Interview

Gegen die Corona-Angst: Einfach mal das Smartphone weglegen!

Ständig neue Nachrichtenlagen - das verunsichert viele Menschen.

Ständig neue Nachrichtenlagen - das verunsichert viele Menschen.

Foto: Robert Günther / dpa

Attendorn.  Markus Stutte ist Psychotherapeut in einer Praxis in Attendorn. Er erklärt, wie wir in der Corona-Krise mit Stress und Ängsten umgehen können.

Die Coronavirus-Pandemie stellt nicht nur die Gesellschaft, sondern auch jeden einzelnen vor Herausforderungen. Seit Montag gilt zusätzlich die landesweite Kontaktsperre, das heißt: Öffentliche Zusammenkünfte und Ansammlungen von mehr als zwei Personen sind untersagt.

Was bedeutet das für die mentale Gesundheit? Und wie können sich Menschen vor einem drohenden Lagerkoller bei Home-Office und Co. schützen? Markus Stutte, approbierter Psychotherapeut in der ambulanten Praxis für Psychologische Psychotherapie in Attendorn, sagt: "Wir müssen versuchen Dinge zu finden, die für uns einen Mehrwert darstellen."

Wie kann man dem „Angststrudel“ entkommen, der sich mitunter aus der sich stündlich ändernden Nachrichtenlage ergibt? Also einer Situation, der ich mich so gut wie gar nicht entziehen kann?

Markus Stutte: Grundsätzlich ist es in der aktuellen Situation wichtig, den Bezug zur Realität nicht zu verlieren. Bei 80 Prozent aller Infizierten hat die COVID-19-Erkrankung einen milden Verlauf. Es ist völlig normal, dass die Menschen wissen wollen, was gerade da draußen los ist. Manche Menschen verunsichern die ständig neuen Informationen. Es macht sie nur noch ängstlicher, wenn sie immer die neuesten Nachrichten verfolgen.

Daher kann es Sinn machen, den Fernseher mal ausgeschaltet zu lassen, kein Radio zu hören, die Zeitung nicht zu lesen und - vor allem – das Smartphone wegzulegen. Gerade jetzt, wo auch viele unseriöse Fake-News in den sozialen Medien unterwegs sind. Die Menschen sollten skeptisch sein, gegenüber etwaigen Gerüchten. Einmal täglich morgens, über seriöse Nachrichtenquellen den aktuellen Stand der Dinge zu erfahren, reicht völlig aus. Gerade abends sollten Sie auf den Konsum von Medien verzichten, wenn es Sie stresst und beunruhigt, damit sie ruhiger schlafen und Körper und Psyche sich ausreichend erholen können. Gerade jetzt, wo alle Menschen dazu aufgefordert sind, soziale Kontakte zu begrenzen und zu Hause zu bleiben, können sie selbst bestimmen, wie viel Nachrichten sie konsumieren.

Wie wirkt sich soziale Isolation auf uns aus?

Wir wissen aus der Psychotherapieforschung, dass soziale Isolation ein Risikofaktor bei der Entwicklung von psychischen Krankheiten ist. Das bedeutet nicht, dass wir im Falle einer Ausgangssperre eine Angststörung, Depression oder Anpassungsstörung entwickeln, aber das Risiko ist höher, als wenn wir uns frei in einem stabilen sozialen Umfeld bewegen. Bindung und Kontrolle sind zwei wichtige Grundbedürfnisse des Menschen. Deshalb sollten die Menschen versuchen, über andere Kanäle Kontakt zu ihren Familien und engsten Freunden zu halten. Im Zeitalter der digitalen Medien, haben wir dazu ausreichend Möglichkeiten. Wir können miteinander telefonieren, Text- und Sprachnachrichten über das Smartphone versenden oder über E-Mails in Kontakt bleibt – selbst die Briefpost wäre eine Möglichkeit, den Kontakt und damit auch die Verbindung zu unseren Mitmenschen aufrechtzuerhalten.

Was gibt es für Möglichkeiten, um einen "Lagerkoller" zu vermeiden?

