Strumtief „Sabine“

Der Tag danach in Letmathe – Arbeit, Kosten und viel Ärger

Familie Geitmann räumt in ihrem Waldstück auf der Grürmannsheide auf.

Familie Geitmann räumt in ihrem Waldstück auf der Grürmannsheide auf.

Foto: Alexander Barth / IKZ

Letmathe.  Letmathe räumt auf nach Sturmtief „Sabine“. Zwei Häuser wurden von Bäumen getroffen. An der Feuerwehr gibt es auch Kritik.

Es hätte viel schlimmer kommen können – mit dieser Einschätzung sind sich Fachleute in der Region einig, nachdem das Sturmtief „Sabine“ vor allem in der Nacht auf Montag auch über die Letmather Ortsteile hinweggezogen ist. Auf einer Skala von eins bis zehn sei „Sabine“ mit dem Wert fünf einzuordnen, der Orkan „Kyrill“ im Jahr 2007 im Vergleich dazu mit dem Wert neun, sagte Regionalforstamtsleiter Jörg Hevendehl am Montag in Interviews.

Verletzte sind nicht zu beklagen, der Schaden an den von Trockenheit und Borkenkäfern ohnehin schon geschwächten Bäumen ist aber nicht unbeträchtlich, und auch die heimischen Dachdecker hatten so manche Inspektion vorzunehmen. Am schlimmsten hat es das Haus von Michael Ventura an der Grürmannsheider Straße und das der Familie Horstmann an der Oeger Straße getroffen.

Der 59-jährige Michael Ventura lebt seit 1996 an der Grürmannsheider Straße, von seiner Haustür bietet sich ihm ein malerischer Ausblick. Anders als die meisten Oestricher blickt er auf die Autobahn nicht von unten, sondern aus der Vogelperspektive. „Jedes Jahr wird die Aussicht schöner“, scherzt er trotz der alles andere als schönen Situation und meint damit die immer kahler werdenden Hänge. Das Umfeld seines Hauses ist ein Trümmerfeld, überall muss man über Äste, Zweige und zerbrochene Dachpfannen steigen. „Die waren eigentlich mit Sturmhaken gesichert“, brummt er.

Gleich zwei größere Bäume sind aufs Dach gekracht, als der Sturm ab dem Nachmittag Fahrt aufnahm. „Ich war noch wach, das hat einen mächtigen Schlag gegeben“, erinnert er sich. „Eigentlich hätte ich gedacht, dass die toten Bäume da drüben umfallen“, sagt er und deutet auf eine Baumgruppe, die in der Tat einen vertrockneten Eindruck macht. Die inzwischen zersägten Bäume von seinem Dach seien noch gesund gewesen.

Der Borkenkäfer hat viel mehr angerichtet als „Sabine“

Das bedauert auch der Oestricher Biobauer Arno Geitmann, der als Waldbesitzer, unterstützt von Vater, Patenonkel, Schwager und Cousin, mit Trecker und Kettensäge im Einsatz ist. „Die Bäume hat mein Großvater mal gepflanzt, um die 40 Jahre muss das her sein. Weihnachtsbäume sollten das ursprünglich mal werden“, berichtet er. Bei der Pflege des Waldstücks hilft er schon seit er denken kann – viel ist nicht mehr übrig. Beziffern kann er den Schaden durch „Sabine“ nicht, der Borkenkäfer hat in jedem Fall mehr angerichtet. Michael Ventura rechnet nach Auskunft eines Dachdeckers mit Reparaturkosten im Bereich von etwa 7000 bis 8000 Euro.

Während die Geitmanns Stämme zersägen und den Hang hinauf schleppen, biegen sich die noch vorhandenen Bäume bedrohlich in den Böen, die am Montag auch beim Autofahren noch immer riskant sind. „Wir hören bald auf hier, sonst wird es zu gefährlich“, erklärt Arno Geitmann.

Beate Horstmann wohnt mit ihrem Ehemann in einem alten Forsthaus oberhalb der Oeger Straße, in Sichtweite des alten und neuen Thyssenkrupp-Fortbildungszentrums. „Ich hatte geschlafen, der Knall hat mich aufgeweckt. Mein Mann hat es vom Fenster gesehen“, berichtet sie. Der Schaden liege einer ersten Schätzung zufolge wohl im Bereich um 2500 Euro. Entgegen des allgemein großen Zuspruchs, den die Rettungskräfte derzeit für ihren Einsatz erfahren, ärgert sich Beate Horstmann über das Verhalten der Feuerwehr: „Die wollten nicht rausfahren. Das Grundstück gehört Rheinkalk, die seien zuständig. Wir haben dann einen Dachdecker gefunden, der sich nach unserem Anruf sofort auf den Weg gemacht und das Dach gesichert hat.“ Im Bereich um das Haus sei es gefährlich gewesen, so die Bewohnerin.

Auch Michael Ventura ist nicht glücklich mit dem Erlebten. „Die kamen, haben sich das angeguckt und sind wieder weggefahren“, berichtet er. Konfrontiert mit diesen Vorwürfen erklärt ein Sprecher der Feuerwehr Iserlohn: „Wenn Gefahr für Leib und Leben in Verzug ist, reagieren wir sofort.“ Auch um öffentliche Verkehrswege wieder befahrbar zu machen, würden eigene Kräfte aktiviert.

Von Waldspaziergängen ist vorerst dringend abzuraten

Er stellte aber auch klar: „Um Sachwerte zu retten, gefährden wir keine Menschen.“ Zu den beiden konkreten Fällen an der Grürmannsheider Straße und an der Oeger Straße wollte sich der Sprecher nicht äußern. Grundsätzlich gelte jedoch, dass die Feuerwehr auf Privatgrundstücken, außer um Gefahr für Leib und Leben abzuwenden, gar nicht mit der Kettensäge zu Werke gehen dürfe – dann nämlich träten aus öffentlichen Mitteln finanzierte Beamte als Konkurrenz zu privatwirtschaftlichen Unternehmen auf.

Beate Horstmann findet, dass in ihrem Fall sehr wohl „Gefahr im Verzug“ gewesen sei und fühlt sich im Stich gelassen. Sauer stößt ihr vor allem auf, dass sich die Leitstelle der Feuerwehr geweigert habe, den Schaden auch nur zu begutachten. Die am Sonntagabend verantwortliche Einsatzleitung konnte dazu am Montag nicht befragt werden.

In jedem Fall warnen der Deutsche Wetterdienst und die Forstämter eindringlich vor weiteren Böen und umsturzgefährdeten Bäumen und raten auch in den nächsten Tagen, mindestens bis zum Wochenende, von Waldspaziergängen ab.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben