas Logischeres? Nicht für Wolfgang Kaminski.

Dieser Max Heide malt gern die lyrische Seite des Lebens

Sein Schaffens-Antrieb? Er verspüre von einem Moment auf den anderen eine innere Kraft, die er dann einfach freisetzen müsse. Das könne sowohl in seinem ländlichen Zweitdomizil an der Schlei als auch im heimischen Keller passieren. Dr. Jens Stöcker, der Direktor des Museums für Kunst und Kunstgeschichte in Dortmund, sieht Heide so: „Er will in seinen Bildern das Schöne malen und zeigen, Harmonie und Schönheit – Verbindendes – nichts, was sich trennt. Max Heide malt die lyrische Seite des Lebens. Nichts muss man verstehen. Man muss nur sehen.“

Und der Wolfgang-Max Kaminski-Heide drückt es dann selbst noch etwas friesisch-kerniger aus: „Und wenn dann andere Leute hinterher sagen, sie sähen da ganz etwas anderes drin oder sogar gar nichts, dann ist das doch auch in Ordnung! Man kann doch niemanden zwingen.“

Wo der oben zitierte Kollege Recht hat, hat er Recht: Dieser „Schnacker“ ist wahrlich ehrlich! Und offenbar noch mit weiteren ganz besonderen Talenten gesegnet.

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