Gesellschaft

Haushaltsauflöser bei der Arbeit: Was vom Leben übrig bleibt

Haushaltsauflöser Martin Berger

Foto: Verena Hallermann

Haushaltsauflöser Martin Berger

Saßmicke.   Martin Berger und sein Sohn Nico sind Haushaltsauflöser. Wir durften einen Blick in ihr Lager in Saßmicke werfen - und haben Spannendes entdeckt.

Hunderte Kristallgläser stehen vor den Fenstern. Fein säuberlich nebeneinander aufgereiht, lassen sie das Licht in unterschiedlichen Farben in den Raum fallen. Rote, blaue und gelbe Lichtstrahlen streifen den alten Flügel, die Vitrinen mit den Porzellanfiguren, die verschnörkelten Standuhren. „Immer wenn die Jungs ein solches Kristallglas finden, landet das hier“, erzählt Martin Berger. Er steht inmitten seines Lagers in Saßmicke, umgeben von Bildern, Kuckucksuhren, Broschen, Schränken, Truhen, Bücher. Der 62-Jährige ist professioneller Haushaltsauflöser. Er wird dann aktiv, wenn sich Menschen von ihren Besitztümern trennen müssen. Oder wollen. „Es ist schade, was die Menschen alles wegwerfen“, sagt er.

Gemäuer erzählen Geschichten

Martin Berger hat sich heute etwas Zeit genommen. Viel hat er davon nicht. Nahezu täglich räumt er mit seinem Team Häuser, Wohnungen, Fabrikhallen oder Büroräume leer. Vieles davon muss entsorgt werden. Manchmal nimmt Berger aber auch Gegenstände in Zahlung. „Dieser Schrank hier zum Beispiel stammt aus der Biedermeier-Zeit um 1800“, erzählt der dreifache Familienvater begeistert während einer kleinen Führung durch sein Lager in Saßmicke. „Oder dieser Steinweg-Flügel aus kanadischer Kiefer. Abba hat genau auf so einem Flügel gespielt.“ Berger kann zu jedem seiner Antiquitäten etwas sagen. Die Dinge einfach wegzuwerfen, das bringt er oft nicht übers Herz. Als gelernter Möbelschreiner und Restaurator gibt der Siegener den historischen Schätzen ein neues Antlitz.

Es ist oft ein trauriger Anlass, weshalb Menschen auf die Hilfe des Profis angewiesen sind. Manchmal ist ein Angehöriger gestorben, manchmal muss ein Elternteil in ein Seniorenheim. Eine schwierige Situation für die Betroffenen. Selbst das geerbte Domizil entrümpeln, kommt für viele nicht infrage. Einige überlassen den Profis die Schlüssel, wollen nicht mit ansehen, was mit den letzten Bruchstücken eines geliebten Lebens passiert. Behutsamkeit im Umgang mit den Menschen, da legt Berger viel Wert drauf. Dennoch gilt es, Abstand zu wahren. Um die Geschichten, nicht zu nah an sich ranzulassen. „Wir gehen da sehr routiniert dran“, erklärt Berger. „Ich erzähle meinem Team nicht die Geschichte, die dahinter steckt. Oft weiß ich sie auch nicht. Manchmal will ich sie auch gar nicht wissen.“

Dennoch bleibt dem zehnköpfigen Team bei ihrer Arbeit die Lebensgeschichte der Menschen oft nicht verborgen. Manch tragische oder auch traurige Ereignisse spiegeln sich in den Gemäuern wieder. Berger berichtet von einem Einsatz in einem frisch renovierten Haus, in dem ein Mann noch nicht lange mit seiner Familie gelebt hatte. Jede Tür war kaputt geschlagen. Auch Wohnungen, in denen ein Mensch tagelang leblos gelegen hatte, müssen mal leer geräumt werden. Aber das sind Ausnahmen.

Zum Einsatzgebiet gehören auch stark verwahrloste Behausungen. Sogenannte Messie-Häuser. Manchmal wenden sich die Vermieter hilfesuchend an Berger. Manchmal sind es aber die Bewohner selbst, die sich melden. „Das ist ein sensibles Thema“, macht der Profi deutlich. „Für die Menschen ist das mit einem unheimlichen Schamgefühl verbunden.“ 16 Tonnen hat er mal mit seinen Kollgen aus einer 80 Quadratmeter großen Wohnung geholt, erinnert er sich. Natürlich ist das belastend, stimmt Berger zu und erzählt von einem Einsatz an einem besonders heißen Tag. „Man riecht es“, erklärt Berger, der auch Sozialpädagogik studiert hat. „Die Profis riechen das schon draußen.“

Schätze vergangener Zeiten

Es gibt viele Gründe, warum Berger so fasziniert ist von seinem Beruf: Die vielen Leute, die er kennenlernt. Die Tatsache, dass er mit seiner Dienstleistung Menschen in schweren Zeiten unterstützt. Die historischen Schätze, die ihm hin und wieder in die Hände fallen. Mittlerweile verwahrt Martin Berger ein bemerkenswertes Sammelsurium besonderer Gegenstände. Darunter ein paar alte Tretautos, wie früher die reichen Kinder sie hatten.

Viele Dinge, die Berger auf seinen „Baustellen“ findet, bekommen einen neuen Besitzer. Manches wird auf Anfrage an Bedürftige gespendet. Doch nicht immer finden sich Menschen, die eine Verwendung in den Schätzen sehen. Sehr zum Bedauern von Berger. Denn selbst in seinem kleinen Museum in Saßmicke ist der Platz begrenzt.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik