Gutenberggespräch im Wichelhovenhaus

Zeitzeugen über Pogromnacht: eine deutsch-jüdische Katastrophe

Foto: IKZ

Iserlohn. Das, was die Iserlohner Zeitzeugen der Reichspogromnacht beim Gutenberg-Gespräch im Wichelhovenhaus erzählen, das lässt uns Nachgeborenen die Nackenhaare zu Berge stehen.

Sie berichteten von der deutsch-jüdischen Katastrophe: In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannte auch in Iserlohn die jüdische Synagoge.

(Eine Fotostrecke zum Gutenberggespräch finden Sie am Ende dieser Seite.)

Und am Tag darauf wurden die Fensterscheiben jüdischer Geschäfte zerstört, fanden Plünderungen statt, bevor die „Arisierung” des jüdischen Grundbesitzes nach dem 12. November 1938 betrieben wurde. Sie erinnerten sich auch an Deportierungen und Inhaftierungen der Iserlohner Juden in Konzentrationslagern und Gefängnissen.

Beim IKZ-Gespräch zu diesen Geschehnissen am 9./10. November vor 70 Jahren berichten elf Seniorinnen und Senioren, was sie damals als Kinder in unserer Stadt erlebt haben. Auf Initiative unserer Volontärin Katja Hofbauer, sie ist studierte Historikerin, waren die Zeitzeugen ins Wichelhovenhaus gekommen, um dieses dunkle Kapitel der Iserlohner Geschichte zu erhellen: Manfred Eckstein, Heinz Althoff, Ludwig Baucks, Margret Voss, Helene Drees, Willi Drees, Inge Werthmann, Richard Westerhoff, Karl-Heinz Kipper, Margret Morgenbrod und Pfarrer Günter Seite. Ihre Berichte runden die Ausführungen des Historikers Prof. Dr. Arno Herzig (Hamburg) ab, der die Geschichte der jüdischen Gemeinde Iserlohns in verschiedenen Büchern dokumentierte und als Fachmann auf dem Gebiet der deutsch-jüdischen Geschichte gilt. In seinen Referendar-Jahren war dieses Thema ein weißer Fleck in der Geschichtslandschaft. Während einer Lehrerfortbildung habe er im Iserlohner Stadtarchiv die Zusammenstellung derer, die aus Iserlohn in die Konzentrationslager in Polen, Auschwitz und Theresienstadt deportiert wurden oder ins Exil gegangen sind, aufgefunden und diese in seine Forschungen eingearbeitet, berichtet der Historiker, der auch die Spur der Auswanderer in die USA und andere Länder dokumentierte. Wie Stadtarchivar Götz Bettge hinzufügt, seien diese Listen noch erweitert worden.

„Die löschen nicht mit Wasser, sondern mit Benzin.”

Helga Teves

Für den Historiker sei der 10. November 1938 in den Quellen nur wenig zu erfassen. Prof. Dr. Arno Herzig referiert aber von der durch Adolf Hitler und Joseph Goebbels geschürten Pogromstimmung, in deren Folge vor 70 Jahren Synagogen und heilige Schriften verbrannt wurden und die gezielte Vernichtung des jüdischen Volkes vorangetrieben wurde. Der Experte spricht von einer Mobilisierung aus München, deutschlandweit durch die SS und die NSDAP jüdische Synagogen und Geschäfte zu zerstören.

Eine Figur war der Iserlohner HNO-Arzt Dr. Fritz Katz, der später in der pazifistischen Friedensbewegung eine wichtige Rolle gespielt habe. Der 77-jährige Manfred Eckstein weiß, dass der frühere SS-Mann Dr. Katz den Nazis nicht radikal genug war. Er sei nach Hitlers Machtergreifung ausgestiegen. Von ihm seien auch Beschreibungen der Pogromnacht erhalten.

Helga Teves wohnte damals in der Marienstraße 12, dort wo heute Karstadt steht, in unmittelbarer Nachbarschaft zur Synagoge. Die Iserlohnerin war damals 15 Jahre alt. Da sie verhindert war, hat sie Katja Hofbauer im Vorfeld der IKZ-Veranstaltung ihre Erlebnisse beschrieben. Mit dieser Schilderung führt die IKZ-Volontärin in das Thema ein: In der Nacht vom 10. auf den 11. November 1938 habe der Vater Ernst Teves seine Familie mit den Worten geweckt: „Steht doch auf, seht, die Synagoge brennt.”

Helga Teves berichtet: „Wir sahen die brennende Synagoge, es standen auch Menschen davor. Nach einiger Zeit sagte mein Vater: ,Da kommt schon wieder die Feuerwehr. Aber die löschen nicht mit Wasser, die löschen mit Benzin.'” Helga Teves beschreibt eine absurde Situation: „Wenn die Feuerwehr kam, brannte es kurz darauf noch stärker als zuvor. Wir haben gezittert und gebetet, dass unser Haus nichts abbekam. Wir hatten Angst auszugehen, wir konnten doch nichts sagen, sonst hätte man uns eingesperrt. Aber mein Vater hat uns geweckt, damit wir Zeugen des Brandes waren.” Die Synagoge sei bis auf die Grundmauern niedergebrannt.

