Geschichte

Dechenhöhle wechselte Besitzer für 500 Taler

Dr. Stefan Niggemann weiß noch genau, welchen Platz die Sammeldose am Haupteingang zur Dechenhöhle ursprünglich gehabt hat.

Foto: Oliver Bergmann

Dr. Stefan Niggemann weiß noch genau, welchen Platz die Sammeldose am Haupteingang zur Dechenhöhle ursprünglich gehabt hat. Foto: Oliver Bergmann

Letmathe.   Die wichtigsten Eckdaten der Geschichte der Dechenhöhle, deren Entdeckung sich in diesem Jahr zum 150. Mal jährt, dürfte vielen Iserlohnern wohlbekannt sein. Häufig stößt man auf die Bahn-Arbeiter, denen ein Werkzeug in die damals noch unbekannte Höhle gefallen war. Und viele werden auch wissen, dass sie lange Zeit der Deutschen Bundesbahn gehörte. Aber: 1868 gab es noch keine Bundesbahn – geschweige denn einen einheitlichen deutschen Staat. Die Fragen, wem damals das Grundstück gehörte, wofür es genutzt wurde und wie es dort damals wohl ausgesehen haben mag, werden nicht häufig gestellt. Dabei handelt es sich um ein interessantes heimatgeschichtliches Kapitel, das die Letmatherin Barbara Herzig beinahe auswendig kennt.

Die wichtigsten Eckdaten der Geschichte der Dechenhöhle, deren Entdeckung sich in diesem Jahr zum 150. Mal jährt, dürfte vielen Iserlohnern wohlbekannt sein. Häufig stößt man auf die Bahn-Arbeiter, denen ein Werkzeug in die damals noch unbekannte Höhle gefallen war. Und viele werden auch wissen, dass sie lange Zeit der Deutschen Bundesbahn gehörte. Aber: 1868 gab es noch keine Bundesbahn – geschweige denn einen einheitlichen deutschen Staat. Die Fragen, wem damals das Grundstück gehörte, wofür es genutzt wurde und wie es dort damals wohl ausgesehen haben mag, werden nicht häufig gestellt. Dabei handelt es sich um ein interessantes heimatgeschichtliches Kapitel, das die Letmatherin Barbara Herzig beinahe auswendig kennt.

Sie ist die Ururenkelin des damaligen Grundstücksbesitzers Heinrich-Diedrich Theile, einem Drahtzieher aus der Grüne, und trug bis zu ihrer Hochzeit selbst diesen Nachnamen. „Mein Vater hat mir eines Tages diese Geschichte erzählt“, erklärt die Nachfahrin. Sie besitzt heute noch eine Kopie der „Sammlung von wichtigen Vertragsverhältnissen der Bergisch-Märkischen Eisenbahn“ und des Vertrages zum Verkauf der Dechenhöhle.

Alle Rechte an der Höhle für alle Zeit abgetreten

Die Eisenbahngesellschaft spannte damals ein engmaschiges Schienennetz durch die Region – inklusive der Ruhr-Sieg-Strecke und des Abschnitts nach Iserlohn. In den 1880er Jahren wurde die Gesellschaft verstaatlicht und ist damit eine Vorläuferin der späteren Bundesbahn. Die Rechte über die Dechenhöhle sicherte sich die Bergisch-Märkische Eisenbahn noch im Jahr ihrer Entdeckung. Der in feinster Sütterlin-Handschrift aufgesetzte Vertrag stammt von Oktober 1868. Die Theiles unterschrieben am 26. des Monats, die Bahn fünf Tage später. Für 500 Taler, damals noch mit „Th“ geschrieben, trat die Familie Theile „alle ihnen (...) zustehenden Rechte ohne jeden Vorbehalt und für alle Zeit ab“.

