Interview

Stadtarchivar Höffer: „Begriff stammt von WP-Redakteur“

Stadtarchivar Otto Höffer beschäftigt sich beruflich, aber auch privat seit vielen Jahren mit dem Attendorner Osterbrauchtum.

Stadtarchivar Otto Höffer beschäftigt sich beruflich, aber auch privat seit vielen Jahren mit dem Attendorner Osterbrauchtum.

Foto: martin droste

Attendorn.   Poorte, Poote oder doch Pote? Bei der richtigen Schreibweise gehen die Meinungen auseinander. Stadtarchivar Otto Höffer hat eine Theorie.

Das einzigartige Osterbrauchtum hat in Attendorn eine große Bedeutung und eine lange Tradition. Viele Hansestädter sind stolz, einer der vier Abteilungen des Gesamt-Osterfeuervereins anzugehören, die nach den ehemaligen Stadttoren benannt sind. Aber wenn es um die Schreibweise der Osterfeuervereinigungen aus dem Kölner Tor, Ennester Tor, Niedersten Tor und Wassertor geht, hört die Gemeinsamkeit schnell auf. Poorte, Poote oder Pote? „So, wie wir es schreiben, ist es richtig“, gibt es für den langjährigen Poskevatter „Hansel“ Gerbe keinen Zweifel. Deshalb: Kölner Poorte mit zwei „oo“ und „r“. Daran hatte schon sein Vor-Vorgänger, der legendäre Paul „Lehmann“ Hundt, keinen Zweifel gelassen. Das sehen die drei anderen Po(or)ten natürlich anders. Wir sprachen darüber mit dem Attendorner Stadtarchivar Otto Höffer.

Fast jede der vier Po(or)ten schreibt sich anders. Was ist der Hintergrund und gibt es überhaupt die eine richtige Schreibweise?

Otto Höffer: In den ältesten Unterlagen im Stadtarchiv wird ausschließlich von den einzelnen „Stadttoren“ gesprochen. Auch im ältesten Protokollbuch eines Osterfeuervereins, nämlich dem des Kölner Tores von 1922, wird vom „Osterfeuerverein Kölner Tor“ gesprochen. Es scheint so, dass der Gebrauch des plattdeutschen Begriffs „Po(or)te“ erst im Jahre 1949 entstanden ist. Während in der Januar-Ausgabe der Westfalenpost noch von den „Stadttoren“ die Rede war, ist im März 1949 erstmals von den „Porten“ die Rede. Da in dieser Zeit der WP-Redakteur Lüttecke seine Tätigkeit begann, scheint der Begriff „Porte“ von ihm eingeführt worden zu sein. Im plattdeutschen Wörterbuch von Toni Schulte (1987) werden zwei Schreibweisen erwähnt: „Poote“ und „Pote“.

Früher war die richtige Schreibweise für den einen oder anderen Poskebruder fast eine Glaubensfrage. Hat sich das inzwischen geändert?

Glaubensfragen gibt es im Osterbrauchtum viele: Wer hat die meisten Fleischwürste verzehrt? Wer hat das längste Osterkreuz? Welches Osterfeuer brannte zuerst bis in die Tannenspitze? Oder: Hast du etwa den Ostersemmel schon vor dem Segen angebissen? Ich glaube, solange es das Osterbrauchtum geben wird, wird man auch die eine oder andere Glaubensfrage stellen. Wichtig ist nur, dass die eigentliche Glaubensfrage, warum wir denn das Osterbrauchtum überhaupt praktizieren, nicht in Vergessenheit gerät.

Das Attendorner Osterbrauchtum ist wohl einzigartig. Wo liegen die Ursprünge?

