Städtebau Kleve

Investor Klever Panniergelände: „Alle können bleiben“

Junge Leute vom Theater im Fluss Kleve wollen in den Räumen an der  Ackerstraße bleiben.

Junge Leute vom Theater im Fluss Kleve wollen in den Räumen an der Ackerstraße bleiben.

Foto: Andreas Gebbink / NRZ

Kleve.  Das Panniergelände an der Ackerstraße Kleve würde kulturell und städtebaulich entwickelt, wenn der Investor es kauft. Kein Mieter müsste gehen.

„Ich möchte die Anlage weitestgehend erhalten. Kein einziger Mieter muss Sorge haben, weg zu müssen. Alle können bleiben“. Das verspricht Investor Clemens Wilmsen der NRZ auf Anfrage. Es geht um das Gelände der früheren Firma Pannier an der Ackerstraße. Es ist heute Sitz des Theaters im Fluss und Wohnung der beiden Theaterleiter, dort sporten der Budo-Club, dort gibt es eine Kfz-Werkstatt und Band-Proberäume im Keller. Wie berichtet, möchte die Tochter der Besitzerin das große Gelände an den Wohnbau-Investor verkaufen.

„Ich bin ein Bestandswahrer, kein Neubauer“

„Ich bin ein Bestandswahrer, kein Neubauer“, betont Clemens Wilmsen und kann beispielgebend auf seine bisherigen Klever Investitionen verweisen: Die behutsam sanierte Siedlung Mozartstraße, die denkmalwerte Renovierung des Klever Bahnhofs, der künstler-interessierte Umbau der früheren Post.

„Ich hatte vor 14 Tagen den Theaterleiter Harald Kleinecke um ein Gespräch gebeten und gesagt, dass der Status quo erhalten bleibt“, so Wilmsen. In den Gebäuden sei allerdings in gesetzliche Gegebenheiten wie Brandschutz zu investieren.

Kulturell und städtebaulich weiter entwickeln

„Die Besitzer haben die Gebäude hervorragend in die heutige Zeit rübergebracht. Ich möchte gerne so weiter machen. Es besteht keine Abriss-Idee, keine Verdrängung. Das müsste man an dem, was ich bisher in Kleve gemacht habe, doch erkennen“, stellt Wilmsen klar. Er wolle das Gelände „kulturell und aus städtebaulicher Sicht weiter entwickeln“. Dafür sei auf dem weitläufigen Panniergrundstück – auch mit leeren Flächen – noch Platz.

Konstruktive Ideen sind willkommen

„Wenn jemand konstruktiv und kooperativ gute Ideen einbringen möchte, gerne“, bietet er jedem anderen an.

Die NRZ fragte nochmals bei Harald Kleinecke nach, ob es vor zwei Wochen diese Zusicherung gegeben habe. „Ja, er hat uns deutlich gesagt, wir können drin bleiben. Aber zu welchem Mietpreis, konnte er nicht sagen“. Die Initiative ‘Kulturraum Kleverland’ habe zu mittlerweile drei Stiftungen Kontakt aufgenommen, ob die das Gelände kaufen wollen, wenn es denn zu haben wäre. Außerdem stellte die Initiative von sich aus einen Antrag ans Land NRW auf Zuschüsse für kulturell bedeutende „Dritte Orte“ explizit fürs Panniergelände. Diesen Alleingang empfand die Klever Bürgermeisterin als ärgerlich.

Minimal- und Maximalforderungen für ein kulturelles Zentrum

„Wir hatten die Kulturschaffende um Minimal- und Maximalforderungen gebeten für ein kulturelles Zentrum und ausdrücklich erklärt, es nicht an einen Ort zu binden“ erinnert sie im Gespräch mit der NRZ. „Sie hatten das dann wegen der Kulturwelle im Hallenbad verschoben“ und nun den Förderantrag auf ‘dritte Orte’ Ackerstraße gestellt. „Eine Idee, die nicht verwirklicht werden kann. Die Fördervoraussetzungen sind gar nicht gegeben. Kulturschaffende müssen zwar nicht Eigentümer des betreffenden Geländes sein, aber langfristige Pachtverträge vorweisen“. Obendrein spielt in der Initiativ-Idee auch die Aula der Gesamtschule Ackerstraße ein Rolle, einer Schule, die noch bis 2024/26 für Unterricht gebraucht wird.