Die Feuerwehr wurde von SA-Leuten gehindert zu löschen, berichten mehrere Gutenberg-Gesprächsteilnehmer übereinstimmend. „Die Feuerwehr hat die umliegenden Häuser feucht gehalten, damit sie nicht abbrannten”, erzählt Carl Heinz Kipper. Das bestätigt auch Manfred Eckstein: Er sah, wie die Feuerwehr einen Schlauch durch eine offene Haustür in ein Nachbarhaus hielt, offensichtlich, um das Nachbargebäude zu schützen.

Als zwölfjähriger Junge ist Carl Heinz Kipper durch die nächtlichen Geräusche geweckt worden und hatte sich aus dem elterlichen Haus an der Karlstraße zur Synagoge an der Mendender Straße begeben. Er sei verwundert gewesen, warum sich keiner der Feuerwehrmänner um die brennende Synagoge kümmerte, und sie eher tatenlos zusahen, wie sie abbrannte.

Ähnlich beschreibt es die 75-jährige Inge Werthmann, die damals fünf Jahre alt war. Sie berichtet von SA-Männern, die Fensterscheiben eines jüdischen Geschäftes am Morgen des 10. November in der Laarstraße einwarfen, als sie mit ihrer Mutter auf dem Weg zum Opa in der Galmeistraße war. „Wir wussten nicht, was los war”, berichtet sie von einer großen Aufregung, die sich noch steigerte, als sie den Schillerplatz überquerten und sahen, dass es an der Mendener Straße brannte. „Wir wunderten uns, dass keine Feuerwehrleute zu sehen waren, obwohl das Feuerwehrgerätehaus doch in unmittelbarer Nähe war. „Warum löscht denn niemand die Synagoge?” hätte sie ihre Mutter gefragt und von einem Mann auf Iserlohner Platt zur Antwort bekommen „Loat man brennen.”

„Wir wunderten uns, dass keine Feuerwehrleute zu sehen waren, obwohl das Feuerwehrgeräte- haus doch in unmittelbarer Nähe war.”

Inge Werthmann

Carl Heinz Kipper berichtet weiter von lautem Scheibenklirren in der Nacht. Er sah dann, dass in der Wermingser Straße vieles kaputtgeschlagen war. Dann habe ihn seine Mutter ausfindig gemacht und wieder mit nach Hause genommen.

Helga Teves berichtet vom Tag danach, von eingeschlagenen Schaufenstern der jüdischen Geschäfte. Davon gab es allein an der Wermingser Straße und am Alten Rathausplatz 13 vor 1939, wie auf einer im Jahr 2001 von der Stadt herausgegebenen Übersicht zu sehen ist, die den Senioren beim Gutenberg-Gespräch als Erinnerungsstütze dient.

Die Synagoge habe an der Mendener Straße 15 gestanden, dort wo später eine Tankstelle und heute ein Autohaus stehe, erklärt Carl Heinz Kipper.

Diese Hausnummer ist nicht mehr auffindbar, nur die Hausnummern 13 und 17. Helene Drees erinnert sich noch an die brennende Synagoge am Morgen des 10. November, an hohe Flammen und dass niemand Löschversuche unternommen habe. Etwa 100 Menschen, darunter viele Schulkinder, hätten darum herum gestanden.

Der heute 77-jährige Manfred Eckstein berichtet vom verspäteten Unterrichtsbeginn an der Schlageterschule (Südschule) am 11. November aufgrund der Ereignisse der Nacht. Er sei dann in die Stadt gelaufen und habe die Synagoge am Vormittag noch brennen gesehen. Feuerwehrmänner hätten um den Kamin ein Stahlseil gelegt und mit Hilfe eines ziehenden Feuerwehrfahrzeugs sei der Kamin umgelegt worden. Eine weitere Begebenheit ist ihm noch genau in Erinnerung: Der damals siebenjährige Junge sah mit an, wie der Besitzer des Kaufhauses Ehrlich von der Polizei aus dem Haus geholt wurde. Er musste die Scherben vor seinem Geschäft zusammen kehren. Das sei sehr demütigend gewesen für den Mann, dass er es machen musste und nicht seine Angestellten, kann sich Manfred Eckstein noch gut in dessen Gefühlslage versetzen.

Helene Drees war damals auf dem Weg von ihrem Arbeitsplatz im Wichelhovenhaus zur Berufsschule. Sie weiß noch, dass vor dem Geschäft Waldbaum Kleidungsstücke auf der Straße lagen und vor einem anderen Laden Bonbons. Als sie und andere Kinder diese Bonbons aufheben wollten, da sagte jemand: „Ihr wollt doch wohl keine Judenbonbons essen.”

Am Tag drauf hatten viele Kinder ihre Tornister voller Süßigkeiten, berichten die Zeitzeugen, allen voran Carl Heinz Kipper. Sie hatten sie von der Straße aufgelesen, fügen Heinz Althoff und Manfred Eckstein hinzu. Eckstein sah mit eigenen Augen, wie Kinder aus der Auslage eines Geschäftes die Leckereien herausfischten.

