Historisches

Als die Kreisbahn noch fuhr, war alles besser – oder?

Die Iserlohner Kreisbahn beförderte nicht nur Personen, sondern auch Frachtgut auf der Schmalspur.

Die Iserlohner Kreisbahn beförderte nicht nur Personen, sondern auch Frachtgut auf der Schmalspur.

Foto: Archiv / IKZ

Letmathe.  Ehemalige Mitarbeiter der Iserlohner Kreisbahn schwelgen in Erinnerungen – auch über weniger schöne können sie heute lachen.

Das waren noch Zeiten, als Bahnfahrer und Kontrolleure schicke dunkle Uniformen trugen – je nach Arbeitsbereich unterschied sich die Farbe ihrer samtenen Schulterklappen. Stolz zeigt Gunther Knöppel ein Foto, das er immer in der Brieftasche bei sich trägt. Es erinnert den 89-Jährigen an die schönsten Jahre seines Lebens, wie der Iserlohner sagt.

Knöppel hat 44 Jahre in der Verwaltung der Iserlohner Kreisbahn gearbeitet, die mit ihren Bahnen und Bussen von 1900 an Menschen rund um Iserlohn, Letmathe und Hemer mobil machte. 1964 endete der Bahnbetrieb und die „IK“ wurde mit einem Streckennetz von 800 Kilometern als reiner Busbetrieb weitergeführt, 1975 erfolgte die Fusion zur Märkischen Verkehrsgesellschaft MVG. Die Schmalspurbahn hat in den Erinnerungen vieler Iserlohner einen festen Platz und auch die ehemaligen Beschäftigten denken gerne an ihre Zeit als Kreisbahner zurück.

Manche der früheren Berufe gibt es nicht mehr

Beim Treffen im Letmather Haus Höynck gibt es viel zu erzählen – über Altersgrenzen hinweg. Die jüngsten Besucher sind Mitte 60, Paul Stute ist mit 90 Jahren einer der Ältesten. Wie viele andere hat auch der rüstige Rentner sein ganzes Arbeitsleben bei der Iserlohner Kreisbahn verbracht und in dieser Zeit in verschiedenen Bereichen gearbeitet. Er erzählt: „Es war üblich, dass man als Techniker in der Montage anfing, später dann auch Bahnen oder Busse fuhr.“ Paul Stute hatte als sogenannter „Bremser“ eine besonders verantwortungsvolle Aufgabe: Bremser kamen zum Einsatz, wenn Güterwaggons auf der Schmalspur transportiert wurden und die Strecke Gefälle aufwies.

Bernd Blöcher (64) aus Dröschede hat 48 Jahre für die IK beziehungsweise MVG gearbeitet und erinnert sich besonders gerne an die Betriebsportmannschaften. „Wir haben gegen viele Mannschaften aus der Region gespielt. Ich finde es schade, dass es das heute nicht mehr gibt. Es hat den Zusammenhalt unter den Kollegen gefördert“, sagt er und zeigt ein altes Foto von jungen Männern mit Schnäuzern und 70er-Jahre-Trainingsanzügen. Ob Lauftraining oder Fußball: Blöcher war immer vorne mit dabei, und stolz „seine“ Kreisbahn auf dem Platz vertreten zu dürfen.

Der Zusammenhalt sei früher unter Kollegen besser gewesen als in der heutigen Zeit, sind sich alle einig. Alfred „Fredi“ Müller erinnert sich: „Wir waren vier bis fünf Ehepaare, die sich nach Feierabend getroffen haben. Das war eine schöne Gemeinschaft.“ Im Haus Höynck haben auch die Frauen viel zu erzählen. Renate Curti ist eine von Ihnen. 1971 kam sie zur Kreisbahn und hat in der Verwaltung gelernt. „Wie es sich für eine Frau damals eben gehörte“, sagt sie und lacht. Aber die heute 66-Jährige hatte einen Traum: Sie wollte die großen Busse fahren. „1976 habe ich den Busführerschein gemacht, das ging damals erst mit 23 Jahren“, berichtet sie. Auf der Straße sei es anfangs schon noch zu einigen lustigen Begegnungen gekommen, erinnert sie sich. „Mancher musste zweimal hingucken, aber dann haben sich alle daran gewöhnt.“ Bis auf jene ältere Dame, die Renate Curti einmal im Bus von Menden nach Hemer mitnehmen wollte: „Sie hat mich gefragt: ,Sind Sie eine Frau?‘ Als ich das bejaht habe, ist sie wieder ausgestiegen. Sie fahre lieber mit einem männlichen Kollegen, meinte sie nur.“

Renate Curti ist überzeugt, dass es im Straßenverkehr früher weniger stressig zuging. „Das Aggressionspotential war nicht so groß wie heute und die Menschen haben mehr Rücksicht aufeinander genommen“, sagt sie und erntet Zustimmung in der Runde. Die Fahrgäste seien auch pfleglicher mit den Bahnen und Bussen umgegangen.

„Einmal ist es mir zu dumm geworden und ich bin aufgestanden und habe einen Jugendlichen aufgefordert, einen Sitzplatz für eine ältere Dame freizumachen“, erinnert sich die 66-jährige Eberhard Matthä – das sei dann prompt und ohne Widerworte geschehen. Andere Anekdoten sind skurril, wie die von einem Busfahrer, der einst in Altena vergessen hatte die Handbremse anzuziehen und mit seinem Gefährt in der Lenne landete. Im Nachhinein wird auch über folgendes Erlebnis gelacht: Eine Dame bekam beim Umsteigen ein Gespräch unter Busfahrern mit „Damals gab es noch den sogenannten offenen Funk und jeder konnte mithören. Mein Kollege hat mir gefunkt, dass gleich eine Frau mit kräftigeren Beinen bei mir einsteigt. Das Problem: Die Dame stand schon neben mir . . .“

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