Mutmacher-Serie

Valeska Knoblauch aus Olpe: Profi-Sportlerin im Rollstuhl

Valeska Knoblauch sitzt im Rollstuhl. Trotz eines Schicksalsschlages in der Kindheit hat sie ihren Mut nie verloren.

Valeska Knoblauch sitzt im Rollstuhl. Trotz eines Schicksalsschlages in der Kindheit hat sie ihren Mut nie verloren.

Foto: Verena Hallermann

Olpe.  Valeska Knoblauch stürzt als Kind aus dem Fenster. Seitdem sitzt sie im Rollstuhl und spielt Para-Badminton auf Weltniveau. Sie hat große Pläne.

Was bedeutet eigentlich Schicksal? Valeska Knoblauch sitzt in ihrem Rollstuhl in der Küche ihres Elternhauses in Olpe und denkt darüber nach. Ist es Schicksal, als kleines Mädchen, die Fähigkeit zu laufen zu verlieren? Der Blick der 29-Jährigen schweift ab. Sie erinnert sich an den Tag des Unfalls.

Als sie sich auf die Fensterbank in ihrem Klassenzimmer setzt, nicht bemerkt, dass das Fenster geöffnet ist. Sie erinnert sich an den Sturz, den Schmerz. Doch das ist lange her. Ein Lächeln liegt auf ihren Lippen. Denn die junge Frau ist längst erfolgreiche Para-Badminton-Spielerin. „Ich habe keinen Tag daran gedacht, aufzugeben“, sagt sie. „Ich bin glücklich und habe etwas gefunden, was mir Spaß macht.“

Freunde sind Freunde geblieben

Es ist der 21. September 2004. Ein Dienstag. Genauer gesagt, der Geburtstag von Valeska Knoblauch. Sie wird heute 14 Jahre alt. Ein fröhliches Mädchen, das gerne mit Freunden unterwegs ist, gute Noten hat und total auf Tanzen steht, am liebsten Hip Hop.

Eine Doppelstunde Rudern steht zunächst auf dem Stundenplan. Dann geht es in den Klassenraum. In der Fünf-Minuten-Pause schwingt sie sich auf die Fensterbank. Wie so häufig. Doch dieses Mal ist es anders. Valeska sieht nicht, dass das Fenster offen ist. „Wir hatten so große Schiebefenster“, erzählt die junge Frau, die mittlerweile in Köln Psychologie studiert. „Und da saßen auch schon einige. Aber an einer Stelle war das Fenster offen.“ Das Mädchen stürzt etwa drei Meter tief, landet auf der Wirbelsäule. Krankenhaus. CT. Flug nach Bochum in die Spezialklinik. Operation. Querschnittslähmung. Reha. Vier Monate vergehen.

„Am Anfang ist das natürlich ein Schock“, sagt Valeska Knoblauch. „Aber ich habe auch erst nicht wirklich verstanden, was das bedeutet. Ich wollte nur nach Hause in dem Moment, ich wollte, dass alles so ist wie vorher.“

Doch es ist nicht mehr wie vorher. Valeska Knoblauch sitzt im Rollstuhl. In ihrem Elternhaus in Olpe wird alles umgebaut. Ein Lift muss her. Aber sie ist nicht alleine, ihre Familie ist an ihrer Seite. Und auch ihre Freunde. Das junge Mädchen geht wenige Tage nach der Reha wieder in die Schule, in ihre alte Klasse. Viele ihrer Kameraden haben sie im Krankenhaus besucht, regelmäßig sogar. Doch andere sieht sie nach dem Unfall das erste Mal. Eine schwierige Situation. „Die ganzen Blicke waren schon hart am Anfang“, sagt sie. „Aber das verging echt schnell. Das Wichtigste war, Freunde sind Freunde geblieben.“

