Prozessauftakt

Bäckerei-Prozess Letmathe – 19-Jährige sollte ewig schweigen

Justizbeamte geleiten die 48-jährige Claudia K. aus Hemer zur Verhandlung. Im November soll die Bäckereiverkäuferin versucht haben eine 19-jährige Kollegin  aus Altena mit einem Messer für immer zum Schweigen zu bringen.

Justizbeamte geleiten die 48-jährige Claudia K. aus Hemer zur Verhandlung. Im November soll die Bäckereiverkäuferin versucht haben eine 19-jährige Kollegin aus Altena mit einem Messer für immer zum Schweigen zu bringen.

Foto: Alexander Barth / IKZ

Letmathe/Hagen.  Sie habe Efeu stutzen wollen, soll die Angeklagte im Bäckerei-Prozess erklärt haben. Für weniger als 2000 Euro soll sie beinahe gemordet haben.

Zusammengesunken sitzt Claudia K. am Freitagmorgen auf der Anklagebank im Saal 201 des Hagener Landgerichts. Justizbeamte haben die 48-Jährige gerade hereingebracht – in Handschellen, weil der Weg von den Zellen der weiblichen Häftlinge über den Flur führt. Die Vorwürfe gegen die Bäckereiverkäuferin aus Hemer wiegen schwer: Am 18. November 2019 soll die frühere Leiterin der Büsch-Filiale an der Hagener Straße einer 19-jährigen Kollegin ein Fleischermesser in den Bauch gerammt und diese lebensgefährlich verletzt haben. Wochenlang lag die junge Frau aus Altena auf der Intensivstation und kämpfte mit dem Tod, inzwischen wird sie zu Hause von ihren Eltern versorgt.

Die Staatsanwaltschaft wirft Claudia K. vor, einen heimtückischen Mord geplant zu haben, der eine weitere Straftat verdecken sollte: Die 48-Jährige soll sich im November zweimal an den Tageseinnahmen der Bäckerei vergriffen haben, um, davon geht die Anklage aus, ihre Gläubiger bedienen zu können – infolge einer Glücksspielsucht soll sie einen beträchtlichen Schuldenberg angehäuft haben. Durch Manipulation der Dienstpläne und eine gefälschte Unterschrift soll die Filialleiterin versucht haben, den Diebstahl der jüngeren Angestellten anzulasten.

Ein Fall, der klingt wie aus einem Kriminalroman

Das genügte Claudia K. allerdings nicht, ist die Staatsanwaltschaft überzeugt: Um auszuschließen, dass ihre Kollegin bei späteren Ermittlungen zu dem unterschlagenen Geld ihre Unschuld beteuert und sie selbst als Verdächtige ins Visier gerät, soll sie beschlossen haben, die 19-Jährige für immer zum Schweigen zu bringen. Wie eine Geschichte aus einem Kriminalroman klingt der Fall spätestens angesichts der Ereignisse nach der blutigen Tat. Denn die junge Frau fällt im Krankenhaus ins Koma und kann Claudia K. nicht widersprechen, die zunächst mehr oder minder glaubwürdig versichert, es habe sich um einen tragischen Unfall gehandelt. Zeugen und Sanitäter berichten der Polizei jedoch, dass die schwer verletzte junge Frau vor ihrem langen Dämmerschlaf ihre Angreiferin noch beschuldigt haben soll.

Anhand der Anklageschrift und der Angaben von fünf Polizeibeamten, die zum Prozessauftakt als Zeugen ausgesagt haben, lässt sich der Ablauf der Geschehnisse vorläufig rekonstruieren. Am Montagmorgen des 18. November hat Claudia K. demnach bereits zum zweiten Mal die Tageseinnahmen eingesteckt, statt sie zur späteren Abholung durch ein Sicherheitsunternehmen in den Safe einzulagern. Ihre Beute: insgesamt nicht einmal 2000 Euro. Die Abrechnung für beide Tage hat sie gemeinsam mit der 19-Jährigen angefertigt – die junge Frau arbeitet erst seit zwei Monaten in der Filiale. Als fleißig und hilfsbereit wird ihr Vater sie später beschreiben, stets bemüht, ihrer Vorgesetzten alles recht zu machen. Es gibt Hinweise darauf, dass es mit dem Betriebsklima in der Filiale nicht zum Besten stand, Claudia K. soll zuvor in rascher Folge von einer Zweigstelle der Bäckereikette zur nächsten „durchgereicht“ worden sein und Druck durch erhebliche Arbeitsbelastung an ihre Kollegen weitergegeben haben.

Unter dem Vorwand, dort aufräumen zu wollen, lockt die 48-Jährige ihre Kollegin gegen 9 Uhr in einen kleinen Abstellraum auf der ersten Etage, eine steile Treppe führt zu dem früheren Gemeinschafts-WC. Dabei führt sie verdeckt ein 20 Zentimeter langes Fleischermesser bei sich. Oben angekommen, verkündet sie unvermittelt „Es tut mir leid“ und rammt der 19-Jährigen die Waffe in den Unterleib. Die Klinge dringt bis zur Wirbelsäule ein und verursacht schwere innere Verletzungen. Der jungen Frau gelingt es Claudia K. beiseite zu stoßen und sich hilferufend in den Verkaufsraum zu schleppen. Dort anwesende Kunden wählen den Notruf.