„Die freie Kultur hat jetzt eine Lobby“

Doch sieht Sonja Northing: „Die freie Kultur hat jetzt eine Lobby seit der 775-Jahr-Feier und seit der Kulturwelle.“ Die Bürgermeisterin hatte ja in ihrem Wahlkampf versprochen, sich um die freie Kultur zu mühen. Tut sie das? „Wir haben den Etat auf 20.000 Euro im Haushalt mehr als verdoppelt. Ich habe nicht versprochen, ein Kulturzentrum zu bauen, sondern mich für die freie Kultur einzusetzen. Wobei die Kulturschaffenden gesagt haben, dass sie keinen Neubau wollen.“

Als einer der Betroffenen aus dem Jugendtheater des Theaters im Fluss sagt Janis Krebbers (19) der NRZ: „Natürlich haben wir Zweifel und Sorge, dass wir nicht bleiben können, wenn der Besitzer die Miete erhöht. Das hier ist eine zweite Heimat für viele geworden“. Das Junge Theater besteht aus Leuten zwischen 14 und 25 Jahren, im harten Kern 15, oft auch 25 Aktive – bei starker Fluktuation, Ältere gehen zum Studium weg, neue wachsen nach. Seit die Ängste um das Fortbestehen die Runde machen, ist die Gruppe enger zusammen gerückt. Vertreter von ihnen werden am Dienstag, 18. Juni, dem Investor eine Unterschriftenliste übergeben, auf der sie ihn bitten, von seinem Vorkaufsrecht zurück zu treten. Bisher haben die junge Leute noch nicht mit Wilmsen gesprochen.

Das sagen die Vertreter der politischen Fraktionen

„Zunächst einmal ist es Privatsache“, wenn eine Privatfrau an einen Privatmann ihr Gelände verkauft. Das stellt CDU-Fraktionschef Wolfgang Gebing auf NRZ-Anfrage nüchtern fest. „Bisher dachte ich, die Grundbesitzerin will gar nicht verkaufen, von einem möglicherweise notariell beglaubigten Vorkaufsrecht für einen Investor wusste ich nichts“, sagt Jurist Gebing. Darüber wolle er in der Fraktion sprechen und dann gegebenenfalls in Kulturausschuss, Bauausschuss, Liegenschaftsausschuss. Das dauert.

Die Stadt braucht auch mehr Wohnraum

„Die Stadt hatte vor ein paar Jahren schon ihr Interesse an der Erschließung des Grundstücks bekundet. Der Kämmerer hatte Gespräche geführt, erhielt damals aber eine Absage", erinnert sich Petra Tekath, Fraktionschefin der SPD. „Zu überlegen wäre vielleicht, inwieweit der Investor mit Vorkaufsrecht bereit wäre, Grundstücke zu tauschen. Tatsächlich kommen wir aber um die Erkenntnis nicht herum: Die Stadt braucht mehr Wohnraum. Sie hat 54.000 Einwohner und wächst weiter.“ Wenn die Gesamtschule Ackerstraße (vormals Sebus-Gymnasium) komplett zur Hoffmannallee umgezogen ist, wollte ja auch die Stadt als dortige Grundbesitzerin das Quartier mit Wohnbebauung entwickeln, erinnert Petra Tekath.

Es ist spät, um über Genossenschaft oder Stiftung nachzudenken

„Die Quartiersentwicklung ist wichtig“, sieht auch Hedwig Meyer-Wilmes, Fraktionschefin der Grünen. „Die Politik kann deutlich machen, das wir großes Interesse haben, die freie Kulturszene zu unterstützen. Ich finde die Arbeit des Theaters im Fluss so wichtig“, sagt sie mit Blick auf die Adresse Ackerstraße 50. Aber „jetzt erst über die Gründung eines Vereins, einer Genossenschaft oder einer Stiftung nachzudenken, während parallel bereits die Verkaufsverhandlungen laufen, ist einfach zu spät“, deutet sie. „Seit fünf Jahren haben wir immer Vertreter der freien Kulturszene vor den Haushaltsberatungen der Stadt zu Gesprächen gebeten.“ Bis heute lägen keine konkreten Anträge auf dem Tisch, welche Räume in welcher Größe sie benötigten.

Fabian Merges, Sprecher der Unabhängigen Klever, möchte, dass die Politik „als unabhängiger Dritter von den Akteuren beider Seiten erst mal hört, was Sache ist und was die Politik überhaupt tun könnte.“

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