Gewalt

Täter mit „Opferklau“ überraschen

Wer ein Gewaltdelikt beobachtet, sollte möglichst schnell die 110 wählen und die Polizei informieren. Diese gibt dann weitere Anweisungen.

Wer ein Gewaltdelikt beobachtet, sollte möglichst schnell die 110 wählen und die Polizei informieren. Diese gibt dann weitere Anweisungen.

Foto: Polizei

Kreis Olpe.   Polizei-Experte Michael Klein gibt Tipps, wie man sich in Gewaltsituationen verhalten sollte. Vom Einsatz von Pfefferspray rät er ab.

Es ist 15 Jahre her, als eine jugendliche Bande die Menschen im Kreis Olpe in Angst und Schrecken versetzte. Opfer waren meist wehrlose Ältere und angetrunkene Kneipengänger, die bei Dunkelheit plötzlich brutalst attackiert wurden. „Als ich am Boden lag, haben sie mit meinem Kopf Fußball gespielt“, hatte damals ein Rentner bei der späteren Verhandlung vor dem Siegener Landgericht gesagt. Solche brutalen Bandenüberfälle nachts auf den Straßen hat es seitdem zwar nicht mehr gegeben im Kreis Olpe, doch die Angst, Opfer von Gewalt zu werden, ist bei vielen Menschen immer präsent. Zwar lebt es sich im Kreis Olpe recht sicher, doch eine Zahl aus der Kriminalitätsstatistik schreckt auf: Gab es in 2017 noch 165 gefährliche Körperverletzungen, so waren es im vergangenen Jahr 205 Delikte. Das bedeutet eine Steigerung um 40 Fälle.

Wie erklärt sich die Olper Polizei diesen Anstieg? „Wir können das nicht begründen. Die Zahlen entsprechen jedoch dem Landestrend“, sagt Sprecher Michael Klein. Bundesweit seien die gefährlichen und schweren Körperverletzung von 2007 bis 2014 teilweise stark zurückgegangen. Danach stiegen sie wieder an: „Die Entwicklung der Fallzahlen im Kreis Olpe ist ähnlich.“

Elf der zusätzlichen 40 Gewaltdelikte haben sich im öffentlichen Raum abgespielt. Außerdem enthalten sind in der Steigerung Fälle von häuslicher Gewalt. „Die Anzahl der Raubüberfälle im öffentlichen Raum im Kreis Olpe ist übrigens seit 2009 von 18 Fällen auf vier gesunken“, so Klein.

Öffentlichkeit suchen

Die Zahlen sind das eine, die subjektive Empfindung der Menschen das andere. Spätestens seit den Übergriffen, Diebstählen und sexuellen Übergriffen in der Kölner Silvesternacht 2015/16 gibt es auch bei vielen Bürgerinnen und Bürgern im Kreis Olpe eine erhöhte Verunsicherung. Gewalttaten im öffentlichen Raum wirken sich negativ auf das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung aus. Rüpeleien, Schlägereien und bisweilen gar extreme Brutalität machen Angst. „Gewalt klug begegnen“, ist die Devise, die sich Michael Klein auf die Fahnen geschrieben hat. Der Polizeihauptkommissar ist Experte auf diesem Gebiet, betont aber im Gespräch mit unserer Zeitung: „Es gibt keine Patentrezepte.“

Was mache ich, wenn ich verfolgt werde? Grundsätzlich gilt laut Klein: „Wenn ich merke, da ist jemand hinter mir her, dann suche ich die Öffentlichkeit. Gut ist auch, zu Mehrfamilienhäusern zu gehen und die Klingelleiste zu betätigen. Man muss andere Menschen gezielt ansprechen, nicht fragen ‘Könnten Sie mir mal helfen?’, sondern ‘Sie in dem roten Pullover, helfen Sie mir bitte’.“ So schnell wie möglich sollte der Verfolgte zum Smartphone greifen und die 110 wählen. Die Polizei gibt dann weitere Anweisungen. Man kann auch so tun, als ob man sprechen würde: „Wenn man laut sagt, da ist jemand hinter mit her, kann das abschreckend wirken.“

Auch bei einem Angriff gilt laut Klein: „Öffentlichkeit herstellen durch lautes Schreien und andere Personen gezielt ansprechen und sie auffordern zu helfen.“ Es müsse nicht jeder helfen und sich in Gefahr begeben, doch Hilfe holen könne jeder: „Das kann ich erwarten.“ Oberstes Gebot sei aber, eine Eigengefährdung auszuschließen.

Ein gutes Mittel ist auch der „Opferklau“, so Michael Klein: „Üblicherweise packe ich den Täter an, um die Parteien zu trennen. Dann eskaliert oftmals die Situation. Für den Täter völlig überraschend ist es aber, wenn man das Opfer aus der Szene herauszieht und mit diesem flieht.“

Gar nichts hält die Polizei vom Einsatz von Pfefferspray, um sich zu wehren. „Man muss mit der Spraydose handlungsfähig sein, Wind, Abstand berücksichtigen, es richtig herum halten, die Abdeckkappe abziehen und in der Lage sein, jemandem ins Gesicht zu sprühen. Dies ist in Stresssituationen oft schwierig umzusetzen“, so Klein. Es könne auch sein, dass es bei Kontrahenten unter Alkohol- oder Drogeneinfluss nicht wirkt. Neben Pfefferspray sind für die Polizei auch Schreckschusswaffen keine Option: „Jedem muss bewusst sein, welche Gefahren dahinter stecken.“

Trillerpfeife ist wirksam

Verteidigen sollte man sich laut Klein mit anderen Gegenständen. Als Schlagwaffe könne zum Beispiel ein Smartphone dienen. Und auch die gute alte Trillerpfeife wird, gerade für Frauen, immer noch empfohlen: „Das setzt aber voraus, dass ich sie in der Hand habe und nicht in der Handtasche, wenn ich unterwegs bin.“ Ein Schlüssel und ein Kugelschreiber können in extremen Situationen die Rettung sein. „Ich muss damit dahin stechen, wo es richtig weh tut, in den Kopfbereich oder ins Auge. Das gilt allerdings nur in einer Notsituation, wenn es um mein Leben geht. Das sollte ich nicht tun, wenn ich nur blöd angemacht werde“, betont Michael Klein.

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