NRZ-Klimaserie

Klimaschutz: Barbara Hendricks kritisiert den Sektor Verkehr

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Barbara Hendricks sprach mit der NRZ in ihrem Wahlkreisbüro in Kleve über Klimapolitik.

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Barbara Hendricks sprach mit der NRZ in ihrem Wahlkreisbüro in Kleve über Klimapolitik.

Foto: Niklas Preuten

Kreis Kleve.  Die ehemalige Bundesumweltministerin Barbara Hendricks ist der „Fridays for Future“-Bewegung dankbar. Sie verstehe die Ungeduld der jungen Leute.

Barbara Hendricks hat ihren Sommerurlaub auf dem Fahrrad verbracht. 1101 Kilometer fuhr die Kreis Klever SPD-Bundestagsabgeordnete auf dem Radweg Deutsche Einheit von Bonn nach Berlin, durchquerte sieben Bundesländer und saß in knapp drei Wochen 67 Stunden auf dem Sattel.

Die ehemalige Bundesumweltministerin hat in ihrer langen politischen Karriere viel von der Welt und der Bundesrepublik gesehen, doch die landschaftlich reizvolle und geschichtsträchtige Tour eröffnete auch der 67-Jährigen überraschende Blicke auf ihr Land. „Dies zeigt, dass es nicht immer das Auto oder Flugzeug braucht, um einen spannenden Urlaub zu verbringen“, schrieb Hendricks während der Reise auf Facebook, wo sie auch viele Bilder der klimafreundlichen Erholung vom hektischen Berliner Politikbetrieb postete.

Eigenen Konsum überdenken

Sie mache privat keine Flugreisen, erzählt Barbara Hendricks zurück in ihrem Klever Wahlkreisbüro in der vierten Etage des Clivia-Hauses. Das bedeute jedoch nicht, dass sie generell gegen das Fliegen sei, mit dem Begriff „Flugscham“ etwa könne sie nichts anfangen. „Ich bin der Auffassung, dass wir nicht von jedem Verzicht in allen Bereichen erwarten können.“ Sich Gedanken um den eigenen Konsum und die Art der Fortbewegung zu machen, das findet Hendricks aber nicht zu viel verlangt. „Innerhalb von Kleve muss man nicht mit dem Auto zum Bäcker fahren“, sagt sie.

Aktiv mit dem Rad zu fahren statt mit dem spritschluckenden SUV über den flachen Niederrhein zu rollen oder bewusster einzukaufen statt zu billig produziertes Fleisch in den Einkaufswagen zu legen – dies sind Beiträge zum Klimaschutz, die jeder leisten kann. Doch ohne Leitplanken, die die Politik setzen muss, wird die Bewältigung des Klimawandels zur Überforderung.

E-Roller? Hendricks: „Innerstädtische Pest“

Wer wüsste das besser als Barbara Hendricks, die an den großen Weichenstellungen der vergangenen Jahre beteiligt war? Ende 2015 verhalf sie als Bundesumweltministerin dem Pariser Klimaschutzabkommen mit zum Durchbruch und brachte ein Jahr danach den nationalen Klimaschutzplan 2050 ins Kabinett. „Das muss jetzt als Klimaschutzgesetz umgesetzt werden. Eigentlich hätte dies schon im vergangenen Jahr geschehen müssen“, stellt die SPD-Politikerin klar, die vor wenigen Tagen beim Sommerfest des Hamburger Erzbischofs den Festvortrag hielt. Ihr Thema: „Die Natur verhandelt nicht mit uns – was im Klimaschutz jetzt zu tun ist.“

Es geht darum, wie die fünf Sektoren Energiewirtschaft, Industrie, Verkehr, Gebäudebereich und Landwirtschaft die bereits festgelegten CO2-Einsparungen bis 2030 erreichen können. Wenn Barbara Hendricks dabei ins Detail geht, ist unüberhörbar, wie sehr sie immer noch Umweltpolitikerin ist. „Der Verkehr macht die größten Probleme, dieser Sektor hat noch überhaupt nichts geleistet im Vergleich zum Ausstoß von 1990.“ Daran werde der seit Kurzem vor allem in den Metropolen allgegenwärtige Elektroroller erst recht nichts ändern. „Ich halte den E-Roller für eine innerstädtische Pest. Er ist kein wirkliches Verkehrsmittel, sondern ein Freizeitspaß“, bemängelt die Teilzeit-Berlinerin.

