Bücherei

40 Jahre: Feierabend für Christa Volkmann

Über Jahrzehnte hinweg saß Christa Volkmann an diesem Schreibtisch in der Stadtbücherei Letmathe. Wer künftig dort Platz nimmt, ist noch offen.

Foto: Oliver Bergmann

Über Jahrzehnte hinweg saß Christa Volkmann an diesem Schreibtisch in der Stadtbücherei Letmathe. Wer künftig dort Platz nimmt, ist noch offen. Foto: Oliver Bergmann

Letmathe.   Die gebürtige Leipzigerin hielt die Bücherei in Haus Letmathe auf Erfolgskurs.Jetzt hat sie sich in den Ruhestand verabschiedet.

Die Letmather Außenstelle der Stadtbücherei in Haus Letmathe kannte bisher nur eine Leiterin: Christa Volkmann. Nach 40 Jahren im Dienst der Stadt Iserlohn ist die 64-Jährige in den Ruhestand gegangen. Für die Heimatzeitung blickt sie auf diese lange Zeit zurück.

Frau Diplom-Bibliothekarin Christa Volkmann, war das ihr Berufswunsch?

Nein, ich hatte gar keinen Berufswunsch. Ich wusste vielmehr was ich nicht werden wollte, und zwar Lehrerin. Mein Vater war Lehrer, meine Schwester war Lehrerin und wir hatten noch weitere in der Familie.

Und wie sind Sie dann geworden, was Sie sind?

Eine Tante lebte damals in Köln und dort gab es ein Fachinstitut, wo man das studieren konnte. Sie hatte mir dann Unterlagen zugeschickt und ich dachte: Das mache ich.

Von welchen Jahr reden wir?

1973, ich weiß, ich war spät dran. Alle anderen, mit denen ich Abitur gemacht hatte, waren gerade mal 18 und ich schon 20. Ich bin aber nie sitzen geblieben. Der Altersunterschied lag daran, dass wir aus der DDR geflüchtet sind, und ich erst mit sieben Jahren eingeschult worden bin.

Wo liegen denn Ihre Wurzeln?

Ich bin in Leipzig geboren, wie alle anderen aus meiner Familie. Ein Jahr vor dem Mauerbau sind wir geflüchtet. Zuerst meine Mutter, meine Schwester und ich. Mein Vater ist wenig später nachgekommen. Er nutzte einen Zughalt in West-Berlin und einen Moment der Unaufmerksamkeit der Volkspolizisten, die im Zug darauf aufpassen sollten, dass im Westen kein DDR-Bürger aussteigt. Das war keine einfache Zeit für uns. Ich erinnere mich noch gut daran, wie mir meine Mutter an meinem siebten Geburtstag erklärte, dass wir nicht mehr zurück können. Aber drüben war doch meine liebe Omi. Als die ersten Reiseerleichterungen für Rentner kamen, hat sie uns dann besucht.

Gab es einen Grund für die Flucht?

Ja, mein Vater wollte nicht, dass seine Kinder in der DDR zur Schule gehen. Auch im Kindergarten bin ich nie gewesen. Rüber sind wir dann nur mit dem Nötigsten. Vielleicht kann ich deshalb auch die aktuellen Flüchtlingsschicksale so gut verstehen. Wir lebten damals in Witten, dort habe ich auch das Abitur gemacht. Und ich glaube auch, dass diese Erfahrungen damit zusammenhängen, dass ich kein Heimatgefühl habe. Nicht zu Leipzig und auch nicht zu Letmathe.

Wie sind Sie denn dann hierhin gekommen?

Ich hatte mich nach dem Studium einfach beworben und dann auch diese Stelle bekommen. 1977 bin ich dazugestoßen. Die Stadt Iserlohn hatte gerade die Letmather Bücherei übernommen. Die war damals noch in einem Fachwerkhaus an der Kolpingstraße untergebracht. Die decken waren niedrig, die Zimmer dunkel und die Gänge zwischen den Regalen unglaublich eng. Hildegard Schloten hatte damals dort gearbeitet, sie hat aber nur Bücher ausgeliehen und zurückgenommen. Aber die Stadt war damals schon der Meinung, dass die Bücherei ausgebaut und unter fachliche Leitung gestellt werden müsse. Und dann bin ich mit meinen 24 Jahren gekommen.

