Kilianskirmes

Altes und Neues behaupten sich

Letmathe.  Während manche Schausteller auf Nostalgie setzen, andere gehen neue Wege.

„Der Sommer ist nicht unbedingt die beste Jahreszeit für Schausteller. Oft ist es entweder zu warm oder zu nass.“ Damit sollte der Autoscooter-Inhaber Rudolf „Rudi“ Isken (75) Recht behalten, denn nach den idealen klimatischen Bedingungen zur Eröffnung am Freitag verschlechterten sich die Prognosen zum Samstag hin, bis der Deutsche Wetterdienst sogar eine Unwetterwarnung für die Region herausgab. Heftige Schauer und die Gefahr von Blitzschlägen (ein Wohnhaus in der Nähe des Geländes wurde tatsächlich getroffen) hielten viele Besucher fern, auch wenn der Betrieb zum Abend hin, als sich das Wetter beruhigte, schon wieder Fahrt aufnahm. Am Sonntag lockten Sonnenschein und trockene Witterung viele Familien nach Letmathe, so dass die Schausteller wieder auf ein einträgliches Wochenende hoffen durften.

Kirmeskunden sind nicht einfach zu beglücken, weiß der 23-jährige Mike Nier aus Kassel – seine Familie lebt seit sieben Generationen davon, dieses Ziel zu erreichen, in der Saison von April bis November jede Woche in einer anderen Stadt. „Wir hatten immer Fahrgeschäfte, auch mal ein Riesenrad, etwas kleiner als das hier“, berichtet er und deutet auf das benachbarte Fahrgeschäft der Familie Sperlich.

Die Niers sind mit einer Neuheit auf der Kilianskirmes, dem Laufgeschäft „Kaleidoskop“, das den Zeitgeist einfängt: Steampunk ist das Thema für Fassade, Kostüme und einen Teil des Innenraums. Diese Strömung aus den letzten Jahren verbindet technische Visionen à la Jules Verne mit Mode aus der viktorianischen Epoche. „Den Vorschlag habe ich gemacht, als ich mit meinem Vater abends mit einer Flasche Bacardi zusammensaß. Erst fragte er nur: ,Was ist das?’ – ich habe es ihm erklärt und konnte ihn am Ende überzeugen.“

Gesagt, getan: Mit einem gebrauchten Laufgeschäft als Grundlage baute die Familie in einem zweimonatigen Kraftakt die neue Attraktion zusammen. „Die Leute wollen immer etwas Neues, bevorzugen aber doch das Bekannte. Man muss sie erst überzeugen“, erklärt Mike Nier. Die Bereitschaft zur Umstellung hat seitens der Schausteller auch mit Personalmangel zu tun, einem wachsenden Problem in der Branche, das im Vorfeld der Kirmes für die Absage von drei Attraktionen gesorgt hatte.

Laufgeschäft ist wesentlich pflegeleichter zu betreiben

Das „Kaleidoskop“ bietet einen Parkour über 80 Meter mit Effekten, die durch polarisierte Brillen verstärkt werden. Das ganze Laufgeschäft passt auf zwei Transporter, drei Mitarbeiten reichen aus, um es aufzubauen und zu betreiben. „Im Vergleich zu unserem alten ist das wie Urlaub“, flachst der Inhaber. Wenn die Kirmes voll ist, laufen er oder einer seiner beiden Mitarbeiter kostümiert über den Platz, stilecht mit Zylinder, und locken Kunden mit klassischer Bühnenzauberei.

Als Versuchskaninchen stehen an diesem Samstagvormittag die rund 20 Teilnehmer der Backstage-Tour bereit, die sich mit einer Mischung aus Neugier und Skepsis in den dunklen Eingang bugsieren lassen. Heraus kommen wenig später – strahlende Kunden. „Das war cool, viele Lichteffekte und optische Täuschungen. An einer Stelle hat es sich angefühlt, als würde ich das Gleichgewicht verlieren. Für Kinder ist das bestimmt genau das Richtige“, meint Susanna Younnes aus Letmathe.

Mit seinem „Nostalgie-Riesenrad“ ist Enrico Sperlich aus Lutherstadt Wittenberg Traditionalist. „Wir sind Schausteller in der fünften Generation, meine Eltern waren Artisten. Ich wäre in Rumänien fast im Zirkuszelt geboren“, berichtet der 52-Jährige. 30 Meter hoch, knapp eine Million Euro in der Anschaffung, zum Transport sind neben zwei normalen Lastwagen noch ein Schwertransporter erforderlich – sein Fahrgeschäft ist nicht gerade pflegeleicht. Aber: noch lohnt es sich. Seine Frau und seine Söhne helfen aus, auch die Freundin von Kevin (28) hat sich vor zwei Jahren dazu entschlossen, mit einzusteigen. Eine Vorzugsbehandlung genießt bei der Backstagetour der jüngste Teilnehmer, der achtjährige Jan: Er darf im Führerhaus eine Nachricht auf die LED-Leiste schreiben, den Geschwindigkeitsregler drehen und am Ende sogar mit dem Hauptschalter den Strom abdrehen. Sein Fazit: „Das war gut.“

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