Insgesamt sieht Hendricks die Bundesrepublik jedoch auf einem guten Weg, auch wenn Deutschland das Ziel, den CO2-Ausstoß bis 2020 um 40 Prozent gegenüber 1990 zu verringern, nicht erreichen wird. Erst 2022 oder 2023 soll es soweit sein.

Sympathie für Klimaaktivisten

Zu langsam, nicht konsequent genug, entgegen da die Klimaaktivisten der „Fridays for Future“-Bewegung, die sich unter anderem auch in einer sehr aktiven Klever Ortsgruppe organisiert haben. „Ich finde es gut, dass die jungen Menschen von der älteren Generation ein schnelleres und zielgerichtetes Handeln einfordern. Da hat es unbestritten Versäumnisse gegeben. Allerdings stimmt es natürlich nicht, dass Politik bisher nichts gemacht hat“, sagt Hendricks, verweist auf das Erneuerbare-Energien-Gesetz von 2000 und versteht doch „die Ungeduld der jungen Leute“.

Das größte Verdienst der vor einem Jahr von Greta Thunberg initiierten Bewegung sieht die Niederrheinerin in der Wucht, mit der die Jugendlichen und jungen Erwachsenen die Diskussion über den Klimaschutz in die Mitte der Gesellschaft katapultierten. Das sei die Voraussetzung dafür, in der Bevölkerung den nötigen Rückhalt für den Klimaschutz zu erreichen. Und für noch etwas sei sie den Aktivistinnen und Aktivisten dankbar, betont Hendricks: „Sie haben endlich wieder eine politische Debatte in den Familien angestoßen. Das gab es Jahrzehnte lang nicht mehr.“

Hendricks setzt auf technologischen Fortschritt

Bei allem Zeitdruck durch das sich rasant verändernde Klima ist Barbara Hendricks weit davon entfernt, pessimistisch in die Zukunft zu blicken: „Die Zielvorgabe lautet, bis 2050 weitgehend klimagasneutral zu sein. Ich bin davon überzeugt, dass wir bis dahin technologische Entwicklungen sehen werden, die wir heute noch nicht einmal erahnen können.“

In 30 Jahren kann viel passieren – technologisch wie politisch. Bis 1989 trennte eine Mauer zwei deutsche Staaten. 2019 nun wird der Soli weitgehend abgeschafft. Und der Radweg Deutsche Einheit, auf dem Barbara Hendricks ihren Sommerurlaub verbrachte, führt durch ein Deutschland, das eifrig über den Klimaschutz diskutiert.

>> Regionale Innovationen

Barbara Hendricks freut sich über „relativ viele Unternehmen aus dem Kreis Kleve, die beim Klimaschutz innovativ vorangehen“. Als Beispiele nannte sie unter anderem das Weezer Unternehmen Wystrach, das die Tanksysteme für den weltweit ersten Wasserstoffzug liefert, oder den Klever Klimatechnikspezialisten Colt International.

Die für die Region wichtige Landwirtschaft habe mit einer sachgerechten Ausbringung von Gülle ebenfalls eine Aufgabe, betonte Hendricks. Sie lobte, dass auf Haus Riswick an anderen Fütterungen von Milchvieh geforscht werde, um so den Ausstoß von klimaschädlichen Gasen zu verringern.

Die SPD-Bundestagsabgeordnete erwartet zudem, dass im Kreis Kleve zukünftig neue Windräder gebaut werden. „Ich bin allerdings auch skeptisch, was Windenergie im Wald anbelangt“, so Barbara Hendricks.

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