Optimistisch in die Zukunft

Heute denkt Valeska Knoblauch kaum an damals. Dass sie nicht laufen kann, ist schon längst kein Thema mehr. Gut, an ihrem Geburtstag wird sie unweigerlich daran erinnert, aber insgesamt hat die junge Frau nie ihren Mut verloren. „Am Anfang gab es schon ein paar Depri-Tage“, weiß die 29-Jährige noch. „Aber das ist seit Jahren vorbei. Ich schaue optimistisch in die Zukunft.“

Und dafür hat die junge Frau auch viele Gründe. Denn sie hat längst den Zugang zum Behindertensport gefunden, spielt Badminton auf Weltniveau, sammelt eine Medaille nach der anderen. Irland, Kanada, Uganda, Dubai, Türkei, Thailand, China – und das sind nur die Länder, die sie in diesem Jahr für internationale Turniere besucht.

Die Erfolgsgeschichte beginnt im Jahr 2006. Valeska Knoblauch besucht die Messe Rehacare. Dort werden umgebaute Autos oder die neuesten Rollstühle präsentiert. Vor der Halle, in der Sportarten angeboten werden, wird die Olperin angesprochen. Es ist der RBG Dortmund, für den Valeska Knoblauch knapp zwei Jahre später spielen wird. Ob sie es nicht auch mal probieren wolle, Badminton zu spielen, fragt man sie. Das Mädchen versucht es – wenn auch zunächst ein bisschen widerwillig. „Es hat mir mehr Spaß gemacht, als ich mir damals eingestehen wollte“, erinnert sich die Sportlerin und lacht. Auf der Rehacare sagt man ihr bereits, sie habe Talent – damals nimmt sie das noch nicht ernst.

Mehr als nur Freundschaft

Doch das ändert sich. Spätestens als sie im RBG Dortmund die Menschen kennenlernt. Valeska Knoblauch wird Teil des Vereins, wird Teil der „big family“, wie sie sagt. Es ist dieses Miteinander, was ihr gefällt. Ein Hobby, das ihr ermöglicht, sich mit anderen auszutauschen. Ein Hobby, das ihr zeigt, dass auch andere ihr Leben ganz normal weiterleben. Young-Chin Mi ist auch neu. Sie spielen zusammen, freunden sich an. Heute sind sie ein Paar. Und das nun schon seit sieben Jahren. „Ich war mal kurz für mein Studium in Berlin“, erzählt sie. „Da haben wir gemerkt, dass es mehr als Freundschaft ist.“

Dass aus einem Hobby mal „etwas Größeres“ werden könnte, das hätte sie nicht gedacht. Etliche Medaillen hat sie gewonnen, darunter eine Gold-Medaille bei einem internationalen Turnier in Irland 2018 oder die Weltmeisterschaft in Südkorea 2017, wo sie das Viertelfinale erreicht. Die Liste ist lang. Doch was machen diese Erfolge mit der jungen Frau? Valeska Knoblauch ist bescheiden. „Ich mache einfach mein Ding“, sagt sie und lächelt. „Ich bin dankbar, dass ich die Möglichkeit und die Freiheit habe, zu machen, worauf ich Bock habe.“

Das große Ziel: Olympia in Tokio

Die Paralympics in Tokio 2020 sind das nächste Ziel. Das größte in ihrer bisherigen Karriere. Denn Para Badminton gehört erstmals zum Programm der Paralympics. Und Valeska Knoblauch will dabei sein. Sie will den Schläger genauso treffsicher und selbstbewusst mit der Hand führen, wie sie es immer getan hat. Mit ihrem Freund an ihrer Seite, ihrer Familie, ihren Vereinskollegen.

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st es also Schicksal, als kleines Mädchen, die Fähigkeit zu laufen zu verlieren? Valeska Knoblauch hat den Wendepunkt in ihrem Leben jedenfalls als Chance begriffen, hat niemals den Mut verloren. „Natürlich hätte ich ohne den Unfall ein anderes Leben“, sagt die junge Sportlerin. „Aber ich bin auf jeden Fall ein glücklicher Mensch.“

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