Kirche

Ein Kranenburger Mönch in modernen Zeiten

Thomas Quartier aus Kranenburg ist Mönch in Doetinchem.

Thomas Quartier aus Kranenburg ist Mönch in Doetinchem.

Foto: Andreas Daams / NRZ

Kranenburg/Doetinchem.  Thomas Quartier aus Kranenburg ist Benediktinermönch, Theologieprofessor und Autor. Gerade hat er ein Buch über Sänger-Songwriter geschrieben.

Nun ist er also seit einigen Jahren Mönch. Bruder Thomas Quartier osb. schaut 27 Jahre zurück und sieht einen ratlosen Abiturienten. Was soll er beruflich machen? Also erstmal Zivildienst bei Haus Freudenberg. Der Vater stirbt, Thomas Quartier als Einzelkind hat das Gefühl, jetzt nicht zum Lehramtsstudium nach Münster gehen zu können, wie er es sich schließlich überlegt hatte. Aber was dann?

Ein Erweckungserlebnis gibt es nicht

Ein ehemaliger Klassenkamerad erzählt ihm, dass sein Vater an der Universität in Nimwegen arbeitet. Da soll er doch mal vorbeischauen. „So bin ich durch Zufall mit der Theologie in Berührung gekommen“, erzählt er. Der Vater des Freundes: ein Theologieprofessor. „Kommen Sie doch nach Nijmegen“, sagt der. Quartier, in Kranenburg aufgewachsen, ist katholisch, spielt auch Orgel in Niel. Nijmegen ist nahebei. Aber Theologie? Andererseits: Warum nicht?

Zufall? Im Nachhinein sieht es aus wie Fügung. „Ein Erweckungs-Erlebnis gibt es bei mir nicht“, stellt Quartier klar. „Es war ein ganz langer Prozess mit vielen Zufällen, erst in der Rückschau sieht das nach Berufung aus.“ Das Studium finanziert er als Mitglied einer Tanzband im Klever Land. Auch als Straßenmusiker verdient er Geld. An der Uni in Nimwegen bieten sie ihm nach dem Studium einen Job an. Ein Forschungsprojekt, es geht um Rituale zum Tod. Wieder so ein Zufall: Ästhetisch und intellektuell spricht ihn das Thema an. Christliche Rituale. In der vorgegebenen Form die eigene Individualität ausleben. Schöpferische Menschen machen das auch so. Fast alles Kreative folgt den Regeln des Genres. Trotzdem ist es einzigartig, gefällt oder stößt ab.

Auf der Suche nach Spiritualität

Diese Verbindung sieht Quartier erst später. Denn mit Mitte 30 ist er irgendwie unzufrieden. Klar kann er problemlos als Professor weitermachen, bis er 67 ist. Was ihm fehlt, ist eine Art spirituelle Heimat. Eine Lebensform, die zu ihm passt. „Der dritte Zufall war, dass mir irgendwann einfiel, dass ich als Student mal in einem Benediktinerkloster in Doetinchem war.“ Er besucht es nun noch einmal. Als er dort abends weg muss, zu einer Geburtstagsfeier, ist ihm klar: „Mein Herz ist von dort nie wieder weggegangen.“

Aber zunächst ist er erst einmal fünf Jahre lang Oblate, assoziiert mit dem Orden, aber doch weiterhin weltlich. Thomas Quartier stellt selbst eine nahe liegende Frage: Was wäre gewesen, wenn er als Student mal in einem Yoga-Ashram gewesen wäre? Würde er nun in Indien leben? Eine Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Wie er ohnehin freimütig zugibt, wenige Antworten zu haben. Als er schließlich mit 40 Jahren in den Orden eintritt, ist auch nicht alles licht und hell. Quartier: „In den ersten Jahren waren die Enttäuschungen oft größer als die positiven Überraschungen.“ Lauter Junggesellen, die ganz unterschiedlich ticken.

Der Soundtrack des Lebens

Quartier soll weiterarbeiten an der Universität, soll Bücher schreiben und Öffentlichkeitsarbeit machen. Mit der Zeit verändert sich sein Blick aufs Mönchstum. Anfangs fand er es selbstverständlich, sich von seiner Musiksammlung zu trennen. Bob Dylan, Neil Young und solche Sachen. „Aber wer sagt denn, dass nur die Gregorianik der passende Soundtrack für diesen Weg ist?“, fragt er. Zum Geburtstag lässt er sich von einem Freund eine Dylan-Box schenken. Wieder eine Frage: „Bin ich jetzt weniger Mönch?“ Doch diesmal mit einer klaren Antwort: Nein.

Sein neues, gerade erschienenes Buch befasst sich genau mit diesem Thema. Es heißt „Lebenslieder. Ein Soundtrack für Klosterspiritualität“. Quartier hat Liedermacher wie Wolfgang Niedecken oder Konstantin Wecker getroffen und setzt ihre Songs und Aussagen in Bezug zu sich selbst als Mönch und Theologen. Die anderen Mönche haben übrigens nichts gegen seine Musik. Denn im Ordenshaus kann er sie nicht genießen, dazu ist alles zu hellhörig. Also hört er sie, ganz doppelsinnig, unterwegs. Im Auto.

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