Sterben

Steinmetze protestieren gegen Friedwald in Goch-Pfalzdorf

Seit diesem Jahr kann man auch auf dem städtischen Waldfriedhof in Goch-Nierswalde ein Baumgrab wählen.

Seit diesem Jahr kann man auch auf dem städtischen Waldfriedhof in Goch-Nierswalde ein Baumgrab wählen.

Foto: Anne Wohland

Bedenken im Kreis Kleve nach Friedwald-Eröffnung in Goch. Aber schon heute sind etwa in Kleve 60 Prozent der Beisetzungen Urnen-Bestattungen.

Reaktionen gibt es nach der Eröffnung des Friedwaldes im Goch-Pfalzdorfer Tannenbusch. Private, kommerzielle Urnenwaldanbieter würden „massiv den Kommunen als hoheitliche Träger der meisten Friedhöfe in Deutschland regelrecht das Wasser abgraben“. Das befürchten die örtliche Steinmetz- und Steinbildhauer-Innung Niederrhein und der zuständige Fachverband Nordrhein-Westfalen.

Kommunale Friedhöfe in Konkurrenz zu kommerziellen Urnenwaldanbietern

Sie seien „sehr erstaunt, wie sich die kommunalen Träger dieses Gebaren gefallen lassen“ und ahnen einen „dauerhaften Schaden“, wirtschaftliche Einbußen für Kirchen und Kommunen, vielleicht Friedhofschließungen. „Der Schaden ist nicht wieder gut zu machen.“ Denn, so meinen die Steimetze: „Unsere kommunalen Friedhöfe haben gegenüber einem privat geführten Urnenwald keine Chance und müssen durch ihre Träger den zwingend notwendigen Schutz erfahren. Solch überdimensionierte Urnenwälder sind absolut überflüssig und schaden der Gemeinschaft.“

Der Klever Innungsobermeister der Steinmetze, Benedikt Kreusch, ergänzt im Gespräch mit der NRZ: „Manche Betriebe haben sich auf Grabmale spezialisiert. Auswirkungen der kommerziellen Träger treffen auch Friedhofsgärtner und etwa Bronzegießerein“.

Grabstätten-Kultur verändert sich

Er beobachtet, wie sich die Grabstätten insgesamt verändern, hin zu pflegeleichter, preiswerterer Gestaltung. Solch ein kommerzieller Waldfriedhof beschleunige die Entwicklung. Zu bedenken gibt Kreusch aber: „Eine Grabstätte ist Anlaufstelle für die Angehörigen. Rasenflächen-Gräber sind mittlerweile furchtbar beliebt. Aber man sieht das Bedürfnis der Leute, auch dort etwas aktiv tun zu wollen“, Kerzen oder Blumen abzulegen, obwohl das nicht erlaubt ist. Genau das bemerkt auch Probst Johannes Mecking als „kurios“ (siehe Lokalseite 5).

Die Fertiger von Grabsteinen und Urnenstelen hatten sich sowohl an die Stadt Goch als auch an den Städte- und Gemeindebund gewandt, „alles in ihrer Macht stehende zu tun,“ schon die Eröffnung des Friedwaldes Tannenbusch zu verhindern. Goch beriet sich mit dem Städtebund und verweist auf dessen Stellungnahme: Laut Bestattungsgesetz NRW gebe es keine rechtliche Handhabe, wenn eine Glaubensgemeinschaft als Körperschaft des öffentlichen Rechts – in Goch die Alt-Katholiken – der Betreiber sei. So antwortet Stadtsprecher Torsten Matenaers der NRZ auf Anfrage.

Stadt Goch ermöglicht neue Formen der Bestattung

Die Stadt Goch hat erst vor kurzem die Friedhofsgebühren anheben müssen und in dem Zuge neue Formen der Bestattung ermöglicht: Neben der Urnenwiese gibt es seit Jahresanfang auch andere Formen pflegefreier Grabstätten, unter anderem ein Baumgrab, das auf den städtischen Waldfriedhof in Nierswalde an der Stettiner Straße möglich ist. Es wurde bisher einmal gewählt.