Festgehalten wurde dies in den ersten beiden von drei Paragrafen. Der dritte Paragraf erhält unter anderem diesen Passus: „Die Eisenbahn-Gesellschaft verpflichtet sich, an den herzustellenden Eingängen zu der Höhle eine Büchse zur Sammlung von Gaben für die Rheinische Missionsgesellschaft zu Elberfeld anzubringen und den Inhalt derselben an die genannte Missions-Gesellschaft vierteljährlich auszuhändigen.“ Barbara Herzig: „Ich weiß noch, dass sich meine Großtante Luise um die Leerung der Büchse gekümmert hat.“ Zu den Aufgaben der Rheinischen Mission, die 1971 in der noch heute bestehenden Vereinten Evangelischen Missionsgesellschaft aufging, gehörte die klassische Missionsarbeit. Ein Schwerpunktgebiet war das damalige Deutsch-Südwestafrika. Heute existiert auf diesem Gebiet der Staat Namibia. „Dort lebt ein Onkel von mir“, erzählt Barbara Herzig.

Ob es einen Zusammenhang gibt? Das ist eine von vielen offenen Fragen. Unklar ist auch, ob der Original-Vertrag noch in Familienbesitz ist. „Unsere Familie ist weit verzweigt“, sagt sie. „Aber die Sammelbüchse gibt es noch, die steht irgendwo bei Dr. Stefan Niggemann.“ Der Höhlenleiter musste auch gar nicht lange suchen, als die Heimatzeitung nach dem alten Schätzchen fragte. Sie besteht aus schwarzem Metall, hat einen Schlitz für Münzen – oder Banknoten – und trägt in weißen Großbuchstaben die Aufschrift „Für die Rheinische Mission“.

Gesichert ist sie mit einem Vorhängeschloss, das seine besten Tage auch schon hinter sich hat. „Leider wissen wir nicht, wo der Schlüssel ist oder ob es ihn noch gibt“, sagte Niggemann am Donnerstagmorgen. Schade, denn in der Büchse klimperte es geheimnisvoll. „Es bringt auch nichts, sie zu schütteln. Ein Blech verhindert, dass der Inhalt durch den Schlitz herausfallen kann.“ Etwas gedankenverloren rüttelte Niggemann nochmals leicht und kaum hörbar an dem Schloss – und hatte plötzlich den Bügel geöffnet. Mit großen Augen schaute er zu Rasmus Dreyer, dem ebenfalls anwesenden Technischen Direktor der Höhle, herüber. Der erwiderte Niggemanns verdutzten Blick. Etwas Ernüchterung machte sich breit, als sich die beiden den Inhalt ansahen. Mehrere Pfennig-Stücke mit einem Gesamtwert von 2,06 D-Mark befand sich darin, teils mit Münzen, die erst 1989 geprägt wurden. Nochmal zum Thema Geld: Wie viel waren 500 Taler im Jahr 1868 wert? Das ist die Frage, die sich auch Barbara Herzig schon häufig gestellt hat.

13 200 Euro? Dieser Wert ist mit Vorsicht zu genießen

Iserlohns Stadtarchivar Rico Quaschny empfahl einen Besuch auf den Internetseiten der Bundesbank. Dort findet sich eine Tabelle mit der Bezeichnung „Kaufkraftäquivalente historischer Beträge in deutschen Währungen“. Von 1810, als 40 Taler etwa dem Wert eines Euro im Jahr 2017 entsprachen, bis 2017 selbst, als ein Euro wenig überraschend den Wert eines Euro hatte, ist jedes Jahr aufgelistet. Für 1868 ist der Wert 26,4 angegeben. Umgerechnet hat Heinrich Diedrich Theile also etwa 13 200 Euro für das Grundstück, unter dem die Dechenhöhle liegt, bekommen. Ohne zu wissen, wie hoch damals die Lebenshaltungskosten gewesen sind, was also damals ein Ei, ein Brot, ein Schwein oder ein paar Schuhe gekostet haben, lässt sich mit dieser Summe allerdings nicht viel anfangen.

Wenn Barbara Herzig heute das Grundstück ihrer Ururgroßeltern besucht, zahlt sie übrigens Eintritt wie alle anderen auch. „Natürlich mache ich das. Ich habe auch nie irgendwelche Versuche unternommen, das zu ändern.“

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