Wir müssen versuchen, auch in einer solchen Situation, in der wir uns vielleicht in unserer Freiheit eingeschränkt fühlen, de facto aber immer noch viele Freiheiten besitzen, Dinge zu finden, die für uns einen Mehrwert darstellen. In der Psychologie sprechen wir von „benefit finding“, als Antwort auf Stressfaktoren in unserem Leben. Man könnte Dinge tun, für die man im normalen Alltag bisher keine Zeit hatte, die man aber sonst immer im Hinterkopf hat, wie zum Beispiel den Keller auszumisten, den Garten zu pflegen, ein Buch zu lesen, Musik zu hören, zu meditieren oder einfach auch mal zu entspannen. In der Regel bedeutet eine Ausgangssperre nicht, dass man überhaupt nicht mehr das Haus verlassen darf. Außerdem ist es gesundheitsförderlich, wenn wir uns – im erlaubten Rahmen – weiterhin auch draußen an der frischen Luft bewegen. Das Wetter lädt derzeit wieder verstärkt dazu ein, die Sonne zeigt häufiger ihr Gesicht und die ersten Pflanzen beginnen zu blühen.

Wie können psychisch instabile Personen gegen die Angst in Zeiten von Corona ansteuern?

Ängste haben oft eine Dynamik, die uns gedanklich katastrophisieren und in die (unbekannte) Zukunft abschweifen lässt. Um von diesen Katastrophengedanken loszukommen, kann es hilfreich sein, sich aktiv immer wieder zurück ins Hier und Jetzt zu holen, zum Beispiel durch bewusste Wahrnehmung und Beobachtung des eigenen Atems oder durch Fokussierung auf die äußere Sinneswahrnehmung. Wichtig ist, dass man nicht versucht, die eigenen Ängste zu unterdrücken oder zu verdrängen. Oft hilft es, offen mit dem Partner oder Freunden darüber zu reden oder nur für sich, die eigenen Angstgedanken mal auf ein Blatt Papier aufzuschreiben, um sie besser loslassen zu können. Darüber hinaus können Dankbarkeit (für das, was man besitzt und was vielleicht gerade auch trotz allem gut läuft: Freundschaften, Solidarität der Menschen untereinander, Nahrung, ein Dach über dem Kopf etc.) und Entspannungsübungen hilfreich im Umgang mit der Angst sein. Menschen haben oftmals ein großes Repertoire an Ressourcen und Selbsthilfemöglichkeiten, dass sie sich nur in Erinnerung rufen müssen.

Wie lassen sich Hamsterkäufe psychologisch erklären?

Die Menschen versuchen ihre Angst im Umgang mit der aktuellen Corona-Pandemie durch Hamsterkäufe gewissermaßen zu umgehen. Derzeit ist alles in den Supermärkten besonders gefragt, was in irgendeiner Art und Weise das Infektionsrisiko verhindern könnte. Letztlich reagieren die Menschen auf eine – ihnen vielleicht gar nicht so richtig bewusste – Todesangst. Dabei überschätzen wir schnell das tatsächliche Risiko und unsere Handlungsentscheidungen werden irrational. Gleichzeitig wissen wir aus der Psychologie, dass Menschen zum einen stark am Modell anderer ihr Verhalten orientieren und lernen und zum anderen, dass Emotionen, wie zum Beispiel Angst, vom einen auf den anderen Menschen ansteckend sein können. Wenn dann also ein Teil der Menschen in ihrer aktuellen Angst und Unsicherheit plötzlich beginnt, Toilettenpapier oder Desinfektionsmittel zu horten, dann schaut ein anderer Teil der Menschen sich dieses Verhalten ab und/oder lässt sich durch die Angst der anderen anstecken. Das führt dazu, dass auch dieser Teil der Menschen plötzlich verstärkt Toilettenpapier und Desinfektionsmittel kauft. So versuchen die Menschen durch Hamsterkäufe ihre Ängste und das Stresserleben einzudämmen, um gefühlt wieder mehr Kontrolle über ihr Leben zu haben.

Auf der anderen Seite entstehen auch immer mehr solidarische Angebote, zum Beispiel Nachbarschaftshilfen. Inwieweit kann die Krise auch eine Chance sein? Und wie nachhaltig ist dieser Effekt?

Ich glaube, dass in der Corona-Krise auch eine Chance liegt und wir alle es gemeinsam in der Hand haben, positive Effekte für jeden Einzelnen, aber auch die Gesellschaft im Ganzen daraus zu generieren. Gesunde können für Hilfsbedürftige beispielsweise die Einkäufe übernehmen. Aber auch für die Umwelt scheint eine Chance in der Krise zu bestehen, denn Treibhausgasemissionen beginnen nachweislich zu sinken. Ob und inwieweit diese Effekte nachhaltig sind, bleibt abzuwarten. Für die Umwelt wird es vermutlich nur eine Verschnaufpause. Für das Miteinander der Menschen, kann es einen langandauernden positiven Effekt haben, wenn wir alle auch nach der hoffentlich bald überstandenen Pandemie im Austausch und Kontakt bleiben und dem Bindungsbedürfnis nachgehen.

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