Historisches

Als Schüler noch Kohlen schaufeln mussten

Das Lehrerkollegium der katholischen Westschule um 1900. Ein Teil der Namen ist wie folgt überliefert, stehend v. li.: 1. Theo Schmale, 4. Pfarrer Klagges, 5. Franz Bahne, 6. Franz Bathe, sitzend v. li.: 2. Auguste Redder, 3. Therese Schulte, 4. „Fräulein“ Röhrig.

Das Lehrerkollegium der katholischen Westschule um 1900. Ein Teil der Namen ist wie folgt überliefert, stehend v. li.: 1. Theo Schmale, 4. Pfarrer Klagges, 5. Franz Bahne, 6. Franz Bathe, sitzend v. li.: 2. Auguste Redder, 3. Therese Schulte, 4. „Fräulein“ Röhrig.

Foto: Geschichtskreis Letmathe

Letmathe.  Lernen im früheren Letmathe, Folge 1: Von der Einführung der Schulpflicht bis zum Mädchenturnen (1717-1913).

Sommerferien: für routinierte Schüler die schönste Zeit des Jahres. Die Kleinen dürften es kaum erwarten können, Ende August endlich ihre Schultüte zu bekommen. Was heute selbstverständlich ist, sogar Pflicht, war früher ein Privileg: Bildung. Der Letmather Geschichtskreis recherchiert diesen Teil der lokalen Historie und hat bei einem Vortrag vor einiger Zeit die bisherigen Erkenntnisse zusammengetragen. „Wir sind bis zum Zweiten Weltkrieg gekommen und arbeiten uns derzeit von dort Richtung Gegenwart vor“, sagt Patrick Dornhoff zum Stand der Bemühungen.

Die erste schriftliche Erwähnung eines Lehramts im „Dorf Letmathe“ stammt aus dem Jahr 1711, die allgemeine Schulpflicht führt das Königreich Preußen 1717 ein. In dieser Zeit gibt es in Letmathe eine Dorfschule für Kinder aller Altersgruppen. Schwerpunkt des nur im Winter erteilten Unterrichts sind Bibel und Katechismus. Die Schulaufsicht obliegt dem Pfarrer, Lehrer waren oft Küster oder Organisten, in deren Wohnung häufig auch unterrichtet wurde. Das ändert sich 1785, als der Vorstand der katholischen Kirchengemeinde (eine evangelische gibt es noch nicht) beschließt, über der Sakristei der alten Kirche ein Schulzimmer einzurichten. Für den Umbau nimmt der Schreiner 119 bergische Taler, der Maurer 64 Taler.

Als erster unterrichtet dort Zacharias Hetzel (1785-1810), Organist und Küster. 1825 sind es 160 Kinder – wie das logistisch mit einem Klassenzimmer bewerkstelligt wurde, ist nicht überliefert. 1831 lässt die Gemeinde auf dem südlichen Kirchengrundstück ein Schulhaus mit zwei Unterrichtsräumen bauen, die Kinder werden in eine Ober- und eine Unterklasse aufgeteilt, 1845 entsteht außerdem eine Mittelklasse.

Die Kinder beider Konfessionen werden gemeinsam beschult, bis die Kaufmannsfamilie Ebbinghaus zusammen mit dem Gustav-Adolf-Verein eine eigene evangelische Volksschule errichten lässt. Statt ein neues Gebäude zu bauen, wird eine Scheune des Gutsbesitzers Bockelühr aus Bürenbruch für 260 Taler erworben und auf ein Grundstück gegenüber der ehemaligen Gaststätte „Höhle“ versetzt.

Antrag auf Lineale zieht längere Beratung nach sich

Antrag auf Lineale zieht längere Beratung nach sichHeutige Debatten über schlechte Ausstattung von Schulen wären den Letmathern dieser Zeit sicherlich dekadent erschienen: 1847 beantragt der Lehrer Arnold Vecht für die evangelische Schule ein großes Lineal für die Tafel und ein dutzend kleine für die Schiefertäfelchen der Schüler. Ein Wunsch, der erst nach „gründlicher Beratung“ bewilligt wird. König Friederich-Wilhelm IV. schenkt der Schule eine Bibel, 1852 stiftet der Fabrikant Karl Dietsch ein Glöckchen, mit dem die Kinder zum Unterricht gerufen werden.

Hausmeister, aus dem heutigen Schulalltag nicht wegzudenken, gab es lange nicht – 1858 schaufeln die Jungs an der katholischen Schule Kohlen für den Ofen, die Mädchen müssen putzen. Bis zu diesem Jahr werden beide gemeinsam unterrichtet, zumindest in der Oberklasse der katholischen Schule werden nun die Geschlechter getrennt. Da die Zahl der Schüler beider Konfessionen wächst, sattelt die katholische Gemeinde 1861 zunächst ein Stockwerk mit zwei Zimmern auf, 1874 wird die katholische Knabenschule an der Oeger Straße eingeweiht

Für die Protestanten wird 1869 ein größeres Schulgebäude an der Von-der-Kuhlen-Straße gebaut. Nachhaltig: Die bisher genutzte Scheune aus Bürenbruch findet eine Drittverwendung als Werkstatt. Schreinermeister Wilhelm Mickenbecker baut es nach dem Kauf auf seinem Grundstück an der Oeger Straße wieder auf. Zum ersten Pastor der neuen evangelischen Gemeinde wird 1875 Julius von der Kuhlen gewählt, in Ermangelung einer eigenen Kirche finden die Gottesdienste zunächst in einem der Klassenzimmer statt. Auch Julius von der Kuhlen wohn in der Schule. Die erste evangelische Kirche wird 1877 eingeweiht, in diesem Jahr wird bei den Katholiken das Amt des Organisten von dem des Lehrers getrennt.

Bis 1906 entstehen zwei weitere Volksschulen und eine Mittelschule, die ev. Schüler werden inzwischen in sechs Klassen unterrichtet. 1912/13 wird ein Novum eingeführt: Mädchenturnen. (Fortsetzung folgt)

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