Pfarrer Günter Seite berichtet von Angehörigen, die im Konzentrationslager umgekommen sind. Seine Mutter war Jüdin. Auch der jüdische Vater von Richard Westerhoff ist im KZ gewesen, wie sein Sohn erzählt. Carl Heinz Kipper war kurzfristig im Iserlohner Gerichtsgefängnis inhaftiert: 1942 wurden alle Juden verhaftet und kamen in Lager, berichtet Kipper. Auch seine jüdische Mutter sei morgens abgeholt worden und ins KZ nach Theresienstadt deportiert worden. Er gehörte zu den letzten vier Personen, die 1944 verhaftet wurden.

Wie der damalige Kreisleiter Menze dem Regierungspräsidenten in einem Brief mitteilt, sei Iserlohn ab 1942 judenfrei gewesen, referiert Prof. Herzig. Richard Westerhoff berichtet von seinen Großeltern, die neben der Synagoge wohnten. Sein Opa sei Metzger gewesen, und er habe koscher schlachten können. Deswegen gehörten viele Juden zu seinen Kunden. Seine Familie habe viele jüdische Freunde gehabt. Es gebe davon noch zahlreiche Bilder, wie die Kinder miteinander spielten. Seine Mutter und ihre Geschwister haben die jüdischen Freunde nachts heimlich versorgt. Sein Onkel Hermann Bruns habe die Familie Bührmann versteckt.

„Weil mein Vater sich nicht von seiner jüdischen Frau trennen wollte, durfte er kein Beamter werden und wurde nach Polen strafversetzt.”

Margret Morgenbrod

Von Schikane berichtete Margret Morgenbrod. Ihr Vater sei von der Iserlohner Stadtverwaltung aufgefordert worden, sich von seiner jüdischen Frau zu trennen. Das habe er aber abgelehnt. „Deshalb durfte er kein Beamter werden”, erinnert sich seine Tochter. Obendrein wurde er nach Polen strafversetzt. Sie gewinnt diesem etwas Gutes ab: „So wurde er aus der Schusslinie gebracht.” Sie sei in einer Nacht- und Nebel-Aktion mit ihrer Mutter ebenfalls nach Polen geflüchtet: „So haben wir überlebt.” Pfarrer Günter Seite ist nach Polen deportiert worden: „Somit bin ich dem Krieg entkommen und musste keine Knarre in die Hand nehmen.”

Das Gespräch dreht sich weiter um Begriffe wie Mischehe, Halbjuden und um das Judenhaus an der Kluse 18, von wo aus beispielsweise Irma Cohn ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurde.

Von einer Vorladung bei der Geheimen Staatspolizei berichtet Carl Heinz Kipper: Ähnlich wie der damals 17-jährige Günter Seite musste der 15-jährige Kipper unterzeichnen, dass er nicht mit einem arischen Mädchen ein Verhältnis eingehe. Er habe sich nicht daran gehalten, erklärt Kipper mit einem breiten Lachen auf dem Gesicht.

Margret Morgenbord erinnert an das Schicksal der Familie Becker: Sally und Bertha Becker veranlassten ihre Kinder, dass sie Deutschland verließen, als die Terrormaßnahmen ab 1933 zunahmen. „Der 9. November war Auslöser für ihre Flucht”, erzählt Margret Morgenbrod. Sie selber blieben und mussten auf Druck der Nazis 1938 ihr Geschäft verkaufen, bevor sie nach Auschwitz deportiert wurden, wo sich ihre Spur verlor. Ihr Sohn und ihre Tochter siedelten in die USA über, das wusste auch Willi Drees zu berichten, der einen Brief vorlas, in dem die schwierige Situation der jüdischen Auswanderer beschrieben wurde, die ihre Heimat verlassen mussten, um ihr Leben zu retten, und die Hilfe durch einige Deutsche erfahren haben.

„Heute gibt es immer noch Menschen, die haben Angst, von damals zu berichten", weiß Helene Drees. Die 85-jährige Iserlohnerin berichtet von jüdischen Bekannten, die ebenfalls Schlimmes unter dem Nationalsozialismus erlebt haben. Für sie sei es aber äußerst schwer, darüber in größerer Runde zu sprechen.

Zum Abschluss des Gutenberg-Gesprächs erklärt IKZ-Volontärin Katja Hofbauer, dass Veranstaltungen wie diese dazu dienen sollen, aufzuklären: „Dass sich so etwas nie wieder ereignet!” Und Werner Morgenbrod lädt nochmal zur Teilnahme an der Mahnveranstaltung ein, die am Sonntag, 9. November, um 17 Uhr am Gedenkstein für die Synagoge an der Mendener Straße neben Opel Nolte stattfindet. Von da aus wird ein Schweigemarsch zum Mahnmal für die Opfer des Faschismus zum Poth führen, bevor in der Reformierten Kirche die Abschlussveranstaltung unter dem Thema stattfindet: „Wie Juden die Reichspogromnacht erlebten”.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben