Interview

„Zufrieden? Absolut, sonst säße ich nicht hier“

Thomas Reunert (li.) im Gespräch mit Prof. Dr. Maurits van Rooijen, CEO & Group Rector, Global University Systems.

Thomas Reunert (li.) im Gespräch mit Prof. Dr. Maurits van Rooijen, CEO & Group Rector, Global University Systems.

Foto: Michael May / IKZ

Iserlohn.  International und grün: Prof. Maurits van Rooijen glaubt fest an die Zukunft für den UE-Campus am Seilersee

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Nimmt man nur mal die Körpermaße und -haltung als Maßstab des künftigen Denkens und Handelns des neuen Rektors der University of Applied Sciences Europe (UE) am Seilersee, so dürfte es wahrlich aufrecht und groß zugehen. Prof. Dr. Maurits van Rooijen (63) strahlt zudem großen Optimismus aus, wenn er zur Zukunft der privaten Hochschule gefragt wird. Und er macht deutlich, dass er in vielen Punkten nach dem eher unglücklichen Besitzer-Gastspiel der amerikanischen Laureate-Gruppe an die einstigen Grundideen von Hochschul-Gründer Prof. Dietrich Walther anknüpfen möchte. Samt starker Verankerung in der Region auf unterschiedlichste Ebenen.

Herr Professor van Rooijen: Aus Aktualitätsgründen die erste Frage: Der Ursprung der GUS liegt in England. Wird ein wie auch immer gearteter Brexit Auswirkungen auf Ihr Geschäftsmodell haben?

Maurits van Rooijen: Ich werde zum Brexit keine politische Einschätzung geben, obwohl sie sich vorstellen können, dass ich dazu eine klare Meinung habe. Unsere GUS wurde vor sieben Jahren gegründet. Wir wollten und wollen ein hochwertiges, globales Ausbildungssystem schaffen. Und wir wollten niemals wirklich abhängig sein von einem Land. Natürlich waren die ersten beiden GUS-Schulen auf britischem Boden, aber die dritte war mit der GISMA bereits in Deutschland. Und das ist auch schon sechs Jahre her. Also lange vor dem Brexit. Der Brexit zeigt aber eindrucksvoll das, worauf wir immer hingewiesen haben: Man muss seine Risiken managen und beherrschen. Wir haben ein global aufgestelltes System. Was immer in einem Land passiert, es wird nicht das ganze System beeinflussen.

Sind Sie noch immer glücklich mit der Entscheidung, die UE gekauft zu haben?

Absolut, sonst säße ich nicht hier.

Machen Ihnen alle drei Standorte gleichermaßen Freude?

Ja, weil sie sehr, sehr unterschiedlich sind. Eine der Stärken der UE besteht darin, so unterschiedlich zu sein. Wir haben ein globales System, aber wir haben eben auch ein kleines, eigenes deutsches System mit Berlin, Hamburg und Iserlohn.

Welche sind Ihre wichtigsten Erkenntnisse zum Standort Iserlohn?

Ich will nicht mit Klischees operieren, aber Berlin ist natürlich eine sehr kosmopolitische Stadt, sehr kreativ manchmal unkonventionell, sehr attraktiv für deutsche und internationale Studenten, die auch mit einem eigenen Geschäft unterwegs sein wollen, das von eben dieser kosmopolitischen Energie Berlins beeinflusst wird. Auch Hamburg ist kosmopolitisch aufgestellt, aber auch etwas geschlossener und zieht damit eine etwas andere Studentengruppe an. Beides sind hervorragende Einrichtungen, herrliche Gebäude in der Mitte der City direkt neben Bahnhof Altona oder am Potsdamer Platz angesiedelt. Iserlohn ist unser Stadtwald-Campus, hat seinen besonderen Reiz in Bezug auf Lifestyle und die Nähe zu einem überaus erfolgreichen Mittelstand in der Umgebung. Vielleicht auch etwas erschwinglicher als die großen Städte. Jeder Standort hat also seine eigenen Stärken. Sport ist überall stark, aber insbesondere eben auch aufgrund der guten Rahmenbedingungen hier in Iserlohn.

Gibt es echte Alleinstellungsmerkmale für Iserlohn?

Im Bereich der Lehre wollen wir in der Tat ganz aktuell noch einige neue Angebote schaffen, die auf den Standort Iserlohn einzahlen. Aber das Hauptargument für Iserlohn ist auf jeden Fall, dass das einfach ein prächtiger Platz ist, um zu leben. Wenn du jung bist, gibt es kaum einen besseren Ort, um zu studieren. Die Unterkunft ist finanzierbar, was in den größeren Städten die viel größere Herausforderung ist. Und die Studenten der Region haben den unschätzbaren Vorteil, so ein qualitativ hochwertiges Hochschulangebot direkt vor der Tür zu haben, bei dem auch noch der Geist der früheren Betreiber, der Geist einer Unternehmer-Hochschule, weiterlebt.