Die Ursprünge des Osterbrauchtums liegen in den christlichen Traditionen der Osterliturgie. So ist der Brotsegen zu Ostern in der Liturgie der Kirche schon früh greifbar. In einer alten Agenda der Erzdiözese Köln, zu der Attendorn bis 1821 ja gehörte, ist schon 1614 der Brotsegen zur Osterzeit exakt mit dem Text abgedruckt, der auch heute noch vom Pastor bei der Semmelsegnung gesprochen wird. Auch das Osterfeuer hat in der Liturgie der Osternacht seinen Ursprung. So wurde jahrhundertelang die Osterkerze am geweihten Feuer vor der Kirche entzündet; dieses Feuer war aus den Funken aneinanderschlagender Steine entstanden. Diese Osterfeuer wurden später in vielen Formen verweltlicht, wobei in Attendorn der christliche Ursprung nach wie vor gegeben ist, da das Osterfeuer in Form eines Kreuzes abgebrannt wird, Zeichen des Sieges Christi über den Tod.

Gibt es in der Forschung über das Osterbrauchtum noch ungelöste Fragen?

Über die Form der Attendorner Ostersemmel ist viel geschrieben worden. Letztlich wissen wir aber immer noch nicht, welche Deutung denn nun richtig ist. Handelt es sich um die Form eines Fisches als Symbol für Christus? Letztlich werden wir es wohl nicht mehr nachweisen können, da die ältesten Quellen der Stadt beim großen Brand 1783 vernichtet wurden. Bislang war die älteste Mitteilung über das Ostersemmelsegnen aus dem Jahr 1658; inzwischen konnte ich bei meinen Forschungen im Fürstenberg-Archiv in alten Jahresrechnungen der Waldenburg das Wort „Pasche-Semmel“ (Ostersemmel) schon für das Jahr 1565 nachweisen. Die Forschung ist halt nie fertig. Und wer weiß, was nicht noch eines Tages entdeckt wird.

Wenn Sie im Urlaub jemandem das Attendorner Osterbrauchtum in drei bis vier Sätzen erklären
sollten, was würden Sie sagen?

Wenn du 1000 Leute zum Ostersemmelsegnen sehen willst, wenn du das Fällen von 30-Meter-Fichten ohne Motorsäge und den anschließenden motorlosen Transport zum Marktplatz erleben willst, wenn du das Aufrichten der 30-Meter Kreuze am Ostersonntag und deren Abrennen und die atemberaubenden Osterprozessionen zum Sauerländer Dom mitgehen willst, komm von Karsamstagmittag bis Ostersonntagnacht in unsere Hansestadt Attendorn.

Was ist für Sie und Ihre Familie der Höhepunkt? Worauf freuen Sie sich am meisten?

Für unsere Familie ist das gemeinsame Miterleben des Osterfeuers in unserer Poorte der Höhepunkt des Osterfestes. Ich selbst freue mich am meisten darauf, im proppenvollen Sauerländer Dom an der Orgel zu sitzen und das Traditionslied „Das Grab ist leer, der Held erwacht“ mit allen Registern zu intonieren.

Stimmt es, dass vor vielen, vielen Jahren einige Attendorner beim
illegalen Schlagen der Fichtenstämme erwischt wurden und im Gefängnis landeten?

Wie es die vierte Strophe des plattdeutschen Poskeliedes sagt, fand dieses Ereignis 1879 statt. Das war aber kein Einzelfall, wir haben im Fürstenberg-Archiv schon Gerichtsakten von 1741, in denen nachzulesen ist, dass die Attendorner wegen Holzfrevel zu Ostern in den Schnellenberger Waldungen bestraft wurden.

Das Osterbrauchtum wird in vielen Familien von einer Generation auf die nächste weitergegeben. Wie sehen Sie die Zukunft dieser
einzigartigen Tradition?

In unserer Familie habe ich das als Kind selbst erleben dürfen und später meinen Söhnen das Brauchtum auch weitergegeben. Gott sei dank brauchen wir uns in Attendorn, was den Nachwuchs im Osterbrauchtum angeht, momentan keine Sorgen machen. Das liegt vielleicht auch an der besonderen Einzigartigkeit dieses Brauchtums. Wir müssen aber aufpassen, dass das Brauchtum auch in möglichst reiner Form weitergegeben wird. Dabei dürfen wir den christlichen Ursprung nicht vergessen. Ostern in Attendorn ist kein Event und darf auch keines werden. Dann, so glaube ich fest, hat das Osterbrauchtum auch eine Zukunft.

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