Junge Christen

Bibelspruch als Konversationsstarter beim Cocktailtrinken

Lukas, Sofia, Michael und Viola (vorne v. li.) genießen ebenso wie die anderen den Austausch im formlosen Rahmen im R-Café.

Lukas, Sofia, Michael und Viola (vorne v. li.) genießen ebenso wie die anderen den Austausch im formlosen Rahmen im R-Café.

Foto: Alexander Barth / IKZ

Letmathe.  Was junge Christen in Letmathe und Iserlohn bewegt, zeigt ein Besuch beim zweiten Termin des Projekts „Gute N8cht“ des Erzbistum Paderborns.

Jede Woche in den Gottesdienst der Heimatgemeinde – das kommt in der jüngeren Generation nur noch selten vor. Die Förmlichkeit schreckt so manchen ab, und wer in einer anderen Stadt studiert oder eine Ausbildung macht, kann das oftmals zeitlich oder finanziell gar nicht leisten. Eine Gruppe junger Mitarbeiter aus den Pastoralverbünden Letmathe und Iserlohn bemüht sich wie berichtet im Rahmen des Projekts „Gute N8cht” des Erzbistums Paderborn, altersgemäße Freizeitangebote als Basis für ein Miteinander im Glauben zu etablieren. Den Auftakt mit zunächst nur einer Handvoll Besuchern machte Anfang des Jahres ein „Retro-Zockerabend“, bei dem der freundschaftliche Wettstreit in diversen Computerspielen auf dem Programm stand. Am Samstagabend hat sich mit rund 20 Teilnehmern bei der zweiten Auflage schon eine deutlich größere Runde eingefunden.

Trotz bewusster Unverbindlichkeit der Verabredung im R-Café macht niemand von der (Un-)Sitte Gebrauch, zum Cocktailabend erst drei Stunden später einzutrudeln; gegen 21 Uhr ist es längst so voll, dass die Stühle knapp geworden sind. Ein wenig Platz ist noch an dem Tischende, wo Lukas (25) und Viola (24) aus Iserlohn, Michael (35) aus Letmathe und Sofia (23) aus Hennen strohhalmschlürfend ins Gespräch vertieft sind. Wer dafür nicht sofort den passenden Einstieg findet, braucht nur einen Blick auf sein Glas zu werfen, denn an den Holzstäbchen kleben nicht nur Palmwedel aus Glanzpapier, sondern auch Fähnchen mit Bibelsprüchen, etwa: „Alles ist erlaubt, aber nicht alles nützt.“

Lukas und Viola sind seit vier Jahren ein Paar und, wie sich bald herausstellt, gar nicht katholisch, sondern evangelisch. „Als wir das in der Zeitung gesehen haben, wollten wir trotzdem hingehen“, erklärt Lukas. An den beiden Quotenprotestanten stört sich hier niemand, im Gegenteil: „Das ist doch heute völlig normal, egal, was der Papst sagt. Die Kirche muss sich schneller anpassen“, findet Michael und erntet allgemeine Zustimmung.

Was Sofia zur Konvertierungbewogen hat, interessiert alle

Einerlei ist den jungen Erwachsenen ihre Konfession jedoch keineswegs, Sofia ist sogar konvertiert – ihre Geschichte darüber sorgt für große Neugier bei den Tischnachbarn. „Ich bin evangelisch aufgewachsen und hatte früher viele Vorurteile. Dass bei Katholiken alles irgendwie mit Zwang ist und so etwas“, gesteht sie. Persönlicher Kontakt mit Vertretern der anderen Konfession und die reichere Liturgie trugen dazu bei, dass sie schließlich die Seiten wechselte. „Ich hatte vorher keine Ahnung, wie das funktioniert. Es gab eine Menge Formalitäten“, berichtet sie. Neu getauft worden sei sie aber nicht: „Das geht nicht, die Taufe ist unwiderruflich“, hat sie gelernt. Im Vorfeld habe sie Bedenken gehabt, was ihre Familie wohl sagen würde, sei dann aber positiv überrascht von der Toleranz und Unterstützung gewesen.

Sofia studiert auf Lehramt in Dortmund, Michael arbeitet bei einer Stahlfirma in Hemer, Lukas und Viola sind in Lüdenscheid im sozialpädagogischen Bereich tätig. „Liebe und Gemeinschaft“, sagt Viola nach kurzem Grübeln zu der Frage, was der Glaube für sie persönlich bedeutet. „Gemeinschaft würde ich auch sagen“, meint ihr Freund Lukas und ergänzt: „Für mich ist Glaube ein Kompass, der mir hilft, meinem Leben einen Sinn zu geben.“ Sofia bekundet, das sei schwer in Worte zu fassen, findet aber doch welche: „Gott ist in allem Lebendigen. Wenn man darauf achtet, kann man es spüren.“ Sehr spirituell, kommentiert Viola und bringt damit Anerkennung zum Ausdruck. Als Michael an der Reihe ist, lächelt er und braucht nur ein Wort für seine Antwort: „Frieden.“

Lebenspläne und Sinnfragengemeinsam besser reflektieren

Haben die vier schon mal an ihrem Glauben gezweifelt? „Jeden Tag!“, entgegnet Lukas prompt und lacht. Es entspinnt sich eine Erörterung Jahrhunderte alter Fragen, etwa: Wenn Gott gütig und allmächtig ist, warum gibt es dann so viel menschliches Leid auf der Welt? „Wenn es gar nichts Schlechtes gäbe, könnte man das Gute gar nicht erkennen“, lautet ein Ansatz in der Runde. Sofia ist überzeugt, dass man keine rationale Antwort auf solche Fragen erwarten dürfe: „Das versteht nur Gott, wir sind Menschen und können das nicht.“

Nach der nächsten Getränkerunde – der Bischof spendiert jedem die ersten beiden Cocktails – wendet sich das Gespräch praktischeren Lebensentscheidungen zu, die gleichwohl für die jungen Leute alles andere als einfach sind. Michael weiß zum Beispiel, wie es sich anfühlt, arbeitslos zu werden: „Ich war früher mal Maler und Lackierer, und in dem Bereich ist es nicht mehr so einfach heute.“ Seinen Branchenwechsel hat er nicht bereut. Sofia sehnt sich nach Kindern, Familie ist für sie „das Allerwichtigste“. Aber erst will sie mindestens noch den Berufseinstieg schaffen. „Und dann ist man ganz schnell über 30, für Frauen ist das schwierig heute.“ Lukas grübelt oft darüber, wie er den Jugendlichen, mit denen er arbeitet, zu noch mehr Selbstbewusstsein verhelfen kann.

Der Abend zieht sich noch lange hin und die Themen kreisen nicht nur um tiefschürfende Fragen. Die Stimmung ist gelöst bis ausgelassen. Von den Besuchern an den anderen Tischen hebt sich die Runde auf den ersten Blick nicht ab. Es sind die inneren Werte, auf die es hier ankommt.

Das nächste Treffen am Sonntag, 8. März, um 20 Uhr steht unter dem Zeichen des Weltfrauentags und bleibt daher weiblichen Besuchern vorbehalten: Zum „Mädelsabend auf der Yogamatte“ geht es ins Yogastudio an der Von-der-Kuhlen-Straße 36. Um Anmeldung per E-Mail bis Samstag, 1. März an guten8cht@pviserlohn.de wird gebeten.

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