Für den Vorbesitzer Laureate hat der Kontakt zur heimischen Wirtschaft und Politik keine große Rolle gespielt. Was hat sich bei Ihnen geändert und was wird sich noch ändern?

Ich setze mich leidenschaftlich für eine Verbindung von Studium und der Einbindung an anderer Akteure aus dem sozialen Umfeld ein. Ich sehe mein Engagement hier in Iserlohn auch verstärkt darin, Kontakte zu Institutionen wie Handelskammern, zum neuen Bürgermeister und zu unseren Nachbarn hier am Standort zu knüpfen. Wir wollen und müssen das duale Studium weiter verstärken, das ich für sehr attraktiv halte. Unsere Türen sind weit geöffnet und ich hoffe, wir können die Wirtschaft verstärkt auf den Campus bringen. Ein Vorteil ist vielleicht, dass wir bald unseren 20. Geburtstag feiern können, da können wir diverse Aktivitäten starten und unsere Botschaften unter die Leute bringen.

Junge Leute möchten gern in die internationalen Metropolen. Lässt sich das Iserlohner Angebot dennoch international vermitteln?

Wenn Iserlohn nicht in die Welt geht, bringen wir die Welt eben nach Iserlohn. Eigentlich ein kleiner Scherz, aber es ist in der Tat so, dass wir Vertreter internationaler Agenturen und Kontakte haben, die hier auf den Campus kommen. Zum Beispiel aus China. Und die lieben unseren Campus hier. Vor allem die jungen Leute. Stellen Sie sich vor, Sie sind Eltern von 17- oder 18-jährigen jungen Leuten im Ausland und wollen es Ihren Kindern ermöglichen, in Deutschland zu studieren, würden Sie aus vielerlei Gründen doch vielleicht die sichere Umgebung von Iserlohn nutzen, als sich für Berlin oder Hamburg zu entscheiden. Die Internationalisierung nutzt auf jeden Fall auch dem Iserlohner Standort. Und die Internationalität ist natürlich am Ende auch eine Bereicherung für den heimischen Mittelstand und die nationale Wirtschaft.

Es hat bereits zahlreiche Aktivitäten in Richtung China gegeben. Nicht zuletzt durch Ihren Vorgänger Prof. Stein. Arbeiten Sie daran, dass das nicht nur eine Einbahnstraße der Wissensvermittlung ist, sondern dass auch unsere Studenten von chinesischem Wissen profitieren?

Genau das ist das Konzept. Es ist nicht ganz einfach, aber wir arbeiten stark an einer besseren Präsenz auch in China. Ich selbst bin seit 1995 in Aktivitäten in China eingebunden. Viele Dinge sind noch nicht so durchorganisiert wie bei uns, aber es gibt gute Möglichkeiten. Aber es ist mit Sicherheit auch keine Einbahnstraße.

Die digitale Zukunft ist Ihr Kernthema. Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Hochschule nicht nur digitale Nerds hervorbringt, das menschliche Management jedoch auf der Strecke bleibt?

Natürlich muss man immer die internationale Dimension reden, aber genau so wichtig ist es, über die digitale Dimension der Zukunft zu sprechen. Was immer Sie in der beruflichen Welt der Zukunft machen, Sie werden mit digitalen Fragestellungen in Berührung kommen. Und die große Herausforderung für die Zukunft ist, zu vermeiden, dass digitales Arbeiten nur etwas für Nerds ist, die von den Bereichen der Psychologie, der Economy und der Kreativität abgekoppelt sind. Wir müssen nach Wegen suchen, diese Disziplinen zu vernetzen.

Sie sind auch mit dem Konzept der digitalen oder Online-Vorlesung unterwegs, braucht es in der Zukunft überhaupt noch attraktive Standorte?

Da gibt es mehrere Aspekte. Zum einem war und ist es oberstes Ziel von GUS zu prüfen, welche Angebote zu welchen Studenten am besten passen. Wenn sie mehr die klassische Variante mit Vorlesungen und Professoren bevorzugen, ist das gut. Wenn sie mehr auf Online-Unterricht stehen, ist das auch gut. Wir glauben, dass das Studieren in einem sozialen Umfeld am sinnvollsten ist, ergänzt durch digitale Angebote. Digitales Studieren wird das klassische Studieren nicht überflüssig machen. Gerade für die jüngere Generation besteht Studieren nicht nur in der reinen Wissensaufnahme und im Umgang mit Wissen, es sind auch das Teamwork, die Gemeinschaft und so die soziale Weiterentwicklung. Die Erfahrung mit anderen zusammen zu sein, auf dem Campus zu sein. Diese Gefühle lassen sich mit Online-Learning nicht so einfach replizieren.