Probst Johannes Mecking als Kreisdechant sagt in Kleve, es sei „grundsätzlich nichts gegen einen Friedwald einzuwenden“, an seinem vorherigen Wirkungskreis bei Beckum gab es zwei. „Aber es stellt sich die Frage: Wie gehen wir mit dem Tod um? Es ist für viele ein Trost, im Ort, in der Mitte zu bleiben“. Und auf einem Waldfriedhof gebe es keine Trauerhalle. Er findet es „kurios“, dass viele ihren Kindern im Tod „keine Arbeit machen wollen“ und ein Wiesengrab oder Streufeld wählen, „Rasenmäher drüber – und dann stellen die Hinterbliebenen doch eine Blume hin. Wer das Gefühl von ‘Wald’ und ‘heimelig’ haben will, der kann sich in Donsbrüggen beerdigen lassen“ oder in baumbestandener Ecke auf dem Friedhof Merowinger Straße Kleve. „Aber auch da entsteht inzwischen viel Freifläche“, beobachtet er.

Zahlen aus den Kommunen – Urnengräber sind gefragt

Die Stadt Goch reagierte auf Bürgerwünsche und bietet seit diesem Jahr vielfältigere Bestattungsmöglichkeiten. In Zahlen: Im Jahr 2017 gab es in Goch 216 Bestattungen, davon 100 auf Wiesengräbern (mit Rasen bedeckt, von der Friedhofsverwaltung gepflegt, mit kleiner Platte, 1702 Euro) auf dem Stadtfriedhof Goch und zwei in Nierswalde. Im Jahr 2018 ließen sich von den 193 Verstorbenen 89 auf Wiesengräbern in Goch, sechs auf der Wiese auf dem Waldfriedhof Nierswalde beerdigen. In 2019 bisher starben in Goch 171 Personen, 66 wählten das Wiesengrab, 15 ein Urnen-Wiesengrab (1100 Euro, Urnenreihengrab 699 Euro), neun die neue Form des Urnenpflegegrabes (mit kleiner Namensplakette, durch Friedhofsverwaltung gepflegt, 1100 Euro). Ein Verstorbener wurde in einer Urnen-Baumgrabstätte (1275 Euro) beigesetzt, was neu und ausschließlich auf dem Waldfriedhof Nierswalde möglich ist – in naturbelassener Umgebung in biologisch abbaubaren Urnen, Namensplakette möglich.

Kleve und Kalkar bemerken ebenfalls eine veränderte Bestattungskultur

Auf Kalkars städtischen Friedhöfen sieht Fachbereichsleiter Frank Sundermann eine ungebrochen hohe Nachfrage nach Urnenbeisetzungen: Es gab in 2016 noch 36 Erdbestattungen (ab 1212 Euro) und vier in Rasenreihengräbern, in 2017 dann 23, in 2018 waren es 26. Zwölf Urnen in Rasenreihen (474 €), zwölf in 2017 und 13 in 2018 sowie 57 Urnenbeisetzungen, 52 in 2017 und 57 in 2018. Außerdem 20 anonyme Urnen (258 €), in den Folgejahren 17 und 16. Im vorigen Jahr gab es acht Asche-Verstreuungen (137 €) sechs in 2017 und zwölf in 2018.

In Kleve wurden ebenfalls in diesem Jahr die Gebühren erhöht. Erdbestattung ab 1750 Euro, Grab für Urnen 1313 Euro, Urnenreihengrab 729 €, Baumgrabstätte auf dem Friedhof 2138 Euro. Die Frage nach aktuellen Zahlen konnte noch nicht beantwortet werden. Die Stadt Kleve nennt die Tendenzen: Die Zahl der Urnenbeisetzungen auf den städtischen Friedhöfen ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen, aktuell liegt der Anteil bei 60 %. Konstant bleiben anonyme Beisetzungen inklusive der Ascheverstreuungen bei 21 %. Auf dem städtischen Friedhof an der Merowingerstraße besteht auch die Möglichkeit einer Baumbestattung sowohl mit als auch ohne historischem Denkmal. Außerdem gibt es naturnahe Bestattung in einer biologisch abbaubaren Urne auf einem Naturwaldfeld innerhalb des Friedhofes, Nachfrage lag bei 1,4 Prozent in den vergangenen vier Jahren bei 1,4 Prozent.

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