Politik

Affront gegen den „Bahnsteig 42“

Werden auch in Zukunft stolz auf ihren Arbeitsplatz sein können: Andrea Scholz, Leiterin des Cafés „Bahnsteig 42“ und Oliver Brintrup, einer ihrer Mitarbeiter.

Foto: Oliver Bergmann

Werden auch in Zukunft stolz auf ihren Arbeitsplatz sein können: Andrea Scholz, Leiterin des Cafés „Bahnsteig 42“ und Oliver Brintrup, einer ihrer Mitarbeiter. Foto: Oliver Bergmann

Iserlohn/Letmathe.   Sozialausschuss-Mitglied übt Kritik an „untätigen Servicekräften“. Letztlich wurde der benötigte Mietzuschuss für das laufende Jahr bewilligt.

Ein kräftiger Gegenwind blies Helmut Baumhardt, dem Vertreter der Unabhängigen Wählergemeinschaft (UWG) und der Piraten, am Mittwoch im Sozialausschuss ins Gesicht. Unter dem Tagesordnungspunkt „Mietzuschuss für das Inklusions-Café Bahnsteig 42“ ergriff er das Wort und erntete mit seinem Beitrag völliges Unverständnis der anwesenden Ausschussmitglieder. Nicht nur ihm, so äußerte er sich, sondern auch seinen Bekannten und weiteren Mitgliedern der beiden Fraktionen sei bei Besuchen des Inklusions-Cafés aufgefallen, dass sich von den etwa zehn anwesenden Servicekräften nur ein Teil um die Besucher kümmere, während der Rest untätig herumstehe. Baumhardt schlug vor, nach Möglichkeiten zu suchen, um das Personal zu beschäftigen, damit der Leerlauf reduziert wird.

Handicap erfordert einen behutsamen Umgang

Diese Äußerung stieß auf massive Kritik bei den Ausschussmitgliedern der anderen Fraktionen und auch bei den sachkundigen Bürgern. Übergreifend berichteten sie von durchweg guten Erfahrungen, die sie mit dem Inklusionsprojekt im Letmather Bahnhof gemacht haben. Katrin Brenner, die Erste Beigeordnete der Stadt Iserlohn, die das Inklusions-Projekt seitens der Stadt mitbegleitet hat, meldete sich zu Wort und erinnerte daran, dass es sich bei den Servicekräften um Menschen mit Handicap handele, für die diese Arbeit eine große Motivation bedeutet, um ihrem Leben eine bessere Perspektive zu geben. Das Handicap fordere oftmals einen behutsamen Umgang mit diesen Menschen.

Die Kritik nahm Baumhardt zum Anlass, seine Aussage zu relativieren. Er habe nicht die Absicht gehabt, mit seiner Aussage das Inklusions-Projekt zu diskreditieren, denn auch er finde die dort geleistete Arbeit bemerkenswert. Er warb dafür, die Verwaltung solle ausloten, ob beim „Bahnsteig 42“ grundsätzlich eine städtische Unterstützung gewünscht sei, um den Service zu straffen. Auf viel Beifall stieß der Vorschlag eines Ausschussmitgliedes, das Team des „Bahnsteig 42“ für die nächste Sitzung einzuladen, um über die Arbeit vor Ort zu berichten. Mit großer Mehrheit sprach sich der Ausschuss dafür aus, dem Inklusions-Café „Bahnsteig 42“ einen Zuschuss in Höhe von 542,30 Euro zu gewähren, das sind rund 6500 Euro für das laufende Jahr.

Die Miete beträgt für die Räumlichkeiten im Erdgeschoss des Bahnhofs monatlich 1927,50 Euro sowie 250 Euro für das Außengelände. Durch den Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) wird ein Zuschuss von monatlich 102,20 Euro je Beschäftigten gewährt. Zu Beginn waren zwölf Arbeitsplätze vorgesehen. 2016 wurden durchschnittlich 14 Arbeitsplätze besetzt. Für dieses Jahr sind bereits 16 Arbeitsplätze vorgesehen und bis 2018 plant der Träger, die Iserlohner Werkstätten der Diakonie Mark-Ruhr bis zu 20 Arbeitsplätze für Menschen mit Handicap bereit zu stellen. „Erreichen wir die 20 Mitarbeiter, dann arbeiten wir kostendeckend und brauchen keinen Mietzuschuss mehr“, erklärte Manfred Ossenberg, Geschäftsführer der Iserlohner Werkstätten. Der LWL-Zuschuss pro Beschäftigten macht’s möglich. Sollte der Betrieb eines Tages sogar einen Überschuss abwerfen, dürfte sich die Stadt Iserlohn über einen Bonus freuen.

2016 wurde der Zuschussbetrag unter Berücksichtigung des geänderten LWL-Zuschusses bei 14 besetzten Arbeitsplätzen bereits auf rund 9000 Euro verringert. Aufgrund der anfänglichen Investitionen ist der Betrieb des Inklusions-Cafés „Bahnsteig 42“ trotz des LWL-Zuschusses noch nicht kostendeckend möglich. Der Träger bat daher für das Jahr 2017 noch einmal darum, den Fehlbetrag zwischen Miete und Zuschuss des LWL in voller Höhe auszugleichen. Ab 2018 sollen neue Gespräche geführt werden, um die wirtschaftliche Entwicklung des Projektes bei der Zuschusshöhe zu berücksichtigen.

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