Wie frisch sind Ihre Erinnerungen an die Anfangszeit noch?

Ganz frisch. Ich bekam von Ruth Schwinge, die damals die Bücherei Iserlohn geleitet hatte, einen unglaublichen Vertrauensvorschuss. Sie gab mir Geld und damit sind Hilde Schloten und ich nach Hagen gefahren und haben unsere Bücherei eingerichtet und bestückt. Am 2. Dezember 1978 ist die Bücherei ja dann ins Haus Letmathe umgezogen. Wir hatten 12 000 Bücher im Bestand, davon waren 8000 nagelneu.

Und die nächsten 40 Jahre sind dann einfach so dahingeplätschert?

Na ja, wie man’s nimmt. Es ist ja ein ruhiger Beruf – im wahrsten Sinne des Wortes. Kinder wurden anfangs noch ermahnt, wenn sie etwas zu laut gesprochen haben. Das hat sich natürlich geändert, auch durch die Eröffnung der Kinderbücherei im Jahr 1985. Über die Jahre haben wir die Ausleihen gesteigert, aber der Bestand ist auch größer geworden. Die Bücherei verfügt jetzt etwa über 20 000 Medien. Eine große Veränderung war 1995 die Einführung der EDV und im Jahr 2000 bekamen wir Internet.

Sind denn Veränderungen von ähnlich bedeutender Tragweite in Sicht?

Wahrscheinlich wird das Angebot an Videospielen weiter wachsen. Gleichzeitig geht die Nutzung des klassischen Buches zurück. Und die Onleihe führt dazu, dass Besucher fernbleiben. Aber: Wir haben auch Leser, die wegen der Onleihe eine Zeit lang weggeblieben sind, dann aber wieder zurückgekommen sind. Das elektronische Buch wird das klassische Buch nicht ersetzen. Jedenfalls nicht in absehbarer Zeit.

Das alles ist für Sie jetzt vorbei. Ist der Eintritt in den Ruhestand nicht wie ein Sprung ins kalte Wasser?

Tja, wahrscheinlich wird das so kommen. Ich habe generell große Probleme damit, mich von Dingen zu trennen. Aber wenn ich weg bin, dann bin ich eben weg. Darauf muss ich mich gut vorbereiten. Veränderungen an sich sind ja auch nicht schlecht, erst recht nicht nach 40 Jahren. Gut ist, dass jemand mit anderer Sichtweise, anderer Herangehensweise kommt. Ich glaube schon, dass ich etwas betriebsblind geworden bin.

Ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass die Bücherei wie ein Kind für Sie ist.

Auch die muss man loslassen, erst recht, wenn sie schon 40 sind (lacht). Darf ich noch etwas loswerden?

Natürlich...

Ich muss auch mal sagen, dass Letmathe eine Bücherei ist, die extrem selbstständig arbeiten darf, sie wurde nie nur so nebenbei von Iserlohn mitversorgt. Das war Frau Schloten damals schon wichtig, und ihren Nachfolgern ebenfalls. Wir wurden nie zu etwas aufgefordert oder gezwungen. Das ist bemerkenswert. „Bücherei Letmathe“, also ohne den Zusatz der Zweigstelle, ist dadurch auch zu meinem Sprachgebrauch geworden.

Haben Sie sich für Ihren Ruhestand etwas vorgenommen?

Erstmal zuhause aufräumen. Ich bin nämlich eigentlich ein chaotischer Mensch. Die Ordnung hier auf meinem Schreibtisch ist schwer erarbeitet. Ich möchte runterkommen, richtig Abstand gewinnen und erstmal für eine Weile in der Versenkung verschwinden. Und ich möchte alte Freundschaften neu beleben und mich mit meiner Familiengeschichte beschäftigen. Da gibt es noch viel zu suchen, zu finden und zu entdecken. Und wenn mein Mann in einem Jahr ebenfalls in Rente geht, wollen wir reisen, auf jeden Fall geht es nach Australien.

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