Heimatvertriebene

Die Donauschwaben leben unter uns in Letmathe und Iserlohn

Das Kirchweih-Fest zur Erntezeit zählt zu den wichtigsten Traditionen der Donaudeutschen. Hier ein Umzug auf der Hagener Straße im September 2005.

Das Kirchweih-Fest zur Erntezeit zählt zu den wichtigsten Traditionen der Donaudeutschen. Hier ein Umzug auf der Hagener Straße im September 2005.

Foto: Pusch, Dennis / IKZ

Letmathe/Iserlohn.  Die Donauschwaben in Letmathe und Iserlohn sind in Deutschland angekommen. Ihre kulturellen Wurzeln bewahren sie noch heute

Donauschwaben weit über die Grenzen von Iserlohn hinaus trauerten unlängst um Peter Flanjak. Im Alter von 86 Jahren ist der langjährige frühere Vorsitzende des Vertriebenenverbands auf Kreis- und Landesebene, stellvertretende Bundesvorsitzende und Motor der Traditionspflege in Letmathe und Iserlohn Ende Oktober gestorben. „Rast kannte er nicht. Wann immer irgendetwas zu Ende besprochen war, wollte er direkt das nächste Projekt in Angriff nehmen“, erinnert sich Peter Flanjaks Landsmannschaftskamerad Franz Fuss, der mit seiner Ehefrau Angela an der Düsingstraße lebt – beide haben in diesem Jahr ihren 60. Geburtstag gefeiert und besuchen noch immer jedes Jahr ihre alte Heimat im heutigen Rumänien.

Es ist ruhig geworden um die Donauschwaben, die bis vor etwa zehn Jahren mit ihrem Silvesterball noch regelmäßig den Saalbau füllten und zu verschiedenen Gelegenheiten öffentlichkeitswirksam auftraten: mit Gesangs- und Tanzveranstaltungen in traditioneller Tracht und Umzügen zum Kirchweihfest. Öffentlich aktiv ist heute noch der Singkreis mit 28 Mitgliedern, der Iserlohner Verband zählt rund 90 zahlende Mitglieder. „Im Raum Iserlohn waren mal über 400 Familien aktiv, und in Nordrhein-Westfalen gab es früher 30 Kreisverbände“, erinnert sich Franz Fuss – heute seien es nur noch zwei.

Laut einer Schätzung des Arbeitskreises Dokumentation der Donauschwäbischen Kulturstiftung München hatten etwas mehr als 1,2 der insgesamt rund 1,5 Millionen Donaudeutschen im Jahr 1945 Krieg, Vertreibung und Internierung überlebt. Etwa 810.000 migrierten später nach Deutschland, 150.000 nach Österreich, die übrigen in die USA, nach Kanada, Brasilien, Argentinien, Australien und in andere Länder. „Je weiter man in Deutschland nach Süden kommt, desto mehr von uns gibt es“, sagt Franz Fuss zur Verteilung in der Bundesrepublik. Er selbst flüchtete 1982 nach Deutschland. „Der Grund waren nicht politische Repressalien, sondern die schlechte Versorgungslage“, erklärt er und spielt damit auf den wirtschaftlichen Niedergang Rumäniens unter der Diktatur von Nicolae Ceaușescu an.

Mit Papieren, Schokolade und Hoffnung über die Grenze

Zusammen mit dem Vater eines Freundes ließ er sich in den Waggon eines Güterzuges einsperren, der nach Gütersloh fahren sollte – im Gepäck kaum mehr als Ausweispapiere und Tafelschokolade. „Ich war 22 Jahre alt, da nimmt man Risiken in Kauf“, sagt Franz Fuss rückblickend. „Andere wurden erwischt, ich hatte Glück.“ Er war gelernter Schlosser und fand in Deutschland bald Arbeit, später studierte er Maschinenbau an der FH Südwestfalen. Dass es ihn nach Iserlohn verschlug, hat mit dem Zuweisungsverfahren der Spätaussiedler im Bundesgebiet zu tun. „Ich hatte Verwandte in Deutschland, aber ich wusste nicht wo. Nach Nordrhein-Westfalen zu kommen war kein Problem, die meisten wollten nach Baden-Württemberg und Bayern.“

Für Peter Flanjak wurde die Landsmannschaft zur Herzensangelegenheit, nachdem sich 1952 zunächst der Landesverband und dann der Kreisverband formiert hatte. „Anfangs ging es um praktische Unterstützung wie Hilfe bei Behördengängen. Im Laufe der Zeit rückte der kulturelle Aspekt immer mehr in den Vordergrund“, so Franz Fuss zur Entwicklung.

Bei der Gründung der Tanzgruppe 1989 engagierten sich Helmuth und Enikö Fuhro, später übernahm Beate Lupascu die Leitung. Die Jugend im Verein betreute Birgit Hübinger, den Singerkreis leitet noch heute Bernd Winkler – wegen Corona lägen dessen Aktivitäten notgedrungen auf Eis, bedauert Franz Fuss. Die Bewahrung der Tradition habe in Iserlohn immer auch Spaß machen sollen, betonen er und seine Frau Angela. Weil man sich geöffnet habe, statt Veranstaltungen nur für die Landsleute anzubieten und auch beim Repertoire von Tanz und Gesang über den Tellerrand hinausblickte, seien die großen Events wie im Städtischen Saalbau stets ein großer Erfolg mit stellenweise mehr als 300 Gästen gewesen.

Auch das sei nicht zuletzt Peter Flanjak zu verdanken, betont Franz Fuss: „Peter delegierte Aufgaben frühzeitig an ­Jüngere. Diese Weitsicht hat sich später ausgezahlt.“ Den Vorsitz hatte Flanjak 1987 übernommen, als der Kreisverband Iserlohn kurz vor der Auflösung stand. „Wir waren in Deutschland angekommen, bei vielen hatte das Interesse nachgelassen. Damals entschieden sich aber mehr as 90 Prozent der Mitglieder, weiterzumachen.“ Das habe wohl auch daran gelegen, dass mit dem Fall des Eisernen Vorhangs eine zweite Welle der Aussiedler den Verein verjüngte.

Die heute noch in der Landsmannschaft aktiven Donauschwaben wollen ihre kulturellen Wurzeln weiter bewahren. Was diese ausmacht, verdeutlicht Franz Fuss am Beispiel seiner Heimatstadt Hatzfeld (heute Jimbolia) in Rumänien: „Die Siedler waren aus ganz unterschiedlichen Teilen Deutschlands gekommen, ein kleinerer Teil aus anderen europäischen Ländern. In jedem Dorf bildeten diese Herkünfte eine andere Mischung. Obwohl die nur ein paar Kilometer auseinander lagen, hatte jedes seinen eigenen Dialekt, man hörte also sofort, wo jemand wohnte.“ Angela Fuss ist stolz auf ihre Landsleute, denn diese hätten der sprichwörtlichen schwäbischen Tüchtigkeit alle Ehre gemacht: „Aus allen ist etwas geworden.“

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