Wir kennen aus der Vergangenheit immer wieder schwankende Zahlen zu den Studierenden in Iserlohn. Können Sie das inzwischen präzisieren?

Der Campus kann etwa „2000 plus“ unterbringen. Dahin wollen und werden wir wachsen. Das ist sind Entwicklung, die man nicht mit einem Fingerschnipsen hinbekommt. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir das in drei bis vier Jahren auch erreicht haben, dass dieser Campus noch deutlich lebhafter ist, als er es im Moment ist.

Wie viele Studenten sind aktuell vor Ort bzw. in Iserlohn eingeschrieben?

Wir verzeichnen rund 1000 Studierende.

In Berlin haben Sie angeblich Qualitätsprobleme mit der Berlin School of Business and Innovation.

Wir reden aber nur von einer Person mit tausend Followern im Internet.

Trotzdem wurde das Problem öffentlich und in den Medien angesprochen. Müssen Sie als privatwirtschaftliche Hochschule nicht noch immer ein Stück kreativer und erfolgreicher sein als staatlichen Hochschulen, müssen noch mehr halten, als Sie überhaupt versprechen?

Das ist absolut richtig. Wenn man in der privatwirtschaftlichen Ausbildung unterwegs ist, sitzt man im Glashaus. Alles ist transparent und sichtbar. Wenn man dann wie in Berlin mit einem neuen Projekt an den Markt geht, dann kann es natürlich auch Start-Probleme geben. Zum Beispiel mit einem Leitungsteam, dass sich nicht richtig durchgesetzt hat und auch mit der Problematik, dass sich Studenten in einem bestimmten Bereich eher unterfordert gefühlt haben. Das konnten wir aber schnell abstellen. In der Tat ist das private System eine ständige Qualitätsherausforderung. Eben weil die Studenten für die Leistung auch bezahlen.

Ein Studium bei Ihnen kostet Geld. Was kann ein kommerzielles Studiensystem dazu beitragen, qualifizierten und talentierten, aber eben nicht wohlhabenden jungen Leuten einen Einstieg in das Berufsleben zu ermöglichen?

Zum einen vergeben wir mehr Stipendien als viele andere Institutionen. Was an unserer Struktur und Philosophie liegt, die eher einem Familienunternehmen ähnelt. Andererseits bieten wir auch an den verschiedenen Standorten unterschiedliche Preiskategorien an, um unterschiedliche Bedürfnisse und Möglichkeiten abzudecken. Wir haben den Anspruch, Bildung bezahlbar zu machen. Außerdem gestalten wir unsere Lehrpläne so, dass Studenten durchaus auch noch die Möglichkeiten haben, parallel und passend zu ihrem Studium in Firmen zu arbeiten.

Was kann eine Hochschule wie die UE tun, um sich aktiv an Klimadiskussionen oder auch Diskussion rund um das menschliche Überleben auf diesem Planeten oder des Planeten selbst zu beteiligen?

Das ist ein Thema, zu dem ich ganz persönlich einen starken Bezug habe. Als ich meine akademische Karriere an der Utrecht Universität in den frühen 1980er-Jahren startete, war mein Forschungsschwerpunkt die grüne und nachhaltige Urbanisierung im ökologischen aber eben auch sozial-ökonomischen Sinn. Das hat für mich immer zusammengehört. Und genau diese Fragen stelle ich jetzt auch in meiner neuen Rolle als Rektor dieser Schulen. Wenn man an einem Ort wie diesem studieren kann, dann ist das keine Selbstverständlichkeit, das ist ein Privileg, von dem man auch an die Gesellschaft zurückgeben muss.

Könnte man nicht auch in Iserlohn ein „grünes Studium“ entwickeln?

Fragen Sie mich in einigen Monaten noch einmal.

Sie sind 1956 geboren. Haben Sie das Gefühl, dass Sie diese Welt mit all ihren - vor allem auch digitalen - Veränderungen und fast stündlichen Aktualisierungen noch verstehen?

Wahrscheinlich werden wir die Welt nie verstehen, weil wir sie ja selbst in der Vergangenheit nicht verstanden haben, aber der Vorteil im Studium ist natürlich, dass man ständig mit jungen Leuten, mit neuen Generationen, arbeitet. Man ist immer mit neuen Entwicklungen und Veränderungen in Kontakt. Man sieht die Veränderung immer in erster Linie als Chance.

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