Blutige Tat in 100 Metern Luftlinie von der Polizeiwache

Ein Zeuge, der am Freitag noch nicht gehört wurde, soll berichtet haben, dass die 19-Jährige dabei schon versuchte auf das Verbrechen aufmerksam zu machen, das sich in vielleicht 100 Metern Luftlinie Entfernung von der Letmather Polizeiwache ereignete. Zwei Beamte, 45 und 24 Jahre, rennen am Montagmorgen quer über die Straße und sind als Erste am Tatort. „Die Angeklagte leistete der Geschädigten augenscheinlich Erste Hilfe und drückte einen Lappen auf die Wunde“, berichtet der jüngere später vor Gericht. Die 48-Jährige habe zittrig gewirkt und so, als stünde sie unter Schock. Die Polizisten helfen bei der Versorgung der Verletzten, bis der Notarzt eintrifft und fordern Verstärkung an, die bald aus Iserlohn eintrifft. In einem Waschbecken in der Abstellkammer stellt der 45-Jährige die Tatwaffe sicher. „Die Beschuldigte weinte fortwährend und betonte vehement, das Ganze sei ein entsetzlicher Unfall gewesen“, sagt er später als Zeuge aus. Mit dem Messer habe sie Efeu zurückschneiden wollen, das an der Wand wuchert – in zwei Metern Höhe, wie der Beamte anmerkt: „Auf mich wirkte die Gesamtsituation daher etwas unglaubwürdig.“

Als Sanitäter melden, dass das Opfer im Krankenwagen seine Angreiferin beschuldigt habe, fährt eine 37-jährige Beamtin der Polizei Iserlohn mit einem 22-jährigen Kollegen ins Krankenhaus, wo die aufgelöste Claudia K. ein Beruhigungsmittel verabreicht bekommt. „Warum sollte ich das tun, dazu habe ich doch keinen Grund“, zitiert die ältere Beamtin die Reaktion der Angeklagten auf die Vorwürfe. Die 48-Jährige muss ihre Kleidung, Schuhe und ihr Mobiltelefon zur Beweissicherung aushändigen. Ihrem Sohn, der neue Kleidung von zu Hause bringt, begegnen die Polizisten kurz im Krankenhausflur – seine Mutter sei schon länger in einer schwierigen Situation, habe dieser gesagt. Die 25-jährige Tochter der Angeklagten ist am Freitag als Zeugin geladen, macht jedoch von ihrem Recht Gebrauch, nicht gegen ihre Verwandte auszusagen.

Die Festnahme war wohl keine echte Überraschung

Zwei Beamtinnen der Kriminalpolizei, 52 und 22 Jahre alt, nehmen Claudia K. gegen Mittag fest. Auf die Belehrung über die Vorwürfe gegen sie habe die Angeklagte „erstaunlich verhalten“ reagiert, berichtet erstere später als Zeugin. „Als hätte sie gewusst, was passieren würde“, ergänzt ihre jüngere Kollegin später. Im Gerichtssaal wirkt die 48-Jährige überaus nervös. Vorerst werde sich seine Mandantin nicht selbst im Prozess äußern, so Strafverteidiger Martin Düerkop. Die 48-Jährige wirkt äußerlich völlig unauffällig: Bürgerliche Kleidung, modische Brille, schlichte Ohrringe, die braunen Haare zum Pferdeschwanz gebundenen. Eine rötliche Tönung scheint in der Untersuchungshaft zur Hälfte herausgewachsen zu sein. Die brutale Attacke, von der die Staatsanwaltschaft ausgeht, ist mit dem Äußeren und dem Auftreten der mehrfachen Mutter, deren Ehe geschieden ist, nur schwer in Einklang zu bringen.

Im Zuschauerraum sitzt der 56-jährige Vater des Opfers. Der Handwerker versteht seit der Tat die Welt nicht mehr. „Warum?“, fragt er immer wieder im Gespräch mit unserer Zeitung, sichtlich fassungslos: „Meine Tochter ist ein gutes Mädchen, sie liebt Tiere und würde keiner Fliege etwas zuleide tun.“ Im Prozess hofft die Familie, die sich durch einen Kölner Anwalt in der Nebenklage vertreten lässt, auf Aufklärung, eine Strafe mit Abschreckungswirkung und Schmerzensgeld, dessen Höhe noch nicht zu beziffern ist – ebenso wenig wie die langfristigen gesundheitlichen Folgen für das 19-jährige Opfer.

Das Gericht hat weitere acht Verhandlungstage anberaumt. Der Prozess wird fortgesetzt am Dienstag, 9. Juni, um 9.30 Uhr.

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